Aledis sah erneut an sich herunter. Frauen wie sie, die mit einem Handwerker verheiratet waren, durften keine bunten Kleider tragen. So befahl es der Konig. Und dabei waren diese Stoffe so hubsch! Aber wie sollte sie derart gekleidet vor Arnau treten? Die Soldaten wurden sie fur so eine halten … Sie hob einen Arm, um sich von der Seite zu betrachten.
»Gefallt es dir?«
Aledis drehte sich um und sah die Patronin neben dem Zelteingang stehen. Antonia – so hie? das blondgelockte Madchen, das ihr beim Anziehen geholfen hatte – verschwand auf einen Wink der Frau.
»Ja … nein …« Aledis betrachtete sich erneut. Das Kleid war lindgrun. Ob diese Frauen etwas hatten, das man sich um die Schultern legen konnte? Wenn sie sich bedeckte, wurde niemand sie fur eine Dirne halten.
Die Patronin musterte sie von oben bis unten. Sie hatte sich nicht getauscht. Ein sinnlicher Korper, der jeden Offizier erfreuen wurde. Und ihre Augen? Die beiden Frauen sahen sich an. Sie waren riesig. Braun. Doch sie blickten traurig.
»Was fuhrt dich hierher, Madchen?«
»Mein Mann. Er ist in der Armee und ist aufgebrochen, ohne zu wissen, dass er Vater wird. Ich wollte es ihm sagen, bevor er in die Schlacht zieht.«
Sie sagte das, ohne zu stocken, genau wie bei den Handlern, die sie aus dem Fluss gerettet hatten, nachdem der Fahrmann versucht hatte, sich ihrer zu entledigen. Als die Handler aufgetaucht waren, hatte er die Flucht ergriffen. Sie zogen die ohnmachtige Aledis aus dem Wasser, und als sie sahen, dass sie vergewaltigt worden war, hatten sie Mitleid mit ihr.
»Man muss ihn beim Stadtrichter anzeigen«, sagten sie zu ihr.
Aber was sollte sie dem Stellvertreter des Konigs sagen? Und wenn ihr Mann hinter ihr her war? Und wenn man sie entdeckte? Es wurde zu einem Prozess kommen, und dann …
»Nein. Ich muss das konigliche Feldlager erreichen, bevor die Truppen nach Roussillon aufbrechen«, sagte sie, nachdem sie ihnen erklart hatte, dass sie schwanger sei und ihr Mann nichts davon wisse. »Dort werde ich meinem Mann alles erzahlen, und er wird entscheiden.«
Die Handler begleiteten sie bis nach Gerona. Bei der Kirche Sant Feliu vor den Toren der Stadt trennte sich Aledis von ihnen. Der Alteste schuttelte den Kopf, als er sie so alleine und zerlumpt vor der Kirche stehen sah. Aledis hatte sich jedoch an den Ratschlag der alten Frauen erinnert: Halte dich von den Dorfern und Stadten fern, und das beherzigte sie nun. Gerona war eine Stadt mit sechstausend Einwohnern. Von dort, wo sie stand, konnte sie das Dach der Kirche Santa Maria sehen, die sich noch im Bau befand. Daneben den Bischofspalast und neben diesem die hohe, trutzige Torre Gironella, die starkste Verteidigungsanlage der Stadt. Nachdem sie eine Weile die Ansicht genossen hatte, machte sie sich wieder auf den Weg nach Figueras.
Die Patronin beobachtete Aledis, wahrend diese in Erinnerungen an ihre Reise versunken war. Sie bemerkte, dass das Madchen zitterte.
Aledis spurte das eng anliegende Kleid auf ihrem flachen, festen Bauch. Sie trat nervos von einem Fu? auf den anderen und sah zu Boden. Was starrte diese Frau sie so an?
Uber das Gesicht der Patronin huschte ein zufriedenes Lacheln, das Aledis nicht sehen konnte. Wie oft war sie Zeugin solcher stummen Gestandnisse geworden? Madchen, die sich Geschichten ausdachten, deren Lugen jedoch nicht einmal dem geringsten Druck standhielten. Dann wurden sie nervos und schlugen die Augen nieder wie dieses Madchen. Wie viele Schwangerschaften hatte sie gesehen? Dutzende? Hunderte? Noch nie hatte ihr ein Madchen mit einem so festen, flachen Bauch erzahlt, es sei schwanger. Ein Irrtum? Womoglich, aber es war unvorstellbar, dass sie nur wegen eines Irrtums hinter ihrem Mann herlief, der auf dem Weg in den Krieg war, um ihm davon zu erzahlen.
»In dieser Aufmachung kannst du nicht ins konigliche Feldlager gehen.« Aledis blickte auf, als sie die Patronin horte, und sah erneut an sich herunter. »Es ist uns untersagt, dort zu erscheinen. Wenn du willst, konnte ich deinen Mann ausfindig machen.«
»Ihr? Ihr wurdet mir helfen? Weshalb solltet Ihr das tun?«
»Habe ich dir nicht schon geholfen? Ich habe dir zu essen gegeben, habe dich gewaschen und angekleidet. Niemand in diesem Lager von Verruckten hat das getan, oder?« Aledis nickte. Es lief ihr kalt den Rucken herunter, wenn sie daran dachte, wie man sie behandelt hatte. »Warum wundert dich das also?« Aledis zogerte. »Gewiss, wir sind offentliche Frauen, doch das bedeutet nicht, dass wir kein Herz haben. Wenn mir vor Jahren jemand geholfen hatte …« Die Patronin blickte ins Leere, ihre Worte hingen in der Luft. »Nun, egal. Wenn du willst, kann ich es tun. Ich kenne viele Leute im Feldlager. Es ware nicht schwer fur mich, deinen Mann herzuholen.«
Aledis wagte das Angebot ab. Warum eigentlich nicht?
Die Patronin hingegen dachte an ihre zukunftige Neuerwerbung. Es wurde ein Leichtes sein, den Mann zu beseitigen. Ein Streit im Feldlager … Die Soldaten schuldeten ihr zahlreiche Gefalligkeiten, und zu wem sollte das Madchen dann gehen? Sie war alleine. Sie wurde sich ihr anvertrauen. Die Schwangerschaft, so sie der Wahrheit entsprach, stellte kein Problem dar. Wie viele solcher Probleme hatte sie fur ein paar Munzen gelost?
»Ich danke Euch«, stimmte Aledis zu.
Jetzt gehorte sie ihr.
»Wie hei?t dein Mann und woher kommt er?«
»Er gehort dem Burgerheer von Barcelona an und er hei?t Arnau, Arnau Estanyol.« Die Patronin fuhr zusammen. »Ist etwas?«, fragte Aledis.
Die Frau nahm einen Hocker und setzte sich. Sie atmete schwer.
»Nein«, antwortete sie. »Es muss diese verfluchte Hitze sein. Reich mir mal den Facher dort.«
Es konnte nicht sein, sagte sie sich, wahrend Aledis ihrer Bitte nachkam. Ihre Schlafen pochten. Arnau Estanyol! Es konnte nicht sein.
»Beschreibe mir deinen Mann«, sagte sie, wahrend sie dasa? und sich Luft zufachelte.
»Oh, er muss ganz einfach zu finden sein. Er ist Lastentrager im Hafen. Er ist jung und stark, gro? und schon, und er hat ein Muttermal neben dem rechten Auge.«
Die Patronin fachelte sich schweigend Luft zu. Ihr Blick ging durch Aledis hindurch, zu einem Dorfchen namens
