Stuckchen Katalonien in der Ferne. Sie sind extraterritorial und unterstehen dem Konsul, nicht den Behorden des Landes, in dem sie sich befinden.«
»Und was sagen diese Lander dazu?«
»Alle Regierungen sind am Handel interessiert. Sie erheben Steuern und fullen ihre Kassen. Der Handel ist eine Welt fur sich, Arnau. Wir mogen uns im Krieg mit den Sarazenen befinden, aber dennoch besitzen wir bereits seit dem vergangenen Jahrhundert Konsulate etwa in Tunis oder Bejaia. Keine Sorge: Kein Maurenfuhrer wird die katalanischen Handelshofe angreifen.«
Arnaus Wechselstube florierte. Die Pest hatte die katalanischen Geldwechsel dezimiert und Guillem war eine Garantie fur die Anleger. Als die Epidemie abebbte, holten die Leute das Geld hervor, das sie in ihren Hausern aufbewahrt hatten. Doch Guillem konnte nicht schlafen. »Verkauf sie auf Mallorca«, hatte ihm Hasdai bezuglich der Sklaven geraten, damit Arnau nichts davon erfuhr. Und so gab Guillem die entsprechenden Anweisungen. Leider!, fluchte er, wenn er sich zum ungezahlten Male im Bett umdrehte. Er hatte sich an eines der letzten Schiffe gewandt, die Barcelona in der Seefahrtsaison verlie?en. Es ging schon auf Oktober zu. Byzanz, Palastina, Rhodos und Zypern – das waren die Ziele der vier Handler, die im Auftrag des Barceloneser Geldwechslers Arnau Estanyol an Bord waren. Sie hatten Wechselbriefe dabei, die Guillem Arnau zur Unterschrift vorgelegt hatte. Dieser hatte nicht einmal einen Blick darauf geworfen. Die Handler sollten Sklaven kaufen und nach Mallorca bringen. Guillem walzte sich erneut herum. Sein ungutes Gefuhl lie? ihm keine Ruhe.
Als ein Jahr nach seinem ersten Versuch der Aufschub endete, den er Jaime von Mallorca gewahrt hatte, eroberte Konig Pedro trotz der Vermittlung des Papstes endgultig Sardinien und das Roussillon. Nachdem sich die meisten seiner Stadte ergeben hatten, kniete Jaime am 15. Juli 1344 mit entblo?tem Haupt vor seinem Schwager nieder, um seine Gnade zu erbitten und dem Grafen von Barcelona seine Landereien zu ubergeben. Konig Pedro uberlie? ihm die Herrschaft Montpellier und die Vizegrafschaften Omelades und Carlades, behielt jedoch die katalanischen Landereien seiner Vorfahren: Mallorca, das Roussillon und Sardinien.
Doch nachdem Jaime sich zunachst ergeben hatte, scharte er ein kleines Heer aus sechzig Reitern und dreihundert Fu?soldaten um sich und fiel erneut in Sardinien ein, um gegen seinen Schwager zu kampfen. Konig Pedro zog diesmal nicht einmal selbst in den Kampf, sondern schickte lediglich seine Statthalter. Mude, kampfverdrossen und geschlagen, suchte Konig Jaime Zuflucht bei Papst Clemens VI. der nach wie vor auf seiner Seite stand. Hier, unter Mitwirkung der Kirche, wurde die letzte Strategie ausgeklugelt: Jaime III. verkaufte die Herrschaft Montpellier fur zwolftausend Goldescudos an Konig Philipp VI. von Frankreich. Mit dieser Summe und den Krediten der Kirche stattete er eine Flotte aus, die ihm Konigin Johanna von Neapel zur Verfugung stellte, und landete 1349 erneut auf Mallorca.
Es war vorgesehen, dass die Sklaven mit den ersten Lieferungen des Jahres 1349 eintreffen sollten. Es stand eine Menge Geld auf dem Spiel, und falls etwas schiefging, war Arnaus Name bei den Handelspartnern, mit denen er in Zukunft zusammenarbeiten musste, mit einem Makel behaftet – da mochte Hasdai noch so sehr fur ihn burgen. Er hatte die Wechselbriefe unterzeichnet, und selbst wenn Hasdai als Burge eintrat, kannte der Handel keinen Pardon, wenn ein Wechsel nicht bezahlt wurde. Die Beziehungen mit den Handelspartnern in fernen Landern beruhten auf Vertrauen, blindem Vertrauen. Wie sollte sich ein Geldwechsler behaupten, der sein erstes Geschaft in den Sand setzte?
»Er hat mir gesagt, wir sollen alle Routen uber Mallorca meiden«, gestand er eines Tages Hasdai, dem Einzigen, mit dem er offen reden konnte.
Die beiden sa?en im Garten des Juden. Sie vermieden es, sich anzusehen, doch sie wussten, dass sie in diesem Augenblick dasselbe dachten. Vier Sklavenschiffe! Dieses Unternehmen konnte sogar Hasdai ruinieren.
»Was soll aus dem Handel und dem Wohlstand der Katalanen werden, wenn Konig Jaime nicht einmal in der Lage ist, sein Wort zu halten, das er am Tag seiner Kapitulation gegeben hat?«, fragte Guillem und sah Hasdai an.
Hasdai antwortete nicht. Was sollte er sagen?
»Vielleicht wahlen deine Handler einen anderen Hafen«, sagte er schlie?lich.
»Barcelona?«, fragte Guillem und wiegte zweifelnd den Kopf.
»Niemand konnte so etwas vorhersehen«, versuchte ihn der Jude zu beruhigen.
Arnau hatte seine Kinder vor dem sicheren Tod gerettet, das trostete ihn uber alles andere hinweg.
Im Mai 1349 entsandte Konig Pedro die katalanische Flotte nach Mallorca, mitten in der Seefahrts- und Handelssaison.
»Zum Gluck haben wir kein Schiff nach Mallorca geschickt«, bemerkte Arnau eines Tages.
Guillem blieb nichts anderes ubrig, als zu nicken.
»Was wurde geschehen, wenn wir es getan hatten?«, wollte Arnau wissen.
»Wie meinst du das?«
»Wir haben Geld von den Leuten erhalten und es in Warengeschafte investiert. Wenn wir ein Schiff nach Mallorca geschickt hatten und es dort von Konig Jaime aufgebracht worden ware, hatten wir weder das Geld noch die Waren und konnten die Einlagen nicht zuruckzahlen. Wir tragen das Risiko fur die Warengeschafte. Was wurde dann geschehen?«
»Wenn ein Geldwechsler die Einlagen nicht zuruckzahlen kann, gewahrt ihm der Magistrat eine Frist von sechs Monaten, um seine Schulden zu begleichen. Hat er die Ausstande nach dieser Frist nicht beglichen, wird er bankrott erklart und bei Wasser und Brot eingekerkert. Sein Besitz wird verkauft, um seine Glaubiger auszuzahlen …«
»Ich habe keinen Besitz.«
»Wenn der Besitz nicht ausreicht, um die Schulden zu begleichen«, erklarte Guillem weiter, »wird ihm vor seiner Wechselstube der Kopf abgeschlagen, als abschreckendes Beispiel fur die ubrigen Geldwechsler.«
Arnau schwieg.
Guillem wagte es nicht, ihn anzusehen. Was konnte Arnau zu all dem?
