»Danke«, war das Erste, was der Sklave sagte.

»Du hast dich schon bedankt, erinnerst du dich?«

»Warum hast du das getan?«

»Die Augen der Kinder … Meine Frau hatte nicht zugelassen, dass …«

»Maria?«, fragte Sahat, sich an Arnaus Fieberdelirien erinnernd.

»Ja«, antwortete Arnau.

»Sollen wir ihr Bescheid geben, dass du hier bist?« Arnau presste die Lippen zusammen und schuttelte den Kopf. »Gibt es jemanden, den wir benachrichtigen sollen?« Der Sklave fragte nicht weiter, als er sah, wie sich Arnaus Gesicht verdusterte.

»Wie ist die Belagerung ausgegangen?«, fragte Arnau Sahat ein andermal.

»Zweihundert Manner und Frauen wurden ermordet und viele Hauser wurden geplundert oder in Brand gesetzt.«

»Was fur ein Ungluck!«

»Kein sehr gro?es«, wandte Sahat ein. Arnau sah ihn uberrascht an. »Die judische Gemeinde von Barcelona hat noch Gluck gehabt. Vom Orient bis nach Kastilien hat man die Juden gnadenlos ermordet. Mehr als dreihundert Gemeinden wurden vollig vernichtet. In Deutschland hat Kaiser Karl IV. jedem Straffreiheit zugesichert, der einen Juden totet oder ein Judenviertel zerstort. Kannst du dir vorstellen, was in Barcelona geschehen ware, wenn unser Konig allen, die einen Juden umbringen, Straffreiheit zugesichert hatte, statt die Juden zu schutzen?« Arnau schloss die Augen und schuttelte den Kopf. »In Mainz wurden sechstausend Juden verbrannt, und in Stra?burg fuhrte man gleich zweitausend auf einmal auf einen riesigen Scheiterhaufen auf dem judischen Friedhof, auch Frauen und Kinder. Zweitausend auf einmal …«

Die Kinder durften nur in Arnaus Zimmer, wenn Hasdai den Kranken besuchte und dafur sorgen konnte, dass sie ihn nicht storten. Eines Tages, als Arnau bereits das Bett verlie? und erste Schritte zu machen begann, kam Hasdai alleine. Der gro?e, schlanke Jude mit dem langen, schwarzen, glatten Haar setzte sich ihm gegenuber.

»Du wirst wissen«, sagte er mit ernster Stimme, »dass deine Priester das Zusammenleben von Christen und Juden verboten haben. Ich nehme jedenfalls an, dass du davon wei?t«, korrigierte er sich.

»Sei unbesorgt, Hasdai. Sobald ich wieder gehen kann …«

»Nein«, unterbrach ihn der Jude. »Damit wollte ich nicht sagen, dass du mein Haus verlassen sollst. Du hast meine Kinder vor dem sicheren Tod gerettet und dein Leben dabei riskiert. Alles, was ich besitze, gehort dir, und ich werde dir ewig dankbar sein. Du kannst so lange in diesem Haus bleiben, wie du willst. Meine Familie und ich wurden uns sehr geehrt fuhlen. Ich wollte lediglich raten, gro?tmogliche Diskretion zu wahren, vor allem, falls du dich entschlie?en solltest zu bleiben. Von meinen Leuten – und damit meine ich die ganze judische Gemeinde – wird niemand erfahren, dass du in meinem Haus lebst. Was das angeht, kannst du ganz beruhigt sein. Es ist deine Entscheidung, und ich betone noch einmal, dass wir uns sehr geehrt und glucklich schatzen wurden, wenn du dich zum Bleiben entschlie?t. Wie lautet also deine Antwort?«

»Wer sollte deinem Sohn sonst von meinen Schlachten erzahlen?«

Hasdai lachelte und reichte Arnau die Hand, die dieser ergriff.

»Chateau-Roussillon war eine beeindruckende Festung …« Jucef sa? vor Arnau im Garten der Crescas auf dem Boden, die Beine untergeschlagen, und lauschte mit weit aufgerissenen Augen immer wieder den Kriegsgeschichten des Bastaix, gespannt, wenn dieser von der Belagerung erzahlte, unruhig wahrend der Schilderung des Kampfes, lachelnd beim Sieg.

»Die Verteidiger schlugen sich tapfer«, erzahlte Arnau, »doch Konig Pedros Soldaten waren ihnen uberlegen …«

Als er geendet hatte, drangte ihn Jucef, noch eine andere seiner Geschichten zu erzahlen. Arnau erzahlte ihm genauso viele wahre Geschichten wie erfundene. »Ich war nur zweimal beim Angriff auf eine Burg dabei«, hatte er ihm beinahe gestanden. »An den ubrigen Tagen haben wir geplundert und Scheunen und Ernten vernichtet … Nur die Feigenbaume lie?en wir stehen.«

»Magst du Feigen, Jucef?«, fragte er den Jungen einmal bei der Erinnerung an die knorrigen Stamme inmitten der allgemeinen Verwustung.

»Es reicht, Jucef«, sagte sein Vater, der soeben in den Garten gekommen war, als er sah, wie der Kleine Arnau bekniete, ihm von einer weiteren Schlacht zu erzahlen. »Geh jetzt schlafen.«

Jucef gehorchte und verabschiedete sich von seinem Vater und Arnau.

»Warum hast du den Jungen gefragt, ob er Feigen mag?«

»Das ist eine lange Geschichte.«

Wortlos nahm Hasdai ihm gegenuber auf einem Stuhl Platz. Erzahl sie mir, sagte sein Blick.

»Wir haben alles dem Erdboden gleichgemacht«, schloss Arnau, nachdem er ihm die Ereignisse in Kurze erzahlt hatte, »alles au?er den Feigenbaumen. Seltsam, nicht wahr? Wir verwusteten die Felder, und inmitten dieser ganzen Zerstorung stand ein einsamer Feigenbaum und schien uns zu fragen, was wir da tun.«

Arnau verlor sich in seinen Erinnerungen, und Hasdai wagte es nicht, ihn zu storen.

»Es war ein sinnloser Krieg«, erklarte der Bastaix schlie?lich.

»Im darauffolgenden Jahr«, sagte Hasdai, »gewann der Konig das Roussillon zuruck. Jaime von Mallorca beugte vor ihm das Knie und ubergab ihm seine Truppen. Vielleicht hat dieser erste Feldzug, an dem du teilgenommen hast, dabei geholfen …«

»… die Bauern, die Kinder und die einfachen Leute dem Hungertod auszuliefern«, unterbrach ihn Arnau. »Vielleicht diente er dazu, Jaimes Heer die Vorrate zu nehmen, aber dafur mussten viele einfache Leute sterben. Wir sind nur ein Spielball in den Handen der Adligen. Sie entscheiden, ohne sich darum zu scheren, wie viel Tod und Elend sie den anderen bringen.«

Hasdai seufzte.

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