geschrien hatten. »Wir verleihen au?erdem nur Geld an Christen, die Handler sind oder mit dem An- und Verkauf von Waren zu tun haben. Vor beinahe hundert Jahren hat Konig Jaime I. der Eroberer ein Gesetz erlassen, das jedes zwischen einem judischen Geldwechsler und einem Nichthandler getatigte Warengeschaft als nichtig und von den Juden gefalscht betrachtet, sodass man niemanden belangen kann, der kein Handler ist. Wir konnen mit jemandem, der nicht im Handel tatig ist, keine Warengeschafte machen, da wir nie unser Geld zuruckbekamen.«
»Und wo ist der Unterschied?«
»Da ist ein gro?er Unterschied, Arnau. Ihr Christen seid stolz darauf, die Vorschriften eurer Kirche zu erfullen und keine Zinsen zu nehmen, und tatsachlich haltet ihr euch daran, zumindest auf den ersten Blick. Aber im Grunde tut ihr das Gleiche, nur nennt ihr es anders. Bis die Kirche die Zinsnahme unter Christen verbot, funktionierten die Geschafte so wie heute zwischen Juden und Handlern: Es gab Christen mit viel Geld, die anderen Christen, Handlern, Geld liehen, und diese zahlten ihnen das Kapital mit Zinsen zuruck.«
»Und was geschah, als man die Zinsnahme verbot?«
»Nun, ganz einfach. Wie immer habt ihr Christen die Vorgaben der Kirche umgangen. Es war einleuchtend, dass kein Christ einem anderen sein Geld leihen wurde, ohne einen Nutzen davon zu haben. Da behielt er es lieber fur sich und ging kein Risiko ein. Also habt ihr Christen ein Geschaft erfunden, das sich Warengeschaft nennt. Hast du schon einmal davon gehort?«
»Ja«, bestatigte Arnau. »Im Hafen ist viel von Warengeschaften die Rede, wenn ein Handelsschiff einlauft, aber ehrlich gesagt habe ich es nie verstanden.«
»Nun, es ist ganz einfach. Ein Warengeschaft ist nichts anderes als ein verstecktes Darlehen gegen Zinsen. Ein Geschaftsmann, ein Geldwechsler in der Regel, gibt einem Handler Geld, damit dieser Waren kauft oder verkauft. Wenn der Handler das Geschaft abgeschlossen hat, muss er dem Geldwechsler die gleiche Summe zuruckgeben, die er erhalten hat, sowie einen Teil des erzielten Gewinns. Es ist nichts anderes als ein verzinster Kredit, nur unter anderem Namen. Der Christ, der das Geld zur Verfugung stellt, vermehrt sein Geld, und das ist es, was die Kirche verbietet: die Vermehrung von Geld, ohne dafur zu arbeiten. Die Christen machen nichts anderes als vor hundert Jahren, bevor die Zinsen verboten wurden, nur nennen sie es heute anders. Wenn wir Geld fur ein Geschaft geben, sind wir Wucherer. Nicht so jedoch der Christ, der das Gleiche mittels eines Warengeschafts tut.«
»Gibt es keinen Unterschied?«
»Nur einen: Bei einem Warengeschaft tragt der Geldgeber das Risiko des Geschafts mit. Wenn also der Handler nicht zuruckkommt oder die Ware verliert, etwa weil er auf der Uberfahrt von Piraten uberfallen wird, ist das Geld verloren. Bei einem Darlehen wurde das nicht passieren, denn bei diesem ware der Handler weiterhin verpflichtet, das Geld samt Zinsen zuruckzuzahlen. In der Praxis allerdings ist es dasselbe, denn ein Handler, der seine Ware verloren hat, zahlt seine Schulden nicht. Letztendlich mussen wir Juden uns an die gangigen Handelspraktiken anpassen: Die Handler wollen Warengeschafte, bei denen sie nicht das Risiko tragen, und wir mussen darauf eingehen, denn andernfalls hatten wir keine Einkunfte, um die Forderungen eurer Konige zu erfullen. Hast du es nun verstanden?«
»Wir Christen durfen keine Zinsen nehmen, aber durch die Warengeschafte ist das Ergebnis dasselbe«, sagte Arnau.
