»Warum sollte es?«, sagte Arnau. Guillem atmete auf. »Wenn Ihr es so wunscht, soll es so sein.«

Sie besiegelten das Geschaft und Abraham Levi erhob sich.

»Ich muss mich noch von einigen Freunden im Judenviertel verabschieden«, sagte er, nachdem er ihnen Lebewohl gesagt hatte.

»Ich werde Euch begleiten«, sagte Guillem mit einem fragenden Blick zu Arnau. Der nickte zustimmend.

Von dort gingen die beiden zu einem Schreiber, der ein Dokument aufsetzte, das die Einzahlung bestatigte, die Abraham Levi soeben in Arnau Estanyols Wechselstube getatigt hatte. Zugleich verzichtete dieser auf jedweden Gewinn, der aus dieser Anlage erwachsen mochte. Das Dokument unter seinen Kleidern versteckt, kehrte Guillem zur Wechselstube zuruck. Es war nur eine Frage der Zeit, dachte er, wahrend er durch Barcelona ging. Formal gehorte das Geld dem Juden – so stand es in Arnaus Buchern –, doch niemand wurde Anspruch darauf erheben konnen, denn der Jude hatte Arnau als Begunstigten eingesetzt. Unterdessen wurden die Arnau zustehenden drei Viertel des Gewinns, den dieses Kapital einbrachte, mehr als ausreichen, um sein Vermogen zu vermehren.

Am Abend, als Arnau schlief, ging Guillem in die Wechselstube hinunter. Er hatte einen losen Stein in der Wand entdeckt. Er wickelte das Dokument zum Schutz in ein festes Tuch und versteckte es hinter dem Stein, den er dann so sorgfaltig wie moglich befestigte. Irgendwann wurde er einen der Maurer von Santa Maria bitten, ihn richtig einzumauern. Dort wurde Arnaus Vermogen ruhen, bis er ihm eines Tages beichten konnte, woher das Geld wirklich stammte. Es war nur eine Frage der Zeit.

Einer langen Zeit, musste sich Guillem irgendwann eingestehen, als sie am Strand entlanggingen, nachdem sie auf dem Seekonsulat gewesen waren, um einige Angelegenheiten zu klaren. Immer noch kamen Sklaven in Barcelona an, menschliche Ware, die von den Hafenschiffern in ihren uberfullten Booten ans Ufer gerudert wurde. Kraftige Manner und Burschen, aber auch Frauen und Kinder, deren Weinen die beiden Manner zwang, den Blick abzuwenden.

»Hor mir genau zu, Guillem«, erklarte Arnau. »So schlecht es uns auch gehen mag und so notig wir es haben sollten, niemals werden wir eine Sklavenlieferung finanzieren. Lieber werde ich durch die Hand des stadtischen Magistrats meinen Kopf verlieren.«

Dann sahen sie zu, wie die Galeere den Hafen von Barcelona verlie?.

»Warum legt sie ab?«, fragte Arnau, ohne nachzudenken. »Nutzt sie die Ruckfahrt nicht, um Waren zu laden?«

Guillem sah ihn an und schuttelte fast unmerklich den Kopf.

»Sie wird zuruckkehren«, versicherte er. »Sie fahrt nur aufs offene Meer hinaus … um den Rest der Ladung loszuwerden«, setzte er stockend hinzu.

Arnau schwieg, wahrend er zusah, wie sich die Galeere entfernte.

»Wie viele sind es, die sterben?«, fragte er schlie?lich.

»Zu viele«, antwortete der Maure, wahrend seine Erinnerung zu einem ahnlichen Schiff zuruckwanderte.

»So etwas tun wir niemals, Guillem! Denk daran, niemals.«

36

1. Januar 1354

Plaza de Santa Maria del Mar

Barcelona

Wo anders sollte ein solches Ereignis stattfinden als vor der Kirche Santa Maria, dachte Arnau, wahrend er von einem Fenster seines Hauses aus beobachtete, wie sich ganz Barcelona auf dem Platz und in den angrenzenden Stra?en drangte, auf den Gerusten und auch in der Kirche selbst. Aller Augen waren auf ein Podest gerichtet, das der Konig dort hatte errichten lassen. Pedro III. hatte nicht die Plaza del Blat gewahlt, nicht die Kathedrale, nicht die Borse und auch nicht die prachtige Werft, die er selbst errichten lie?. Nein, er hatte die Kirche Santa Maria gewahlt, die Kirche des Volkes, die durch die vereinten Krafte und das Opfer seiner Untertanen erbaut wurde.

»Es gibt keinen Ort in ganz Katalonien, der den Geist der Bewohner Barcelonas besser widerspiegelt«, sagte Arnau an diesem Morgen zu Guillem, wahrend sie beobachteten, wie die Handwerker das Podest errichteten. »Und der Konig wei? das. Deshalb hat er sie gewahlt.«

Arnau durchlief ein Schauder. Sein ganzes Leben hatte sich um diese Kirche gedreht!

»Es wird uns Geld kosten«, entgegnete der Maure knapp.

Arnau drehte sich zu ihm um und wollte widersprechen, doch Guillem sah unverwandt zu dem Podest hinuber, und Arnau entschied sich, es dabei zu belassen.

Funf Jahre waren vergangen, seit sie die Wechselstube eroffnet hatten. Arnau war nun dreiunddrei?ig Jahre alt, und er war glucklich … und reich, sehr reich. Er fuhrte ein einfaches Leben, doch seine Bucher verzeichneten ein ansehnliches Vermogen.

»Lass uns fruhstucken«, sagte er und legte Guillem eine Hand auf die Schulter.

Unten in der Kuche wurden sie von Donaha und dem Madchen erwartet, das ihr half, den Tisch zu decken.

Die Sklavin blickte nicht auf, sondern bereitete weiter das Fruhstuck zu, doch als Mar die beiden hereinkommen sah, kam sie zu ihnen gerannt.

»Alle sprechen vom Besuch des Konigs!«, rief sie. »Konnen wir ihn von ganz nahe sehen? Hat er seine Ritter dabei?«

Guillem setzte sich seufzend an den Tisch.

»Er kommt, um mehr Geld von uns zu fordern«, erklarte er dem Madchen.

»Guillem!«, rief Arnau angesichts von Mars unglaubigem Gesichtsausdruck.

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