»Sie werden nicht abziehen«, horte Arnau eine Frau sagen.
»Die Juden sind Eigentum des Konigs, sie hangen einzig und allein vom Konig ab«, pflichtete ein anderer bei. »Wenn die Juden sterben, verliert der Konig alle Steuern, die er von ihnen einholt …«
»Und alle Darlehen, die er bei diesen Wucherern aufnimmt.«
»Und nicht nur das«, mischte sich ein Dritter ein. »Wenn das Judenviertel geschleift wird, verliert der Konig auch die Mobel, die die Juden ihm und seinem Hofstaat uberlassen, wenn er nach Barcelona kommt.«
»Da werden die Adligen halt auf dem Boden schlafen mussen«, war irgendwo unter lautem Gelachter zu vernehmen.
Arnau konnte sich ein Lacheln nicht verkneifen.
»Der Stadtrichter wird die Interessen des Konigs verteidigen«, sagte die Frau.
Und so war es. Der Stadtrichter gab nicht nach. Als die Unterredung beendet war, zog er sich rasch ins Judenviertel zuruck. Das war das Zeichen, auf das die Leute gewartet hatten. Noch bevor das Tor verschlossen war, sturzten die ersten zur Mauer, wahrend sich ein Hagel aus Stocken, Pfeilen und Steinen uber die Mauern des Judenviertels ergoss. Der Uberfall hatte begonnen.
Arnau sah, wie eine Meute blindwutiger Burger in wilder Unordnung gegen die Tore und Mauern des Judenviertels anrannte. Was einem Befehl am nachsten kam, waren die Schreie der Flagellanten, die sich vor den Mauern gei?elten und die Menschen anstachelten, diese zu sturmen und die Ketzer zu toten. Viele fielen unter den Schwerthieben der koniglichen Soldaten, als sie die Mauern erklommen hatten, doch das Judenviertel wurde von allen vier Seiten heftig besturmt, und anderen gelang es, die Soldaten zu uberrennen und den Juden gegenuberzutreten.
Arnau blieb zwei Stunden auf der Kirchentreppe von Sant Jaume stehen. Die Schlachtrufe der Kampfenden erinnerten ihn an seine Zeit als Soldat, an Bellaguarda und Chateau-Roussillon. Die Gesichter der Gefallenen verschwammen mit den Gesichtszugen der Manner, denen er damals den Tod gebracht hatte. Der Geruch des Blutes versetzte ihn zuruck nach Roussillon, erinnerte ihn an die Luge, die ihn in diesen absurden Krieg gefuhrt hatte, an Aledis und Maria … Er verlie? den Aussichtsposten, von dem aus er das Gemetzel verfolgt hatte.
Er ging in Richtung Meer, wahrend er an Maria dachte und an die Umstande, die ihn dazu gebracht hatten, sein Heil im Krieg zu suchen. Doch auf der Hohe des Castell de Regomir, der Bastion in der alten romischen Stadtmauer, wurde er jah aus seinen Gedanken gerissen, als er ganz in der Nahe Schreie horte.
»Ketzer!«
»Morder!«
Arnau sah etwa zwanzig mit Stocken und Messern bewaffnete Manner, die auf der Stra?e standen und einige Personen beschimpften, die, in die Enge getrieben, an einer der Hauswande standen. Weshalb gaben sie sich nicht damit zufrieden, ihre Toten zu beweinen? Er blieb nicht stehen und zwangte sich durch die aufgebrachte Menge, um seinen Weg fortzusetzen. Wahrend er sich mit den Ellbogen einen Weg bahnte, sah er kurz zu der Stelle, um die sich die Leute drangten. Vor einem der Hauseingange versuchte ein blutender Maurensklave, mit seinem Korper drei schwarz gekleidete Kinder mit dem gelben Zeichen auf der Brust zu schutzen. Plotzlich stand Arnau zwischen dem Mauren und den Angreifern. Das Geschrei verstummte und die Kinder lugten mit angsterfullten Gesichtern hinter dem Sklaven hervor. Arnau betrachtete sie. Er bedauerte es, Maria keine Kinder geschenkt zu haben. Ein Stein streifte Arnau und flog auf eines der Kopfchen zu. Der Maure warf sich dazwischen. Als der Stein ihn in den Magen traf, krummte er sich vor Schmerz. Das angstliche Kindergesicht sah Arnau direkt an. Seine Frau hatte Kinder geliebt. Ihr war es gleichgultig gewesen, ob sie Christen, Mauren oder Juden waren. Sie hatte ihnen sehnsuchtig nachgeblickt, am Strand, in den Stra?en … Und dann hatte sie ihn angesehen.
»Weg da! Verschwinde«, horte Arnau eine Stimme hinter sich sagen.
Arnau blickte in die schreckensweiten Kinderaugen.
»Was habt ihr mit den Kindern vor?«, fragte er.
Mehrere mit Messern bewaffnete Manner bauten sich vor ihm auf.
»Sie sind Juden«, antworteten sie kurz angebunden.
»Und nur deshalb wollt ihr sie umbringen? Habt ihr nicht schon genug mit ihren Eltern?«
»Sie haben die Brunnen vergiftet«, entgegnete einer. »Sie haben Jesus umgebracht. Sie toten christliche Kinder fur ihre heidnischen Riten. Ja, wirklich, sie rei?en ihnen das Herz heraus … Sie stehlen geweihte Hostien.« Arnau horte nicht hin. Der Blutgeruch aus dem Judenviertel hing ihm immer noch in der Nase. Es war der Blutgeruch aus Chateau-Roussillon. Er packte den Nachstbesten am Arm und schlug ihm ins Gesicht. Dann zog er sein Messer und drohte den Ubrigen damit.
»Niemand wird einem Kind etwas zuleide tun!«
Die Angreifer sahen, mit welcher Entschlossenheit Arnau das Messer umklammerte, wie er es vor ihnen kreisen lie?, wie er sie ansah.
»Niemand wird einem Kind etwas zuleide tun«, wiederholte er. »Geht zum Judenviertel und kampft gegen die Soldaten, gegen erwachsene Manner.«
»Sie werden Euch umbringen«, horte er den Mauren, der nun hinter ihm stand, sagen.
»Ketzer!«, schrien sie ihm aus der Menge entgegen.
»Jude!«
Man hatte ihm beigebracht, zuerst anzugreifen, den Feind zu uberrumpeln, den Gegner nicht aufkommen zu lassen, ihm Angst einzujagen. Mit dem Ruf »Sant Jordi!« ging Arnau mit dem Messer auf die Umstehenden los. Er stie? dem Ersten die Klinge in den Leib, dann fuhr er herum, sodass diejenigen, die sich auf ihn sturzen wollten, zuruckwichen. Der Dolch zerschlitzte mehr als einem die Brust. Am Boden liegend, stie? ihm einer der Angreifer ein Messer in die Wade. Arnau sah ihn an, packte ihn am Schopf, zog seinen Kopf nach hinten und schnitt ihm die Kehle durch. Blut sprudelte aus der Wunde. Drei Manner lagen am Boden, die Ubrigen begannen zuruckzuweichen. »Flieh, wenn die Lage schlecht fur dich steht«, hatte man ihm geraten. Arnau tat so, als wollte er sich erneut auf seine Widersacher sturzen. Die Leute liefen durcheinander, wahrend sie versuchten, sich von ihm zu entfernen. Ohne sich umzudrehen, winkte er den Mauren zu sich heran. Als er die schlotternden Kinder an seinen Beinen spurte, begann er ruckwarts in Richtung Meer zu gehen, ohne die Angreifer aus den Augen zu lassen.
