verweisen zu durfen, die Turen ihrer Hauser aus den Angeln zu heben und diese in den Innenhof des Klosters zu bringen. Und die Abtissin machte sich mit Feuereifer ans Werk.

»Sind sie alle ihre Pacht schuldig geblieben?«, fragte Aledis mit einer unbestimmten Handbewegung, wahrend sie daran zuruckdachte, wie man sie aus ihrem Haus geworfen hatte, bevor sie bei Pere und Mariona untergekommen waren. Weil sie ihren Pachtzins nicht bezahlt hatten, war die Tur entfernt worden.

»Nein, mein Kind«, antwortete ihre Mutter. »So ergeht es den Frauen, die nichts von Sittsamkeit halten.«

Aledis sah es wie heute vor sich, wie ihre Mutter sie bei diesen Worten mit schmalen Augen angesehen hatte.

Sie schuttelte den Kopf, um die bose Erinnerung zu verscheuchen, bis sie erneut Antonia und ihre Scham sah, die ebenso blond gelockt war wie ihr Haupthaar. Was wurde die Abtissin von San Pedro wohl mit Antonia machen?

Francesca trat aus dem Zelt, um nach dem Madchen zu suchen. »Antonia!«, brullte sie. Aledis beobachtete, wie Antonia aus dem Zuber sprang, in die Schuhe schlupfte und zum Zelt lief. Dann begegnete ihr Blick fur einige Sekunden jenem Francescas, bevor sich die Patronin wieder ihren Pflichten zuwandte. Was verbarg sich hinter diesem Blick?

Eiximen d'Esparca, Vasall seiner Majestat Konig Pedros III. war machtig. Er war ein gewichtiger Mann, eher wegen seiner Position als wegen seines Au?eren, denn sobald er von seinem schweren Streitross stieg und die Rustung ablegte, wirkte er klein und schmachtig. Ein Schwachling, urteilte Arnau, wahrend er befurchtete, der Adlige konne seine Gedanken lesen.

Eiximen d'Esparca befehligte eine Kompanie Almogavaren, die er aus seiner eigenen Schatulle bezahlte. Doch wenn er seine Manner so ansah, kamen ihm Zweifel. Wonach bema? sich die Loyalitat dieser Soldner? Einzig und allein nach ihrem Sold. Deshalb umgab er sich mit einer Leibwache, und Arnaus Kampf hatte ihn beeindruckt.

»Welche Waffe beherrschst du?«, wurde Arnau vom Offizier des koniglichen Vasallen befragt. Der Bastaix wies die Armbrust seines Vaters vor. »Das dachte ich mir. Alle Katalanen wissen damit umzugehen, es ist ihre Pflicht. Noch eine?«

Arnau schuttelte den Kopf.

»Und dieser Dolch?« Der Offizier zeigte auf die Waffe, die Arnau am Gurtel trug. Als dieser ihm die abgestumpfte Spitze zeigte, warf er den Kopf in den Nacken und brach in schallendes Gelachter aus. »Damit bekommst du nicht einmal ein Jungfernhautchen zerrissen«, sagte er immer noch lachend. »Du wirst dich im Umgang mit einem richtigen Dolch uben, Mann gegen Mann.«

Er kramte in einer Truhe und uberreichte ihm eine Machete, die viel langer und schwerer war als sein Dolch. Arnau fuhr mit dem Finger uber die Klinge. Von da an ubte er jeden Tag zusammen mit Eiximens Garde den Zweikampf mit seinem neuen Dolch. Er bekam auch eine bunte Uniform, die aus einem Panzerhemd, einem Helm – den er putzte, bis er glanzte – sowie robusten Lederschuhen bestand, die mittels geschnurter Bander um die Waden befestigt wurden. Die harte Ausbildung wechselte sich mit echten Kampfen ab, ohne Waffen, Mann gegen Mann, die von den Offizieren der Adligen im Lager abgehalten wurden. Arnau trat fur die Truppen des koniglichen Vasallen an, und es verging kein Tag, ohne dass er ein oder zwei Kampfe vor Publikum bestritt, das sich johlend um die Kampfenden drangte und Wetten abschloss.

