der Arnau sie gerettet hatte. Der Sklave, den sie immer Sahat gerufen hatten, gehorte den Eltern von Raquel und Jucef, und wenn er gesagt hatte, dass er zum Strand kam, wurde er das auch ganz gewiss tun. Er hatte sie noch nie belogen.
»Also gut«, sagte Arnau nach diesen Erklarungen, »ich denke, es lohnt sich, uns diesen Ort genauer anzusehen. Es ist lange her, seit ich das letzte Mal hier war – ich muss ungefahr in eurem Alter gewesen sein. Obwohl ich nicht glaube, dass sich hier seither jemand von der Stelle geruhrt hat.«
Nur er selbst lachte. Auf Knien rutschte er bis zur Mitte der Hohle und hielt die Lampe hoch. Die Kinder blieben, wo sie waren, und betrachteten verangstigt die offenen Graber und die Skelette. »Ein besseres Versteck ist mir nicht eingefallen«, entschuldigte er sich, als er ihre entsetzten Gesichter sah. »Hier wird euch bestimmt niemand finden, bis sich die Lage wieder beruhigt hat …«
»Und was, wenn sie unsere Eltern umbringen?«, unterbrach ihn Raquel.
»Denk nicht einmal daran. Bestimmt geschieht ihnen nichts. Seht mal hier. Hier ist eine Stelle ohne Graber, gro? genug fur uns alle. Los, kommt schon!«
Er musste sie noch mehrmals ermuntern, bis sie schlie?lich zu ihm kamen und sie sich zu viert in eine kleine Nische zwangten, wo sie auf dem Boden sitzen konnten, ohne ein Grab zu beruhren. Die alte romische Begrabnisstatte war noch im selben Zustand wie beim letzten Mal, als Arnau sie gesehen hatte, mit ihren merkwurdigen Ziegelgrabern in Form langlicher Pyramiden und den gro?en Amphoren mit den Toten darin. Arnau stellte die Lampe auf einer von ihnen ab und bot den Kindern Wasser, Brot und Dorrfleisch an. Die drei tranken gierig, doch vom Essen nahmen sie nur das Brot.
»Es ist nicht koscher«, entschuldigte sich Raquel mit Blick auf das Dorrfleisch.
»Koscher?«
Raquel erklarte ihm, was koscher bedeutete und welche Regeln die Mitglieder der judischen Gemeinde befolgen mussten, wenn sie Fleisch essen wollten. So plauderten sie, bis die beiden Jungen erschopft ihre Kopfe in den Scho? des Madchens legten. Flusternd, um sie nicht zu wecken, fragte das Madchen: »Und du glaubst nicht, was man sagt?«
»Was?«
»Dass wir die Brunnen vergiftet haben.«
Arnau zogerte kurz, bevor er antwortete.
»Sind Juden an der Pest gestorben?«, fragte er.
»Viele.«
»Nein, dann glaube ich es nicht«, erklarte er.
Als Raquel eingeschlafen war, kroch Arnau durch den Tunnel und ging zum Strand.
Die Ubergriffe auf das Judenviertel dauerten zwei Tage, in denen die wenigen koniglichen Soldaten gemeinsam mit den Mitgliedern der judischen Gemeinde versuchten, das Viertel gegen die standigen Angriffe des blindwutig tobenden Pobels zu verteidigen, der im Namen der Christenheit die Fahne der Plunderung und der Selbstjustiz hisste. Schlie?lich entsandte der Konig ausreichend Truppen, und die Situation begann sich zu entspannen.
In der dritten Nacht konnte sich Sahat, der aufseiten seiner Besitzer gekampft hatte, davonstehlen, um Arnau wie verabredet am Strand beim Fischmarkt zu treffen.
»Sahat!«, horte er ein Wispern in der Dunkelheit.
»Was machst du denn hier?«, fragte der Sklave Raquel, die ihm entgegensturzte.
»Der Christ ist sehr krank.«
»Ist es …«
»Nein«, kam ihm das Madchen zuvor, »es ist nicht die Pest. Er hat keine Beulen. Es ist sein Bein. Die Wunde hat sich entzundet und er hat hohes Fieber. Er kann nicht gehen.«
»Und die anderen beiden?«, fragte der Sklave.
»Denen geht es gut. Und zu Hause …?«
»Sie warten auf euch.«
Raquel fuhrte den Mauren zu dem Holzgerust vor dem Kirchenportal von Santa Maria in der Calle del Born.
»Hier ist es?«, fragte der Sklave, als das Madchen unter das Gerust kroch.
»Sei still«, antwortete sie. »Folge mir einfach!«
Die beiden krochen durch den Tunnel bis zu der romischen Begrabnisstatte. Alle mussten mithelfen, um Arnau nach drau?en zu schaffen. Sahat kroch ruckwarts und zog ihn an den Armen, die Kinder schoben an den Fu?en. Arnau hatte das Bewusstsein verloren. Zu funft – Arnau auf den Schultern des Sklaven – machten sie sich auf den Weg zum Judenviertel. Die Kinder hatten sich mit Hilfe von Sahat, der ihnen Kleider besorgt hatte, als Christen verkleidet. Dennoch versuchten sie, sich im Schatten zu halten. Als sie das Tor zum Judenviertel erreichten, das von einem starken Kontingent koniglicher Soldaten bewacht wurde, klarte Sahat den wachhabenden Hauptmann uber die wahre Identitat der Kinder auf und warum sie nicht das gelbe Zeichen trugen. Was Arnau angehe, so sei er ein Christ, der an starkem Fieber leide und die Hilfe eines Arztes benotige, wie der Hauptmann sich vergewissern konne. Was dieser auch tat, doch nahm er rasch wieder Abstand, aus Furcht, es konne sich um einen Pestkranken handeln. In Wirklichkeit war es die prallgefullte Borse, die der Sklave in die Hand des Hauptmanns gleiten lie?, wahrend er mit ihm sprach, die ihnen die Tore des Judenviertels offnete.
32
»Niemand wird diesen Kindern etwas zuleide tun. Vater, wo bist du? Warum, Vater? Im Palast ist Getreide. Ich liebe dich, Maria …«
Wenn Arnau delirierte, schickte Sahat die Kinder aus dem Zimmer und lie? Hasdai rufen, Raquels und Jucefs Vater, damit dieser ihm half, den Kranken zu bandigen, falls Arnau wieder einmal gegen die Soldaten aus dem
