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Im Morgengrauen warteten Arnau und die anderen
»Merkwurdig«, sagte einer aus der Gruppe nach einer Weile. »Sie beginnen gar nicht mit dem Entladen.«
Alle blickten zu der Galeere. Die Hafenschiffer waren zu dem Schiff hinausgerudert. Nun kehrten einige von ihnen leer zum Strand zuruck, andere riefen etwas zu den Matrosen an Deck hinuber, von denen einige ins Wasser sprangen und sich an die Boote klammerten. Doch niemand lud die Waren von der Galeere.
»Die Pest!« Die Rufe der ersten Hafenschiffer waren bereits am Strand zu horen, lange bevor die Boote anlegten. »Die Pest hat Mallorca erreicht!«
Arnau durchfuhr ein Schauder. War es moglich, dass dieses herrliche Meer ihnen eine solche Nachricht brachte? An einem grauen, sturmischen Tag vielleicht … Doch dieser Morgen schien verzaubert zu sein. Seit Monaten war die Pest Gesprachsthema in Barcelona: Sie wutete im fernen Orient, hatte sich dann nach Westen ausgebreitet und entvolkerte ganze Landstriche.
»Vielleicht kommt sie nicht bis Barcelona«, sagten einige. »Sie muss das gesamte Mittelmeer uberqueren.«
»Das Meer wird uns schutzen«, pflichteten andere bei.
Monatelang wollte das Volk einfach glauben, dass die Pest nicht bis Barcelona kam.
Mallorca, dachte Arnau. Sie hatte Mallorca erreicht. Die Seuche hatte Tausende von Meilen uber das Mittelmeer zuruckgelegt.
»Die Pest!«, riefen die Hafenschiffer erneut, als sie am Ufer waren.
Die
»Bringt mich zum Stadtrichter und den Ratsherren der Stadt«, befahl er, nachdem er an Land gesprungen war. »Rasch!«
Die Zunftmeister folgten seiner Aufforderung. Die ubrigen belagerten die Bootsleute.
»Sie sterben zu Hunderten«, erzahlten sie, »es ist furchtbar. Man kann nichts dagegen tun. Kinder, Frauen, Manner, Reiche und Arme, Adlige und einfache Leute … Sogar die Tiere fallen der Plage zum Opfer. Die Leichen haufen sich in den Stra?en und verwesen, und die Obrigkeit wei? nicht, was sie tun soll. Die Leute sterben binnen zwei Tagen unter entsetzlichen Schmerzensschreien.«
Einige
Die Nachricht verbreitete sich in der Stadt, und viele gesellten sich zu der Gruppe am Strand, um eine Weile zuzuhoren und dann wieder nach Hause zu laufen.
Ganz Barcelona war voller Geruchte. »Wenn sich die Beulen offnen, springen Damonen heraus. Die Pestkranken werden verruckt und bei?en die Leute. So ubertragt sich die Krankheit weiter. Die Augen quellen hervor und die Genitalien schwellen an. Wenn jemand die Beulen ansieht, steckt er sich an. Man muss sie verbrennen, bevor sie sterben, sonst ubertragt sich die Krankheit weiter. Ich habe die Pest gesehen!« Jeder, der eine Unterhaltung mit diesen Worten begann, stand augenblicklich im Zentrum der Aufmerksamkeit und wurde von Leuten umringt, die seine Geschichte horen wollten. Die Angst und die Phantasie so mancher, die nicht wussten, was sie erwartete, machten alles noch schlimmer. Die einzige Vorsichtsma?nahme der Stadt bestand darin, au?erste Hygiene anzuordnen, und die Menschen stromten in Scharen in die offentlichen Bader … und in die Kirchen. Messen, Bittgebete, Prozessionen – das alles genugte nicht, um die Gefahr zu bannen, die uber der graflichen Stadt schwebte. Nach einem Monat voller Angst hatte die Pest Barcelona erreicht.
Das erste Opfer war ein Kalfaterer, der in der Werft arbeitete. Die Arzte kamen, konnten jedoch nichts weiter tun, als bestatigt zu sehen, was sie in Buchern und Traktaten gelesen hatten.
»Sie sind von der Gro?e kleiner Mandarinen«, sagte einer und deutete auf die gro?en Beulen am Hals des Mannes.
»Schwarz, hart und hei?«, erganzte ein anderer, nachdem er sie betastet hatte.
»Kalte Umschlage gegen das Fieber.«
»Man muss ihn zur Ader lassen. Durch einen Aderlass werden die blutunterlaufenen Stellen rund um die Beulen verschwinden.«
»Man muss die Beulen aufschneiden«, riet ein Dritter.
Die ubrigen Arzte lie?en von dem Kranken ab und sahen den Sprecher an.
»Die Bucher sagen, man durfe sie nicht aufschneiden«, widersprach einer.
»Wenigstens ist es nur ein Kalfaterer«, sagte ein anderer. »Untersuchen wir die Achselhohlen und die Leisten.«
Auch dort befanden sich gro?e, schwarze, hei?e Beulen. Unter Schmerzensschreien wurde der Kranke zur Ader gelassen, und das wenige Leben, das noch in ihm war, entwich durch die Schnitte, die die Arzte an seinem Korper anbrachten.
Noch am selben Tag tauchten weitere Falle auf. Am nachsten Tag waren es mehr, und am ubernachsten noch mehr. Die Barcelonesen schlossen sich in ihren Hausern ein, wo so mancher unter entsetzlichen Qualen starb. Andere brachte man aus Angst vor Ansteckung auf die Stra?e, wo sie im Todeskampf lagen, bis sie schlie?lich starben. Die Behorden ordneten an, die Turen der Hauser, in denen ein Pestfall aufgetreten war, mit einem