Einige Kampfe genugten, damit sich Arnau einen Ruf unter den Soldaten erwarb. Wenn er in der knapp bemessenen freien Zeit, die ihm blieb, durchs Lager ging, merkte er, wie sie ihn beobachteten und mit dem Finger auf ihn deuteten. Es war ein merkwurdiges Gefuhl, wenn in seiner Gegenwart die Gesprache verstummten und alle Blicke auf ihm ruhten.

Der Offizier Eiximen d'Esparcas lachelte uber die Frage seines Kameraden.

»Ob ich mich dafur wohl mit einem ihrer Madchen vergnugen kann?«, wollte er wissen.

»Naturlich. Die Alte ist verruckt nach deinem Soldaten. Sie wurde alles tun, um ihn zu sehen. Du kannst dir nicht vorstellen, wie ihre Augen glanzten.«

Die beiden lachten.

»Wohin soll ich ihn bringen?«

Francesca wahlte fur den Anlass ein kleines Gasthaus au?erhalb von Figueras.

»Stell keine Fragen und tu, was man dir sagt«, wies der Offizier Arnau an. »Da ist jemand, der dich sehen mochte.«

Die beiden Offiziere begleiteten ihn bis zu dem Gasthaus und dort auf das elende Zimmerchen, in dem bereits Francesca wartete. Als Arnau eintrat, schlossen sie die Tur und verriegelten sie von au?en. Arnau fuhr herum und versuchte sie zu offnen. Dann hammerte er gegen das Holz.

»Was ist los?«, brullte er. »Was soll das?«

Die Antwort der Offiziere bestand in schallendem Gelachter.

Arnau horte ein Weilchen zu. Was hatte das zu bedeuten? Plotzlich merkte er, dass er nicht alleine war, und drehte sich um. Hinter ihm stand Francesca am Fenster und beobachtete ihn, schwach beschienen von einer Kerze, die an einer der Wande hing. Trotz des schummrigen Lichts leuchtete ihr grunes Kleid. Eine Hure! Wie viele Weibergeschichten hatte er an den warmenden Feuern im Feldlager gehort, wie viele Manner brusteten sich damit, ihr Geld mit einem Madchen verjubelt zu haben, das stets noch besser, noch schoner und noch williger gewesen war als das vorherige. Dann schwieg Arnau immer und blickte zu Boden. Er war hier, weil er vor zwei Frauen davongelaufen war! Vielleicht war dieser grobe Streich eine Folge seines Schweigens, seines offensichtlich mangelnden Interesses an Frauen … Wie oft hatte man ihn wegen seiner wortkargen Art gestichelt!

»Was soll das alles?«, fragte er Francesca. »Was willst du von mir?«

Sie konnte ihn noch nicht erkennen. Die Kerze spendete nicht genugend Licht, aber seine Stimme … Seine Stimme war die eines Mannes, und er war gro? und kraftig, wie ihr das Madchen erzahlt hatte. Sie merkte, dass ihre Knie zitterten und ihre Beine nachgaben. Es war ihr Sohn!

Francesca musste sich rauspern, bevor sie sprach.

»Beruhige dich. Ich will nichts, was dich in deiner Ehre verletzen konnte. Au?erdem«, setzte sie hinzu, »sind wir allein. Was konnte ich, eine schwache Frau, gegen einen jungen, kraftigen Mann wie dich ausrichten?«

»Warum lachen sie dann da drau?en?«, fragte Arnau, der immer noch an der Tur stand.

»Lass sie lachen, wenn sie wollen. Der Verstand des Menschen geht krumme Wege, und im Allgemeinen geht

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