den Fels schlugen. Das Getose lie? Arnau zusammenfahren. Allmahlich erhellten Hunderte, Tausende von Funken die Dunkelheit und umgaben die Soldner mit einem Lichtschein.
Arnau war selbst uberrascht, als er die Armbrust in die Luft reckte.
»Das Eisen erwache!«, brullte er. Er schwitzte nicht mehr, er zitterte nicht mehr. »Das Eisen erwache!«
Er blickte zu den Mauern empor, die unter dem Gebrull der Almogavaren zu wanken schienen. Der Boden bebte und der Widerschein der Funken wurde immer heller. Plotzlich erscholl eine Trompete, und aus dem Geschrei wurde ein furchterregendes Geheul.
»Sant Jordi! Sant Jordi!«
»Jetzt!«, rief der Offizier und stie? ihn voran, hinter den zweihundert Mannern her, die zum Angriff sturmten.
Arnau lief, bis er mit dem Offizier und einer Abteilung Armbrustschutzen hinter den Felsen am Fu? der Mauer zu liegen kam. Er konzentrierte sich auf eine der Sturmleitern, die die Almogavaren an die Mauer gestellt hatten, und versuchte, auf die Gestalten zu zielen, die von den Zinnen herunter den Angriff der Soldner abzuwehren versuchten, die immer noch heulten wie besessen. Und er traf. Er traf zwei der Verteidiger an Stellen, die nicht vom Kettenhemd geschutzt waren, und sah sie nach hinten sinken.
Einer Gruppe von Angreifern gelang es, die Mauern der Festung zu uberwinden. Arnau merkte, wie ihm der Offizier auf die Schulter tippte, damit er zu schie?en aufhorte. Der Einsatz des Rammbocks war nicht notwendig. Als die Almogavaren die Zinnen erklommen, offnete sich das Burgtor, und mehrere Ritter stoben in wildem Galopp davon, um nicht als Geiseln genommen zu werden. Zwei von ihnen fielen unter dem Beschuss der katalanischen Armbruste, den Ubrigen gelang die Flucht. Mehrere Burgbewohner, ihrer Fuhrer beraubt, ergaben sich. Eiximen d'Esparca und seine Reiter preschten mit ihren Schlachtrossern in die Burg und toteten jeden, der noch Widerstand leistete. Dann kamen die gemeinen Soldaten hinterher.
Als Arnau die Burg betrat, die Armbrust uber der Schulter, den Dolch in der Hand, erstarrte er. Er wurde nicht mehr gebraucht. Der Burghof lag voller Leichen, und jene, die nicht gefallen waren, knieten entwaffnet und um Gnade flehend vor den Reitern, die mit gezuckten Langschwertern den Hof durchma?en. Die Almogavaren machten sich ans Plundern. Einige verschwanden im Turm, andere durchsuchten die Leichen so habgierig, dass Arnau den Blick abwenden musste. Einer der Almogavaren trat zu ihm und hielt ihm eine Handvoll Pfeile hin. Einige hatten ihr Ziel verfehlt, viele waren blutbefleckt, an einigen hafteten sogar noch Fleischfetzen. Arnau zogerte. Der Almogavare, ein bereits alterer Mann, dunn wie die Pfeile, die er ihm hinhielt, war erstaunt. Dann verzog sich sein zahnloser Mund zu einem Grinsen, und er gab die Pfeile einem anderen Soldaten.
»Was ist los?«, fragte dieser Arnau. »Glaubst du etwa, dass Eiximen dir deine Pfeile ersetzt? Mach sie sauber.« Damit warf er ihm die Pfeile vor die Fu?e.
In wenigen Stunden war alles vorbei. Die Uberlebenden wurden zu Gruppen zusammengetrieben und an den Handen gefesselt. Noch an diesem Abend wurden sie in dem Tross, der dem Heer folgte, als Sklaven verkauft werden. Die Truppen Eiximen d'Esparcas setzten sich wieder in Bewegung, um dem Konig zu folgen. Ihre Verwundeten nahmen sie mit. Zuruck blieben siebzehn tote Katalanen und eine brennende Festung, die den Gefolgsleuten Konig Jaimes III. nicht mehr von Nutzen sein wurde.
