Kreidekreuz zu kennzeichnen. Sie riefen zur Korperpflege auf, warnten vor Kontakt mit den Pestkranken und befahlen, die Toten auf gro?en Scheiterhaufen zu verbrennen. Die Menschen schrubbten sich schier die Haut vom Leibe, und wer konnte, hielt sich von den Kranken fern. Doch niemand machte dasselbe mit den Flohen, und zur Besturzung der Arzte und Behorden breitete sich die Krankheit immer weiter aus, ohne dass man sagen konnte, wie sie das schaffte.
Die Wochen vergingen, und wie so viele gingen Arnau und Maria taglich nach Santa Maria, um instandige Gebete gen Himmel zu schicken, die dieser nicht erhorte. Um sie herum raffte die Epidemie liebe Freunde dahin, so etwa den guten Pater Albert. Die Pest machte auch vor dem alten Pere und seiner Frau Mariona nicht halt, die schon bald an der todlichen Seuche starben. Der Bischof organisierte eine Bittprozession, die einmal um die gesamte Stadt ziehen sollte. Von der Kathedrale wurde man zunachst durch die Calle de la Mar bis nach Santa Maria ziehen, wo sich der Baldachin mit der Schutzpatronin des Meeres der Prozession anschlie?en sollte, bevor diese ihren vorgesehenen Weg fortsetzte.
Das Gnadenbild der Jungfrau wartete auf dem Platz vor der Kirche Santa Maria. Daneben standen die
Aber das Volk begann, an der Wirksamkeit der Kirche und ihrer Vertreter zu zweifeln. Da beteten sie bis zur Erschopfung, und die Pest wutete noch immer.
»Sie sagen, dies sei das Ende der Welt«, erzahlte Arnau eines Tages, als er nach Hause kam. »Ganz Barcelona ist verruckt geworden. Flagellanten nennen sie sich.«
Maria stand mit dem Rucken zu ihm. Arnau setzte sich und wartete, dass seine Frau ihm die Schuhe auszog. Unterdessen erzahlte er weiter.
»Sie ziehen zu Hunderten mit nacktem Oberkorper durch die Stra?en, verkunden, der Tag des Jungsten Gerichts sei nahe, schreien ihre Sunden in die Welt hinaus und gei?eln sich mit Peitschen. Einige haben nur noch rohes Fleisch am Rucken und machen trotzdem weiter …«
Arnau streichelte Maria, die nun vor ihm kniete, uber den Kopf. Was war das? Er hob ihr Kinn an. Es konnte nicht sein. Nicht sie. Maria sah mit glasigen Augen zu ihm auf. Sie schwitzte, ihr Gesicht war schmerzverzerrt. Arnau versuchte, ihren Kopf noch weiter anzuheben, um den Hals zu sehen, doch sie zuckte vor Schmerz zusammen.
»Nicht du!«, schrie Arnau.
Maria kniete vor ihm, die Hande auf den Strohsandalen ihres Mannes, und sah Arnau an, wahrend die Tranen uber ihre Wangen zu rollen begannen.
»Mein Gott, nicht du. Mein Gott!« Arnau kniete sich neben sie.
»Geh, Arnau«, stammelte Maria. »Bleib nicht bei mir.«
Arnau wollte sie umarmen, doch als er sie an den Schultern fasste, verzog sie erneut das Gesicht vor Schmerzen.
»Komm«, sagte er, wahrend er sie so sanft wie moglich hochzog. Erneut bat ihn Maria schluchzend zu gehen. »Wie konnte ich dich alleine lassen? Du bist alles, was ich habe … alles! Was soll ich ohne dich machen? Einige werden gesund, Maria. Du wirst wieder gesund! Du wirst wieder gesund!«
Wahrend er versuchte, ihr Trost zuzusprechen, brachte er sie zur Schlafkammer und legte sie aufs Bett. Jetzt konnte er ihren Hals sehen, der immer so schon gewesen war und sich nun schwarz zu verfarben begann.
»Einen Arzt!«, schrie er aus dem Fenster.
Niemand schien ihn zu horen. Doch noch in derselben Nacht, als sich die Beulen an Marias Hals zu bilden begannen, malte jemand ein Kreidekreuz an ihre Tur.
Arnau konnte nichts weiter tun, als Marias Stirn mit feuchten Tuchern zu kuhlen. Die Frau lag auf dem Bett und zitterte. Jede Bewegung verursachte ihr furchtbare Schmerzen und ihr leises Stohnen richtete Arnaus Nackenhaare auf. Maria starrte mit leerem Blick an die Decke. Arnau sah, wie die Beulen am Hals wuchsen und ihre Haut sich schwarz farbte. »Ich liebe dich, Maria. So oft schon hatte ich dir das gerne gesagt.« Er nahm ihre Hand und kniete neben dem Bett nieder. So verbrachte er die Nacht, die Hand seiner Frau umklammernd, wahrend er mit ihr zitterte und schwitzte und bei jedem Krampf, der Maria schuttelte, zum Himmel flehte.
Er hullte sie in das beste Leintuch, das sie besa?en, und wartete, dass der Leichenkarren vorbeikam. Er wollte sie nicht auf der Stra?e ablegen, sondern sie den Totengrabern selbst ubergeben. Als er das mude Trappeln der Pferdehufe horte, nahm er Marias Leichnam und trug ihn nach unten auf die Stra?e.
»Leb wohl«, sagte er und kusste sie auf die Stirn.
Die beiden Totengraber, die Handschuhe trugen und ihre Gesichter mit dicken Tuchern verhullt hatten, sahen uberrascht zu, wie Arnau das Leintuch von Marias Gesicht zuruckschlug und sie kusste. Niemand wollte den Pesttoten nahekommen, nicht einmal ihre liebsten Angehorigen. Sie lie?en sie einfach auf der Stra?e liegen oder riefen bestenfalls die Totengraber, damit diese sie abholten. Arnau ubergab seine Frau den Mannern, die beeindruckt versuchten, sie vorsichtig zu den Dutzenden von Leichen zu legen, die sie transportierten.
Mit Tranen in den Augen sah Arnau dem Karren hinterher, bis er in den Stra?en Barcelonas verschwand. Er wurde der Nachste sein. Er ging ins Haus und setzte sich hin, um auf den Tod zu warten, voller Sehnsucht, wieder mit Maria vereint zu sein. Drei ganze Tage wartete Arnau darauf, dass die Pest bei ihm ausbrach, wahrend er
