Die Gruppe erwartete in erwartungsvollem Schweigen die Antwort des Ersten Offiziers. Benj benotigte fur die Ubersetzung, die er McDevitt zumurmelte, nur wenige Augenblicke langer, als die Durchsage selbst beanspruchte. Als die Antwort schlie?lich kam, bestand sie aus kaum mehr als einer Bestatigung und dem freundlichen Hinweis, da? man wirklich sehr dringend hilfreiche Informationen brauche; die Wissenschaftler der Kwembly wurden das angeforderte Material umgehend durchgeben.

Easy schaltete einen Recorder ein, um spezielle technische Termini zu registrieren, bevor sie an die Ubersetzung ging, aber die Meldung kam in menschlicher Sprache. Offensichtlich war Borndender am Gerat. McDevitt machte sich Notizen, wobei Benj ihm uber die Schultern blickte.

Es war Easy durchaus recht, nicht immer und alles ubersetzen zu mussen. Sie beherrschte das Stennish gut, aber es enthielt viele seltsame Worter, die verwirrend vieldeutig waren. Eigentlich, so wu?te sie, hatte diese Tatsache sie nicht verwirren durfen, aber sie vermochte nichts dagegen zu tun; und nichts gegen ihr Empfinden, da? die Meskliniten eine Kulturstufe reprasentierten, die der menschlichen zur Zeit Robin Hoods oder Harun al Raschids entsprach, obwohl wahrend der letzten funfzig Jahre einige hundert von ihnen eine sehr umfassende wissenschaftliche und technische Ausbildung genossen hatten. Diesen Vorzug hatte man keiner breiten Offentlichkeit zuteil werden lassen; die Auffassung, es sei schadlich, >Ruckstandigen< zuviel fortgeschrittenes Wissen zu vermitteln, besa? zahlreiche Anhanger.

Nachdem Borndender seine Durchsage beendet hatte, murmelte McDevitt einen hastigen Dank ins nachste Mikrofon und verlie? eilig, gefolgt von seinem Assistenten, den Raum. Easy sprach eine korrektere Bestatigung und unterbrach die Verbindung. Dann, nachdem sie entschieden hatte, da? ihre Anwesenheit im Meteorologischen Labor sinnlos sein wurde, lehnte sie sich im Sessel zuruck, damit sie einen guten Uberblick uber alle vier Bildschirme erhielt, und erwartete die weiteren Ereignisse.

Mersereau kehrte einige Minuten nach dem Verschwinden der beiden Meteorologen zuruck, inzwischen uber den neuesten Stand der Dinge informiert. Doch sonst schien uberhaupt nichts mehr geschehen zu wollen.

Easy spielte mit dem Gedanken, mit Kervenser nochmals eine Konversation zu beginnen; sie kannte den Erste n Offizier fast so gut wie den Captain und mochte ihn gern. Aber das Bewu?tsein, da? die Verzogerung zwischen den jeweiligen Durchsagen unvermeidlich war, entmutigte sie, wie oftmals, wenn es nichts Wichtiges zu besprechen gab und sie daran dachte, ein belangloses Gesprach zu fuhren.

Sogar zwischen ihr und Mersereau gab es kaum etwas zu sagen, das nicht schon gesagt worden ware. Ein Jahr Zusammenarbeit bot genug Gelegenheit, um den meisten Gesprachsstoff auszuschopfen, abgesehen von beruflichen Angelegenheiten und personlichen Interessen. In personlichen Dingen hatte sie mit Mersereau wenig gemein, obschon er ihr durchaus sympathisch war, und ihre professionellen Tatigkeiten uberschnitten sich nur in der Kommunikation mit den Meskliniten.

Folglich war es sehr still im Kommunikationsraum. Alle paar Minuten schickte dieses oder jenes der Fahrzeuge einen Bericht, der unverzuglich weitergeleitet wurde; aber die Mehrzahl der Anwesenden hatte fur Geplauder nicht mehr Anla? als Easy und Mersereau. Sie begann zu kalkulieren, wann die Meteorologen mit ihrer neuen Vorhersage kommen wurden und wie brauchbar sie sein mochte. Vermutlich diskutierten sie noch — Easy kannte ihren Sohn nur zu gut. Doch die beiden mu?ten bald eintreffen.

Aber bevor sie kamen, anderte sich die Lage.

Urplotzlich erregte der Bildschirm, der die Brucke der Kwembly zeigte, ihre Aufmerksamkeit. Das Bild war bislang ruhig gewesen, mit grauen, von gefrorenem Ammoniak verhangenen Sichtflachen, im Vordergrund ein fast regloser Korperausschnitt des Ste uermanns, der die Kwembly beharrlich im Kreis lenkte, wie Kervenser befohlen hatte.

Dann klarten die Fenster sich plotzlich, aber nach wie vor lie? sich wenig erkennen; der Aufnahmewinkel der Kamera erlaubte innerhalb des Scheinwerferlichts keinen Ausblick auf die Oberflache. Zwei andere Meskliniten tauchten auf, drangten sich an eine der Sichtflachen, starrten hinaus und gestikulierten in unmi?verstandlicher Besturzung. Mersereau deutete auf einen anderen Schirm; auch im Labor herrschte Aufregung. Eine Meldung blieb aus. Offensichtlich waren die Meskliniten zu sehr mit einem akuten Problem beschaftigt.