30
Eiximen d'Esparca und seine Manner holten das konigliche Heer in der Nahe der stolzen Stadt Elne ein, nur zwei Meilen von Perpignan entfernt. Der Konig hatte beschlossen, etwas au?erhalb der Stadt das Nachtlager aufzuschlagen, wo er einen weiteren Bischof empfing, der erneut vergeblich versuchte, im Namen Jaimes von Mallorca zu verhandeln.
Auch wenn der Konig nichts gegen die Eroberung der Burg Bellaguarda durch Eiximen d'Esparca und seine Almogavaren gehabt hatte, so versuchte er doch zu verhindern, dass eine weitere Gruppe von Rittern auf dem Weg nach Elne mit Waffengewalt den Turm von Nidoleres einnahm. Aber als der Konig dort eintraf, hatten die Ritter die Burg bereits uberfallen, die Bewohner ermordet und die Festung gebrandschatzt.
Doch niemand wagte es, sich Elne zu nahern oder seine Bewohner zu behelligen. Das gesamte Heer versammelte sich um die Lagerfeuer und sah zu den Lichtern der Stadt hinuber. Elne hatte die Stadttore weit geoffnet.
»Warum …«, begann Arnau, als sie am Feuer sa?en.
»Warum man sie die Stolze nennt?«, unterbrach ihn einer der Alteren.
»Ja. Warum hat man solche Achtung vor ihr? Weshalb schlie?en sie nicht die Tore?«
Der alte Soldat sah zu der Stadt hinuber, bevor er antwortete.
»Die Stolze lastet auf unserem Gewissen … dem Gewissen der Katalanen. Sie wissen, dass wir nicht angreifen werden.« Dann schwieg er. Arnau hatte gelernt, die Art der Soldaten zu respektieren. Er wusste, wenn er ihn bedrangte, wurde der Mann ihn verachtlich ansehen und gar nichts mehr sagen. Allen Veteranen gefiel es, in Erinnerungen und Geschichten zu schwelgen, mochten sie nun wahr sein oder falsch, ubertrieben oder nicht. Es machte ihnen Freude, die Spannung zu erhohen. Schlie?lich erzahlte der Soldat weiter: »Im Krieg gegen die Franzosen, als Elne noch uns gehorte, versprach Pedro der Gro?e, die Stadt zu verteidigen, und schickte eine Abteilung katalanischer Ritter. Doch diese lie?en die Stadt im Stich. Sie flohen bei Nacht und uberlie?en Elne der Gnade des Feindes.« Der Veteran spuckte ins Feuer. »Die Franzosen entweihten die Kirchen, erschlugen die Kinder, vergewaltigten die Frauen und toteten alle Manner … bis auf einen. Das Blutbad von Elne lastet auf unserem Gewissen. Kein Katalane wurde es wagen, sich Elne zu nahern.«
Arnau sah erneut zu den offenen Toren der Stadt. Dann beobachtete er die einzelnen Gruppen im Feldlager. Immer wieder blickte jemand schweigend nach Elne hinuber.
»Wen verschonten sie?«, fragte er, seine Vorsatze brechend.
Der Veteran musterte ihn uber das Lagerfeuer hinweg.
»Einen Mann namens Bastard von Roussillon.« Arnau wartete erneut, bis der Mann schlie?lich weitersprach. »Jahre spater fuhrte dieser Soldat die franzosischen Truppen uber den Pass von Macana nach Katalonien.«
Das Heer lagerte im Schatten der Stadt Elne. Ein Gleiches taten, in einiger Entfernung, die Hunderte von Menschen, die den Truppen folgten. Francesca beobachtete Aledis. War dies der geeignete Ort? Die Geschichte von Elne hatte die Runde durch Zelte und Hutten gemacht und im Lager herrschte ungewohnliche Ruhe. Auch sie sah immer wieder zu den geoffneten Toren der Stadt hinuber. Ja, sie befanden sich in Feindesland. Kein Katalane wurde in Elne und Umgebung freundlich aufgenommen werden. Aledis war weit von zu Hause weg. Fehlte nur noch, dass sie alleine war.
