standig seinen Hals betastete, um nach einer Schwellung zu suchen. Die Beulen kamen nicht, und Arnau begann zu begreifen, dass der Herr ihn furs Erste verschont hatte.

Arnau ging am Strand entlang und watete durch die Wellen, die sich am Ufer der verfluchten Stadt brachen. Er streifte durch Barcelona, ohne Augen fur das Elend und die Kranken zu haben oder das Stohnen wahrzunehmen, das aus den Fenstern der Hauser drang. Etwas trieb ihn nach Santa Maria. Die Bauarbeiten waren eingestellt worden, die Geruste waren verwaist, Steine lagen herum und warteten darauf, dass sie jemand bearbeitete. Doch die Menschen stromten nach wie vor in die Kirche. Er ging hinein. Die Glaubigen standen oder knieten rund um den unvollendeten Hauptaltar und beteten. Obwohl der Bau durch die noch nicht fertiggestellten Apsiden nach wie vor nach oben offen war, war die Luft geschwangert von Weihrauch, der verbrannt wurde, um den Geruch des Todes zu uberdecken, der die Menschen begleitete. Als er gerade zu seiner Jungfrau gehen wollte, richtete ein Priester vom Hauptaltar aus das Wort an die Glaubigen.

»Unser Papst Clemens VI. hat eine Bulle erlassen, welche die Juden davon freispricht, die Pest verursacht zu haben. Die Krankheit ist lediglich eine Pestilenz, mit der Gott das christliche Volk pruft.« Ein missbilligendes Murren ging durch die Versammelten. »Betet«, fuhr der Priester fort, »und empfehlt eure Seelen dem Herrn.«

Viele verlie?en lautstark diskutierend die Kirche.

Arnau achtete nicht langer auf die Predigt und ging zur Sakramentskapelle. Die Juden? Was hatten die Juden mit der Pest zu tun? Die kleine Marienstatue erwartete ihn am selben Platz wie immer. Die Kerzen der Bastaixos spendeten ihr Licht. Wer mochte sie entzundet haben? Trotzdem konnte Arnau seine Mutter kaum erkennen. Sie war von einer dichten Weihrauchwolke eingehullt. Er sah ihr Lacheln nicht. Arnau wollte beten, aber es gelang ihm nicht. »Weshalb hast du das zugelassen, Mutter?« Bei dem Gedanken an Maria, ihr Leiden, ihren dem Schmerz ausgelieferten Korper, die Beulen, von denen sie gequalt wurde, rollten ihm erneut die Tranen uber die Wangen. Es war eine Strafe, doch eigentlich war er es, der diese Strafe verdient hatte. Er hatte gesundigt, indem er mit Aledis untreu gewesen war.

»Fehlt dir etwas, mein Sohn?«, horte er jemanden hinter sich fragen. Arnau drehte sich um und stand vor dem Priester, der gerade eben noch zu den Glaubigen gesprochen hatte.

»Ach, Arnau«, sagte dieser, nachdem er in ihm einen der Bastaixos erkannt hatte, die so eifrig am Bau von Santa Maria mitwirkten. »Fehlt dir etwas?«, erkundigte er sich noch einmal.

»Maria.«

Der Priester nickte.

»Wir wollen fur sie beten«, forderte er ihn auf.

»Nein, Pater«, widersetzte sich Arnau. »Noch nicht.«

»Nur in Gott wirst du Trost finden, Arnau.«

Trost? Wie sollte er irgendwo Trost finden? Arnau versuchte, seine Jungfrau zu erkennen, doch der Weihrauch hinderte ihn auch diesmal daran.

»Wir wollen beten …«, beharrte der Pfarrer.

»Was hat das mit den Juden zu bedeuten?«, unterbrach ihn Arnau auf der Suche nach einer Ausflucht.

»Ganz Europa glaubt, die Juden seien schuld an der Pest.« Arnau sah den Priester fragend an. »Angeblich haben im Schloss Chillon bei Genf einige Juden gestanden. Die Seuche sei von einem Juden aus Savoyen verbreitet worden, der mit einer von den Rabbinern zubereiteten Substanz die Brunnen vergiftete.«

»Und stimmt das?«, fragte Arnau.

