Er ist am Rheine König, was soll ich sagen mehr? Nur um deinetwillen fuhren wir hierher. Er will dich gerne minnen, was ihm geschehen mag. Nun bedenke dich bei Zeiten: Mein Herr lässt nimmermehr nach. (433) Er ist geheißen Gunther, ein König reich und hehr; Erwirbt er deine Minne, nichts weiter wünscht er mehr. Mit ihm bin ich gefahren in dieses Land um dich! Wenn er mein Herr nicht wäre, so ließ ich es sicherlich.” (434) Sie sprach: “Ist er dein Herre, stehst du in seinem Lehn, Kann er, die ich erteile, meine Spiele dann bestehn Und bleibt darin der Meister, so wird ich sein Weib: Gewinn ich aber eines, es geht euch allen an den Leib.” (435) Da sprach der Tronje Hagen: “Nun zeigt uns, Königin, Was ihr für Spiel' erteilet. Eh euch den Gewinn Mein Herre Gunther ließe, so müsst es übel sein: Er getraut wohl zu erwerben ein so schönes Mägdelein.” (436) “Den Stein soll er werfen und springen darnach, Den Speer mit mir schießen: Drum sei euch nicht zu jach. Ihr könnt hier leicht verlieren die Ehr und auch den Leib: Das geb ich zu bedenken,” sprach das minnigliche Weib. (437) Siegfried der schnelle ging vor den König hin Und bat ihn frei zu reden mit der Königin Ganz nach seinem Willen; angstlos soll' ersein: “Ich will dich wohl beschützen vor ihr mit den Listen mein.” (438) Da sprach der König Gunther: “Königstochter hehr: Erteilt mir was ihr wollet und wär es auch noch mehr, Das beständ ich alles um euern schönen Leib: Mein Haupt will ich verlieren, so ihr nicht werdet mein Weib.” (439) Als da seine Rede vernahm die Königin, Bat sie, wie ihr geziemte, das Spiel nicht zu verziehn. Sie ließ sich zum Streite bringen ihr Gewand, Einen goldnen Panzer und einen gutes Schildesrand. (440) Ein Waffenhemd von Seide zog sich an die Maid, Das konnte keine Waffe verletzen je im Streit, Von Zeugen wohl geschaffen aus Libya dem Land: Lichtgewirkte Borten ergänzten an seinem Rand. (441) Derweilen hatt ihr Übermut den Gästen schwer bedräut: Dankwart und Hagen die standen unerfreut; Wie es dem Herrn erginge besorgte sehr ihr Mut; Sie dachten: “Unsre Reise bekommt uns Recken nicht gut.” (442) Derweilen war auch Siegfried, der waidliche Mann, An das Schiff gegangen, eh wer darüber sann, Wo er die Tarnkappe verborgen liegen fand, In die er hurtig schlüpfte; da ward er niemand bekannt. (443) Er eilte bald zurücke, da sah er Recken viel; Es ordnete die Königin allda ihr hohes Spiel. Er ging hinzu verstohlen und dass ihn niemand sah Von allen die da waren; gar listiglich das geschah. (444) Es war ein Kreis gezogen, wo das Spiel geschehn Vor kühnen Recken sollte, die es wollten sehn. Wohl an siebenhundert sah man Waffen tragen: Wer den Sieg errungen, das sollten sie nach Wahrheit sagen. (445) Da war Brunhild gekommen, die man gewaffnet fand, Als ob sie streiten wolle nun aller Könge Land. Wohl trug sie auf der Seide der Stäblein viel von Gold; Ihre lichte Farbe glänzte darunter hold. (446) Nun kam ihr Gesinde, das trug an der Hand Aus allrotem Golde einen Schildesrand Mit hartem Stahlbeschlage, mächtig groß und breit, Worunter spielen wollte diese minnigliche Maid. (447) An einer edeln Borte ward ihr Schild getragen, Darauf Edelsteine, wie Gras so grüne, lagen; Die warfen mannigfaltig Gefunkel auf das Gold. Der bedurfte große Kühnheit, dem die Jungfrau wurde hold. (448)