»Genau. Was eure Kirche verbieten will, sind nicht die Zinsen an sich, sondern das Erzielen von Gewinn durch Geldbesitz statt durch Arbeit. Das gilt nicht fur Darlehen an Konige, Adlige oder Ritter, denn diesen darf ein Christ sehr wohl Geld gegen Zinsen leihen. Die Kirche geht davon aus, dass solche Darlehen der Kriegfuhrung dienen, und halt folglich einen Zins fur angemessen.«
»Aber das betrifft nur die christlichen Geldwechsler«, wandte Arnau ein. »Man kann nicht alle Christen fur ihr Tun verurteilen …«
»Tausche dich nicht, Arnau«, sagte Hasdai mit einem Lacheln. Seine Hande waren in Bewegung. »Die Wechsler verwahren das Geld von Christen, und mit diesem Geld tatigen sie Warengeschafte, deren Gewinne sie danach jenen Christen ausbezahlen mussen, die ihnen ihr Geld anvertraut haben. Die Wechsler halten ihr Gesicht hin, aber das Geld gehort allen Christen, die ihr Vermogen zu ihren Wechseltischen bringen. Etwas wird sich nie andern, Arnau: Wer Geld hat, will mehr Geld. Er hat kein Geld zu verschenken und wird nie Geld zu verschenken haben. Wenn es eure Bischofe nicht tun, weshalb dann die Glaubigen? Ob Darlehen oder Warengeschaft oder wie auch immer man das Ganze nennen mag – die Leute haben nichts zu verschenken, und doch sind wir die einzigen Wucherer.«
Wahrend sie so sprachen, wurde es Nacht, eine sternenklare, laue Mittelmeernacht. Eine Weile sa?en die drei still da und genossen die Ruhe und den Frieden in dem kleinen Gartchen hinter Hasdai Crescas Haus. Schlie?lich wurden sie zum Essen gerufen, und zum ersten Mal, seit er bei diesen Juden lebte, sah Arnau in ihnen Menschen wie seinesgleichen, mit einem anderen Glauben, aber so gut und so mildtatig, wie es die frommsten Christen nur sein konnten. An diesem Abend a? er gemeinsam mit Hasdai und sprach, bedient von den Frauen des Hauses, ohne Bedenken den Genussen der judischen Kuche zu.
33
Die Zeit verstrich und die Lage begann fur alle unbehaglich zu werden. Die Nachrichten uber die Pest, die das Judenviertel erreichten, waren beruhigend. Es traten immer weniger Falle auf. Arnau musste nach Hause zuruckkehren. Am Abend zuvor hatten sich Arnau und Hasdai im Garten getroffen. Sie versuchten sich uber nichtige Dinge zu unterhalten, doch die Nacht roch nach Abschied, und wahrend sie so sprachen, vermieden sie es, sich anzusehen.
»Sahat gehort dir«, sagte Hasdai plotzlich und reichte ihm ein Schriftstuck, das dies bestatigte.
»Was soll ich mit einem Sklaven? Ich kann nicht einmal mich selbst ernahren, bis der Seehandel wieder aufgenommen wird. Wie soll ich da einen Sklaven unterhalten? Die Zunft lasst nicht zu, dass Sklaven mitarbeiten. Ich brauche Sahat nicht.«
»Doch, du wirst ihn brauchen konnen«, entgegnete Hasdai lachelnd. »Er steht in deiner Schuld. Seit Raquel und Jucef auf der Welt sind, kummert er sich um sie, als waren sie seine eigenen Kinder, und ich versichere dir, dass er sie ebenso sehr liebt. Weder Sahat noch ich konnen dir jemals vergelten, was du fur sie getan hast. Wir dachten, der beste Weg, diese Schuld abzutragen, sei es, dir das Leben zu erleichtern. Dazu wirst du Sahat brauchen, und er steht bereit.«
»Mir das Leben erleichtern?«
»Wir beide werden dir dabei helfen, reich zu werden.«
Arnau erwiderte das Lacheln des Mannes, der noch sein Gastgeber war.
