»Ich bin ein einfacher Bastaix. Reichtum ist nur etwas fur Adlige und Handler.«

»Und auch fur dich, dafur werde ich schon sorgen. Wenn du klug vorgehst und dich an Sahats Anweisungen haltst, habe ich keinen Zweifel, dass es dir gelingen wird.« Arnau sah ihn an, wahrend er auf weitere Erklarungen wartete. »Wie du wei?t«, fuhr Hasdai fort, »ist die Pest auf dem Ruckzug. Es treten nur noch vereinzelte Falle auf, doch die Auswirkungen der Seuche sind erschreckend. Niemand wei? genau, wie viele Menschenleben sie in Barcelona gefordert hat, aber bekannt ist, dass vier von funf Ratsherren gestorben sind. Und das kann schlimme Folgen haben. Nun, die Sache ist Folgende: Unter den Toten sind viele Geldwechsler, die ihr Geschaft in Barcelona hatten. Ich wei? es, weil ich mit ihnen zusammengearbeitet habe und sie nun nicht mehr da sind. Ich glaube, wenn du Interesse daran hast, konntest du in den Geldwechsel einsteigen …«

»Ich habe keine Ahnung von Geldgeschaften«, unterbrach ihn Arnau. »Au?erdem muss man eine Prufung ablegen, und ich habe keine Ahnung von diesen Dingen.«

»Die Geldwechsler mussen das noch nicht«, antwortete Hasdai. »Ich wei?, dass man den Konig aufgefordert hat, Bedingungen zu erlassen, aber noch hat er es nicht getan. Der Geldwechsel ist ein freier Beruf, solange du dein Geschaft versicherst. Was die Kenntnisse betrifft, so hat Sahat mehr als genug davon. Er wei? wirklich alles uber den Geldwechsel. Er arbeitet seit vielen Jahren fur mich. Ich habe ihn gekauft, weil er ein Experte in diesen Transaktionen war. Wenn du ihn gewahren lasst, wirst du rasch dazulernen und Erfolg haben. Obwohl er ein Sklave ist, ist er ein absolut vertrauenswurdiger Mann, der dir sehr verbunden ist fur das, was du fur meine Kinder getan hast – die einzigen Menschen, die er je geliebt hat. Sie sind seine Familie.« Hasdai sah Arnau fragend an. »Und?«

»Ich wei? nicht …«, zogerte Arnau.

»Du kannst auf meine Hilfe zahlen und die aller Juden, die von deiner mutigen Tat wissen. Wir sind ein dankbares Volk, Arnau. Sahat kennt alle meine Handelspartner rund ums Mittelmeer, in Europa und sogar im fernen Orient, in den entlegenen Gegenden des Sultans von Agypten. Du wirst eine gute Grundlage fur deine Geschafte haben und wir werden dir am Anfang helfen. Es ist ein guter Vorschlag, Arnau. Du wirst keinerlei Probleme haben.«

Arnaus skeptische Zustimmung setzte die ganze Maschinerie in Gang, die Hasdai bereits vorbereitet hatte. Erste Regel: Niemand, wirklich niemand durfte wissen, dass Arnau von den Juden unterstutzt wurde. Das wurde ihm schaden. Hasdai uberreichte ihm einen Beleg, demzufolge alles Geld, uber das er verfugte, von einer alten Christin aus Perpignan stammte, und formal war es auch so.

»Wenn dich jemand danach fragt«, riet ihm Hasdai, »dann antworte nicht. Wenn dir nichts anderes ubrig bleibt, dann hast du geerbt. Du wirst ziemlich viel Geld brauchen«, fuhr er fort. »Zunachst einmal musst du deine Wechselstube beim Magistrat von Barcelona versichern und eine Sicherheit von tausend Silbermark hinterlegen. Dann musst du ein Haus im Viertel der Geldwechsler kaufen oder anmieten, in der Canvis Vells oder der Canvis Nous, und es fur deine Zwecke herrichten. Schlie?lich brauchst du weiteres Geld, um mit der Arbeit zu beginnen.«

Geldwechsler! Warum eigentlich nicht? Was war ihm von seinem alten Leben geblieben? Alle seine Lieben waren an der Pest gestorben. Hasdai schien uberzeugt zu sein, dass die Wechselstube mit Sahats Hilfe funktionieren wurde. Er konnte sich nicht einmal vorstellen, wie das Leben eines Geldwechslers aussah. Er wurde reich werden, hatte ihm Hasdai versichert. Was machte man als reicher Mann? Plotzlich musste er an Grau denken, den einzigen Reichen, den er kannte, und er hatte ein flaues Gefuhl im Magen. Nein, er wurde niemals so werden wie Grau.