In diesem Moment kehrten die beiden Meteorologen zuruck. Easy bemerkte ihre Ankunft im Augenwinkel und wandte sich nicht um. „Habt ihr diesmal eine taugliche Vorhersage?“ sagte sie nervos.

„Ja“, behauptete McDevitt kurz. „Soll Benj den Text ubersetzen?“

„Nein. Es scheint, als ob sie in ernsten Schwierigkeiten seien. Du kannst selbst sprechen, weil Dondragmer in dieser Situation auf der Brucke ist oder sich dort einfinden wird, bevor die Durchsage eintrifft. Hier, nimm das Mikrofon.“

Der Meteorologe kam der Aufforderung wortlos nach. Er ruckte sich im Sessel zurecht und begann zu sprechen.

„Dondragmer, die Sichtminderung wird ungefahr neunzehn Stunden lang anhalten. Die Temperatur sinkt, und der Nebel wird sich in Ammoniakkristalle verwandeln, die sich auf euren Fenstern nicht niederschlagen. Nach Ablauf von weiteren funf Stunden wird der Wind sich allmahlich gelegt haben. Bis dahin durfte die Temperatur so niedrig sein, da? ihr euch um einen eutektischen Schmelzproze? nicht mehr zu sorgen braucht. Fur funfundvierzig Stunden werden hohere Wolkenfelder…“ Er sprach weiter, aber Easy horte nicht langer zu.

Ehe McDevitt den zweiten Satz beendet hatte, lange bevor seine Nachricht Dhrawn erreichte, war ein weiterer Mesklinit auf die Brucke geeilt, dessen groteskes Gesicht nunmehr fast den ganzen Bildschirm ausfullte. Einer seiner zangenbewehrten Arme langte zur Seite, verschwand au?erhalb des Blickfelds; Easy wu?te, da? er den Sender aktivierte. Sie war nicht uberrascht, da? die Stimme des Captains weitaus ruhiger klang, als sie es unter ahnlichen Umsta nden mit ihrer Stimme zuwege gebracht hatte.

„Easy, oder wer gerade am Apparat ist, bitte sofort dringende Meldung an Barlennan weitergeben. Die Temperatur ist in den letzten Minuten auf einhundertdrei Grad gestiegen, der Reifbelag der Sichtflachen ist abgeschmolzen, und das Fahrzeug schwimmt.“

3

Vielleicht war es peinlich fur Dondragmer, da? er die Meldung in menschlicher Sprache durchgegeben hatte, aber die Zeit, die eine Ubersetzung beansprucht hatte, ware womoglich geeignet gewesen, den Schock fur McDevitt ein wenig zu lindern. Das schlimmste daran, erzahlte der Meteorologe spater, war die Erkenntnis, da? seine Wettervorhersage unterwegs nach Dhrawn war und sich dagegen nichts mehr tun lie?. Fur einen winzigen Sekundenbruchteil kam ihm der aberwitzige Gedanke, sofort in ein Schiff zu sturzen, den Radiowellen hinterdrein zu rasen und sie irgendwie aufzuhalten. Naturlich war die Idee blo? eine Ausgeburt seiner momentanen Verzweiflung; innerhalb von zweiunddrei?ig Sekunden konnte viel geschehen, doch nicht so etwas. Davon abgesehen, war keiner der Tender, die dem Satelliten zur Verfugung standen, mit Uberlichtantrieb ausgerustet. Man setzte sie hauptsachlich zur Betreuung der unbemannten Me?satelliten ein.

Easy, die im Nachbarsessel sa?, schien die Diskrepanz zwischen der Vorhersage und Dondragmers Meldung gar nicht aufgefallen zu sein; zumindest verzichtete sie darauf, ihm die Art von Blick zuzuwerfen, die ihm schon zur Genuge bekannt war. Nun, deshalb sa? sie an diesem verantwortungsvollen Platz.

Die Frau schaltete am Selektor und richtete ihre Aufmerksamkeit auf einen kleineren Bildschirm, der sich uber den vier anderen befand. Zuerst leuchtete ein Indikator rot auf; dann, als sie weitere Schaltungen vornahm, wurde er grun, und zugleich erschien die Wiedergabe eines buroahnlichen Raums samt einem ganzen Dutzend Meskliniten, die sich darin aufhielten, auf dem Bildschirm. Easy begann sofort zu berichten.

Sie fa?te sich kurz. Mehr als eine Wiederholung von Dondragmers Meldung konnte sie sowieso nicht ubermitteln, und sie war fertig damit, ehe irgend etwas auf dem Schirm darauf schlie?en lie?, da? man sie horte.

Als endlich eine Reaktion erfolgte, war sie immerhin zufriedenstellend. Samtliche sichtbaren Raupenwesen eilten heruber zum Kommunikator.

Easy hatte das mesklinitische Mienenspiel niemals deuten lernen konnen, aber die wild gestikulierenden Arme und schnappenden Zangen schlossen jedes Mi?verstandnis aus. Eines der Geschopfe scho? durch eine halbkreisformige Tur aus dem Raum und wirkte dabei wie ein schwarzroter Blitz; ein sich schnell bewegender Mesklinit bei vierzigfacher Erdschwerkraft schien fur das menschliche Auge keine Beine mehr zu besitzen.

Im Kommunikationsraum des Satelliten entwickelte sich eine gedampfte Unterhaltung. Es war nicht

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