Abreise nach Mallorca.

Am nachsten Tag sollte er heiraten, in der Palastkapelle Santa Agata.

»Es ist eine kleine Kapelle«, erklarte ihm Joan. »Jaime II. lie? sie Anfang des Jahrhunderts nach den Anweisungen seiner Gemahlin Blanca von Anjou erbauen, um dort die Passionsreliquien aufzubewahren, genau wie in der Sainte-Chapelle in Paris, woher die Konigin stammte.«

Es sollte eine Hochzeit im kleinen Rahmen werden. Arnau wurde nur Joan dabeihaben. Mar weigerte sich mitzukommen. Seit er verkundet hatte, dass er heiraten wurde, ging ihm das Madchen aus dem Weg und schwieg in seiner Gegenwart. Hin und wieder sah sie ihn an, doch ihr Lacheln war verschwunden.

Aus diesem Grund sprach Arnau Mar an diesem Abend an und bat sie, ihn zu begleiten.

»Wohin?«, fragte das Madchen.

Ja, wohin?

»Ich wei? nicht … Vielleicht nach Santa Maria? Dein Vater hat diese Kirche bewundert. Wei?t du, dass ich ihn dort kennengelernt habe?«

Mar war einverstanden. Die beiden verlie?en die Wechselstube und spazierten zu der noch unvollendeten Fassade von Santa Maria. Die Maurer begannen gerade mit dem Bau der beiden flankierenden achteckigen Turme, und die Steinmetzen mei?elten eifrig am Tympanon, den Tursturzen, dem Mittelpfosten und den Archivolten. Arnau und Mar traten in die Kirche. Die Rippen des zweiten Mittelschiffjochs reckten sich bereits in den Himmel, dem Schlussstein entgegen. Sie wirkten wie ein Spinnennetz, gestutzt von den holzernen Gerusten, auf denen sie auflagen.

Arnau konnte die Nahe des Madchens spuren. Sie war ebenso gro? wie er, das Haar fiel ihr anmutig uber die Schultern. Sie roch gut, frisch, nach Krautern. Die meisten Handwerker bewunderten sie. Er sah es an ihren Augen, selbst wenn sie sich abwandten, nachdem sie Arnaus Blick bemerkten. Ihr Duft drang mit jeder ihrer Bewegungen zu ihm heruber.

»Weshalb willst du nicht zu meiner Hochzeit kommen?«, fragte er unvermittelt.

Mar gab keine Antwort. Sie lie? ihren Blick durch den Kirchenraum wandern.

»Man gestattet mir nicht einmal, in dieser Kirche zu heiraten«, murmelte Arnau.

Das Madchen sagte noch immer nichts.

»Mar …« Arnau wartete, bis sie ihn ansah. »Ich hatte dich gerne am Tag meiner Hochzeit bei mir gehabt. Du wei?t, dass es mir nicht gefallt und ich es gegen meinen Willen tue, aber der Konig … Ich werde dich nicht weiter drangen, einverstanden?« Mar nickte. »Kann dann alles zwischen uns sein wie immer?«

Mar blickte zu Boden. Es gab so vieles, was sie ihm gerne gesagt hatte. Aber sie konnte ihm seine Bitte nicht abschlagen. Sie hatte ihm nichts abschlagen konnen.

»Danke«, sagte Arnau. »Wenn du mich im Stich lassen wurdest … Ich wei? nicht, was aus mir wurde, wenn die Menschen, die ich liebe, mich im Stich lassen!«

Mar spurte, wie sich ihr Herz verkrampfte. Es war nicht diese Art von Zuneigung, nach der sie verlangte. Sie wollte Liebe. Weshalb nur war sie darauf eingegangen, ihn zu begleiten? Sie blickte zum Gewolbe der Apsis von Santa Maria hinauf.

»Joan und ich haben gesehen, wie dieser Schlussstein gesetzt wurde«, sagte Arnau, ihrem Blick folgend. »Wir waren damals noch Kinder.«

Zurzeit arbeiteten die Glaser in halsbrecherischer Hohe an den Fenstern des Obergadens. Die oberen Fenster der Apsis, die eine kleine Rosette zu bilden schienen, waren bereits fertiggestellt. Danach waren die darunterliegenden gro?en Spitzbogenfenster an der Reihe. Aus farbigem Glas, das mit dunnen Bleifassungen zusammengefugt wurde, gestalteten sie Figuren und Dekors, durch die wie durch einen Filter das Licht von au?en in die Kirche fiel.

»Als Junge«, fuhr Arnau fort, »hatte ich das Gluck, mit dem gro?en Berenguer de Montagut zu sprechen. Ich wei? noch, dass er sagte, wir Katalanen brauchten keinen anderen Schmuck als den Raum und das Licht. Der Baumeister hat zur Apsis hinaufgewiesen – genau dorthin, wo du jetzt hinschaust – und mit einer Handbewegung beschrieben, wie das Licht von dort zum Hauptaltar einfallen sollte. Ich tat so, als hatte ich verstanden, doch in Wirklichkeit war ich nicht in der Lage, mir vorzustellen, wovon er sprach.« Mar sah ihn an. »Ich war noch jung«, entschuldigte er sich, »und er war der Baumeister, der gro?e Berenguer de Montagut. Heute jedoch verstehe ich, was er meinte.«

Arnau trat ganz nahe an Mar heran und deutete auf die Fensterrosette hoch oben. Mar versuchte zu verbergen, dass sie ein Schauder durchfuhr, als Arnau sie beruhrte.

»Siehst du, wie das Licht einfallt?« Er beschrieb eine Handbewegung bis zum Hauptaltar, so wie es Berenguer damals gemacht hatte, doch diesmal waren tatsachlich bunte Lichtstrahlen zu sehen, die von oben durch die Fenster fielen. Mar folgte Arnaus Handbewegung. »Schau nur. Die der Sonne zugewandten Fenster sind in leuchtenden Farben gehalten, Rot, Gelb und Grun, um die Kraft des Mittelmeerlichts zu nutzen. Die Fenster auf der Schattenseite sind wei? oder blau. Und wahrend die Sonne am Himmel entlangwandert, andert sich das Licht in der Kirche und wird von den Steinen reflektiert. Der Baumeister hatte ja so recht! Es ist, als stunde man jeden Tag, jede Stunde in einer neuen Kirche, ganz so, als erwachte sie zu immer neuem Leben. Denn auch wenn der Stein tot ist, so ist die Sonne lebendig und jeden Tag anders. Die Lichtreflexe sind nie gleich.«

Die beiden betrachteten gebannt das Licht.

Schlie?lich fasste Arnau Mar bei den Schultern und drehte sie zu sich um.

»Bitte, Mar, lass mich nicht im Stich.«

Am nachsten Morgen bei der Trauung in der dunklen, uberladenen Kapelle Santa Agata versuchte Mar, ihre Tranen zu verbergen.

Arnau und Elionor standen stocksteif vor dem Bischof. Elionor regte sich nicht und blickte erhobenen Hauptes geradeaus. Arnau sah zu Beginn der Zeremonie ein paar Mal zu ihr hinuber, doch Elionor blickte weiter starr nach vorne. Daraufhin betrachtete er sie nur noch verstohlen aus dem Augenwinkel.

39

Gleich nach der Trauung brachen

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