Er versicherte seine Wechselstube mit den tausend Silbermark, die Hasdai ihm gab, und schwor vor dem Magistrat, Falschgeld zu melden – er fragte sich, wie er die Munzen erkennen sollte, wenn Sahat einmal nicht da war – und es mit einer speziellen Zange, die jeder Geldwechsler haben musste, entzweizubrechen. Der Magistrat legalisierte mit seiner Unterschrift die riesigen Rechnungsbucher, in denen Arnaus Geschaftsaktionen festgehalten werden sollten, und wahrend in Barcelona nach der Beulenpest das Chaos herrschte, erhielt er die Genehmigung, eine Wechselstube zu eroffnen. Es wurde festgesetzt, an welchen Tagen und zu welchen Uhrzeiten er sich vor seinem Laden befinden musste.

Der zweite Ratschlag, den Hasdai ihm mitgab, betraf Sahat.

»Niemand darf wissen, dass er ein Geschenk von mir ist. Sahat ist bestens bekannt unter den Geldwechslern, und wenn jemand davon erfahrt, bekommst du Schwierigkeiten. Als Christ kannst du Geschafte mit Juden machen, aber sieh dich vor, dass man dich nicht einen Judenfreund nennt. Da ist noch ein weiteres Problem mit Sahat, von dem du wissen solltest: Nur wenige Geldwechsler wurden seinen Verkauf verstehen. Ich hatte Hunderte von Angeboten fur ihn, darunter sehr gro?zugige, doch ich habe mich stets geweigert, sowohl wegen seines Sachverstands als auch wegen seiner Liebe zu meinen Kindern. Sie wurden es nicht verstehen. Deshalb haben wir uns uberlegt, dass Sahat zum Christentum konvertiert …«

»Er konvertiert?«, unterbrach ihn Arnau.

»Ja. Es ist uns Juden verboten, christliche Sklaven zu besitzen. Wenn einer unserer Sklaven konvertiert, mussen wir ihn freilassen oder an einen anderen Christen verkaufen.«

»Und werden ihm die anderen Geldwechsler diese Bekehrung abnehmen?«

»Eine Pestepidemie kann jeden Glauben erschuttern.«

»Ist Sahat zu diesem Opfer bereit?«

»Das ist er.«

Sie hatten daruber gesprochen, nicht wie Herr und Sklave, sondern wie zwei Freunde, die sie im Laufe der Jahre geworden waren.

»Warst du dazu bereit?«, hatte Hasdai gefragt.

»Ja«, antwortete Sahat. »Allah – gelobt und gepriesen sei er! – wird es verstehen. Du wei? ja, dass die Ausubung unseres Glaubens in christlichen Landern verboten ist. Wir kommen unseren Verpflichtungen heimlich nach, in der Verschwiegenheit unserer Herzen. Und so wird es bleiben, ganz gleich, wie viel Weihwasser man mir uber den Kopf schuttet.«

»Arnau ist ein glaubiger Christ«, stellte Hasdai klar. »Wenn er davon erfahrt …«

»Er wird es nie erfahren. Wir Sklaven kennen uns bestens in der Kunst der Verstellung aus. Nein, das gilt nicht fur dich, aber ich bin uberall Sklave, wo ich hingehe. Oft hangt unser Leben davon ab.«

Die dritte Regel blieb ein Geheimnis zwischen Hasdai und Sahat.

»Ich muss dir nicht sagen, Sahat«, erklarte sein fruherer Herr mit bewegter Stimme, »wie dankbar ich dir fur

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