»Nein. Der Papst hat sie von jeder Schuld freigesprochen, doch die Leute suchen nach Sundenbocken. Wollen wir nun beten?«

»Betet Ihr fur mich, Pater.«

Arnau verlie? Santa Maria. Auf dem Vorplatz war er plotzlich von einer Gruppe von etwa zwanzig Flagellanten umringt. »Ube Reue!«, riefen sie, wahrend sie unablassig ihre Rucken gei?elten. »Das Ende der Welt ist gekommen!«, schrien andere, ihm die Worte ins Gesicht speiend. Arnau sah, wie ihnen das Blut uber die wunden Rucken rann und an ihren nackten Beinen herabsickerte. Um die Huften trugen sie Bu?gurtel. Er betrachtete ihre Gesichter und die weit aufgerissenen Augen, die ihn anstarrten. Er lief in Richtung Calle de Monteada davon, bis die Schreie verhallten. Hier war es still, aber … die Turen! Nur an wenigen der gro?en Portale zu den Stadtpalasten in der Calle Monteada war das wei?e Kreuz zu sehen, das wie ein Kainsmal die meisten Turen der Stadt zeichnete. Arnau stand vor dem Palast der Puigs. Auch dort befand sich kein wei?es Kreuz. Die Fenster waren verschlossen und in dem Gebaude regte sich nichts. Er wunschte, die Pest moge sie dort einholen, wohin sie sich gefluchtet hatten, damit sie genauso litten, wie Maria gelitten hatte. Arnau suchte noch schneller das Weite als vor den Flagellanten.

Als er die Stelle erreichte, wo die Calle Monteada auf die Calle Carders stie?, begegnete Arnau erneut einer aufgeregten Menschenmenge, doch diese war mit Stocken, Schwertern und Armbrusten bewaffnet. »Die Leute sind alle verruckt geworden«, dachte Arnau, wahrend er sich von der Menge entfernte. Die Predigten in allen Kirchen der Stadt hatten wenig genutzt. Die Bulle Clemens' VI. hatte die Gemuter im Volk nicht besanftigt, das seinen Zorn an jemandem auslassen wollte. »Zum Judenviertel!«, horte er sie brullen. »Ketzer! Morder! Bu?en sollt ihr!« Auch die Flagellanten waren dort und wiegelten die Umstehenden auf, wahrend sie sich gei?elten, bis das Blut spritzte.

Arnau folgte der Horde gemeinsam mit einer schweigenden Menge, in der er den einen oder anderen Pestkranken sah. Ganz Barcelona stromte zum Judenviertel und umstellte das von Mauern umgebene Barrio. Einige rotteten sich neben dem Bischofspalast zusammen, andere im Westen neben der alten romischen Stadtmauer. Wieder andere versammelten sich in der Calle del Bisbe, die im Osten an das Judenviertel grenzte, die restlichen, darunter auch die Gruppe, der Arnau folgte, trafen sich im Suden in der Calle de la Boqueria und vor dem Castell Nou, wo sich der Eingang zum Judenviertel befand. Es herrschte ein ohrenbetaubender Larm. Das Volk schrie nach Rache, doch fur den Augenblick beschrankte es sich darauf, vor den Toren zu brullen und mit seinen Stocken und Armbrusten zu fuchteln.

Arnau gelang es, einen Platz auf der uberfullten Kirchentreppe von Sant Jaume zu ergattern, aus der man ihn und Joanet eines lange zuruckliegenden Tages hinausgeworfen hatte, als er auf der Suche nach dieser Jungfrau gewesen war, die er Mutter nennen konnte. Die Kirche Sant Jaume lag genau gegenuber der sudlichen Mauer des Judenviertels, und von dort konnte Arnau uber die Kopfe der Leute hinweg sehen, was geschah. Ein Kommando koniglicher Soldaten unter dem Befehl des Stadtrichters stand bereit, um das Judenviertel zu schutzen. Bevor die Menge angriff, naherte sich eine Abordnung von Burgern der Mauer, um vor dem halb geoffneten Tor des Judenviertels mit dem Stadtrichter daruber zu verhandeln, dass er die Truppen abziehen solle. Die Flagellanten schrien und sprangen um die Gruppe herum, und der Mob stie? weiterhin Drohungen gegen die Juden aus, von denen nichts zu sehen war.

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