Chateau-Roussillon war kein einfacher Grenzposten wie Bellaguarda, sondern ein vorgelagerter Verteidigungsposten der Hauptstadt der Grafschaft Roussillon. Wieder erklang das Kriegsgeschrei der Almogavaren, wieder klirrten ihre Lanzen gegeneinander, diesmal untermalt von dem Geheul mehrerer hundert Soldaten, die darauf brannten zu kampfen. Die Festung fiel nicht so leicht wie Bellaguarda. Es kam zu einem erbitterten Kampf innerhalb der Mauern, und die Rammbocke mussten eingesetzt werden, um die Verteidigungsanlagen zu durchbrechen.
Die Armbrustschutzen waren die Letzten, die in die nun offene Festung sturmten. Das hier hatte nichts mit dem Angriff auf Bellaguarda zu tun. Soldaten und Zivilisten, selbst Frauen und Kinder, verteidigten den Ort auf Leben und Tod. Im Inneren der Festung geriet Arnau in einen erbitterten Kampf Mann gegen Mann.
Um ihn herum kampften Hunderte von Mannern. Er lie? die Armbrust sinken und griff zum Messer. Als er das zischende Gerausch eines Schwertes horte, hatte der Kampf auch fur ihn begonnen. Instinktiv sprang er zur Seite, sodass ihn das Schwert verfehlte und nur seitlich streifte. Mit der freien Hand packte Arnau den Angreifer am Handgelenk und stie? mit dem Dolch zu. Er tat es mechanisch, wie es ihm der Offizier Eiximen d'Esparcas in endlosen Stunden beigebracht hatte. Man hatte ihm beigebracht zu kampfen, man hatte ihm beigebracht, wie man totete, doch niemand hatte ihm beigebracht, wie man einen Dolch in den Leib eines Mannes rammte. Das Kettenhemd hielt dem Stich stand, und obwohl er seinen Widersacher am Handgelenk festhielt, fuhrte dieser einen wuchtigen Hieb mit dem Schwert und verwundete Arnau an der Schulter.
Es war eine Sache von Sekunden, doch lang genug, um zu erkennen, dass er toten musste.
Arnau umklammerte erbittert den Dolch. Die Klinge drang durch das Kettenhemd und bohrte sich in den Leib seines Gegners. Die Schwerthiebe verloren an Kraft, waren aber immer noch gefahrlich. Arnau stie? den Dolch noch tiefer. Er spurte die Warme der Eingeweide an seiner Hand. Der Korper seines Widersachers loste sich vom Boden, der Dolch schlitzte seinen Bauch auf, das Schwert fiel zu Boden, und plotzlich befand sich das Gesicht des Sterbenden genau vor dem seinen. Seine Lippen bewegten sich, ganz nah. Wollte er ihm etwas sagen? Trotz des Kampfgetummels horte Arnau sein Rocheln. Dachte er an etwas? Sah er den Tod vor sich? Seine weit aufgerissenen Augen schienen ihn warnen zu wollen, und Arnau drehte sich genau in dem Moment um, als sich ein anderer Verteidiger von Chateau-Roussillon auf ihn sturzte.
Arnau zogerte nicht. Sein Dolch fuhr durch die Luft und schlitzte die Kehle seines neuen Gegners auf. Er horte auf zu denken. Er kampfte und brullte, schlug um sich und versenkte seinen Dolch im Fleisch der Gegner, immer und immer wieder, ohne auf ihre Gesichter und ihren Schmerz zu achten.
Er totete.
Als alles voruber war und die Verteidiger von Chateau-Roussillon sich ergaben, sah Arnau an sich herunter. Er war blutverschmiert und zitterte vor Anstrengung.
Er blickte um sich, und beim Anblick der Leichen fiel ihm der Kampf wieder ein. Er hatte keine Zeit gehabt, seine Feinde genauer zu betrachten, an ihr Leid zu denken oder Mitleid mit ihren Seelen zu empfinden. Doch von diesem Moment an begannen die blutuberstromten Gesichter, ihr Recht zu fordern: die Ehre der Besiegten. Arnau wurde noch oft an die verschwommenen Gesichter jener zuruckdenken, denen sein Dolch den Tod gebracht hatte.
Mitte August lagerte das Heer erneut zwischen der Burg von Canet und dem Meer. Am 4. August hatte Arnau an der Ersturmung von Chateau-Roussillon teilgenommen. Zwei Tage spater setzte Konig Pedro III. seine Truppen in Bewegung, und da sich Perpignan weigerte, Konig Pedro als Herrn anzuerkennen, verwusteten die Katalanen eine Woche lang das Umland der Hauptstadt des Roussillon, Basoles, Vernet, Soles, Saint Etienne … Auf Befehl des Konigs zogen die Truppen durch die Gegend und rodeten Weinberge, Olivenhaine und samtliche Baume, die sie fanden. Nur die Feigenbaume wurden verschont – eine Laune des Konigs? Sie verbrannten Muhlen und Ernten, zerstorten Felder und Dorfer, doch Perpignan, die Hauptstadt und Zuflucht Konig Jaimes, belagerten sie nicht.
Das gesamte Heer befand sich am Strand, um die Schutzpatronin des Meeres zu preisen. Pedro III. hatte dem Druck des Heiligen Vaters nachgegeben und einen Waffenstillstand mit Jaime von Mallorca ausgehandelt. Die Nachricht machte im Heer die Runde. Arnau horte nicht zu, was der Priester sagte. Nur wenige taten das, die meisten schauten betrubt drein. Die Jungfrau schenkte Arnau keinen Trost. Er hatte getotet. Er hatte Baume gefallt. Er hatte vor den verangstigten Blicken der Bauern und ihrer Kinder Weinberge und Felder verwustet. Er hatte ganze Dorfer zerstort und damit das Zuhause rechtschaffener Menschen. Konig Jaime hatte seinen Waffenstillstand durchgesetzt und Konig Pedro hatte klein beigegeben. Arnau erinnerte sich an die Predigten in Santa Maria del Mar. »Katalonien braucht euch! Konig Pedro braucht euch! Auf in den Krieg!« Welchen Krieg? Es war ein einziges Gemetzel gewesen. Scharmutzel, in denen niemand etwas verlor au?er den einfachen Leuten, den treuen Soldaten … und den Kindern, die im nachsten Winter hungern wurden, weil es an Getreide fehlte. Was war das fur ein Krieg? Ein Krieg, den Bischofe und Kardinale als Zutrager listenreicher Konige ausgelost hatten? Der Priester predigte noch immer, doch Arnau achtete nicht auf seine Worte. Weshalb hatte er toten mussen? Wer hatte etwas von diesen Toten?
Die Messe war zu Ende. Die Soldaten zerstreuten sich und fanden sich in kleinen Gruppchen zusammen.
»Und die versprochene Beute?«
»Perpignan ist reich, sehr reich.«
»Wie will der Konig seine Soldaten bezahlen, wenn er schon vorher nicht dazu in der Lage war?«
Arnau ging ziellos zwischen den Gruppen von Soldaten hin und her. Was interessierte ihn die Beute? Die Blicke der Kinder waren es, die ihm nachgingen, der Blick jenes kleinen Jungen, der, die Hand seiner Schwester umklammernd, zugesehen hatte, wie Arnau und eine Truppe von Soldaten ihr Gemusefeld verwusteten und das Getreide zerstreuten, das sie uber den Winter bringen sollte. Warum?, schienen seinen unschuldigen Augen zu fragen. Was haben wir euch getan? Wahrscheinlich waren die Kinder fur das Gemusefeld zustandig, und dort blieben sie stehen, wahrend ihnen die Tranen uber die Wangen rollten, bis das ruhmreiche katalanische Heer damit fertig war, ihren armseligen Besitz zu zerstoren. Als alles vorbei war, war Arnau unfahig, sie anzusehen.
Das Heer kehrte nach Hause zuruck. Die Soldaten zerstreuten sich auf den Stra?en Kataloniens, begleitet von Falschspielern, Huren und Handlern, enttauscht uber die Beute, die ihnen entgangen war.
Barcelona kam naher. Die einzelnen Burgerheere des Prinzipats bogen in Richtung ihrer Heimatstadte ab, andere wurden durch die grafliche Stadt ziehen. Arnau bemerkte, dass seine Kampfgefahrten ihre Schritte beschleunigten, genau wie er selbst es getan hatte. Auf so manchem Soldatengesicht erschien ein Lacheln. Es ging nach Hause. Marias Gesicht tauchte vor ihm auf. »Alles geklart«, hatte man ihm gesagt. »Aledis wird dich nicht mehr behelligen.« Das war alles, was er wollte, der einzige Grund fur seine Flucht.
Marias Gesicht lachelte ihm zu.
