»Nein.«

»Ich werde mich an den Konig wenden.«

»Du wei?t doch, dass der Konig genug mit dem Krieg gegen Kastilien zu tun hat, um sich nicht auch noch mit seinem Sohn herumzuargern. Schlie?lich hat er ihn zu seinem Stellvertreter ernannt.«

»Funfundvierzigtausend, aber ohne Schuldige.«

»Nein, Arnau, nein …«

»Frag ihn!«, entfuhr es Arnau. »Ich bitte dich«, setzte, er, milder, hinzu.

Der Gestank, der aus der Synagoge drang, schlug Arnau bereits entgegen, als er noch ein gutes Stuck entfernt war. In den Gassen des Judenviertels sah es noch verheerender aus als beim letzten Mal. Uberall lagen Mobel und Hausrat der Juden herum. Aus dem Inneren der Hauser war das Hammern der schwarzen Monche zu horen, die auf der Suche nach dem Leib Christi Wande und Fu?boden aufmei?elten. Arnau musste sich zusammenrei?en, um ruhig zu erscheinen, als er Hasdai entgegentrat, der diesmal in Begleitung zweier Rabbiner und weiterer Vertreter der Gemeinde war. Arnaus Augen brannten. War es wegen des bei?enden Uringestanks, der aus der Synagoge drang, oder wegen der Nachrichten, die er ihnen uberbringen musste?

Arnau beobachtete die Manner, die ihre Lungen mit frischer Luft fullten, wahrend aus dem Gebaude Jammern und Stohnen zu horen war. Wie mochte es da drinnen sein? Die Manner blickten auf die verwusteten Stra?en des Judenviertels, und fur einen Moment stockte ihnen der Atem.

»Sie fordern Schuldige«, sagte Arnau, als sich die funf wieder gefasst hatten. »Wir haben mit funfzehn begonnen. Jetzt sind wir bei funf, und ich habe die Hoffnung, dass …«

»Wir konnen nicht langer warten, Arnau Estanyol«, unterbrach ihn einer der Rabbiner. »Heute ist ein alter Mann gestorben. Er war krank, aber unsere Arzte konnten nichts fur ihn tun, sie konnten ihm nicht einmal die Lippen benetzen. Sie erlauben uns nicht, ihn zu bestatten. Wei?t du, was das bedeutet?« Arnau nickte. »Morgen wird sich der Verwesungsgestank breitmachen …«

»Wir konnen uns kaum ruhren in der Synagoge«, sagte Hasdai. »Die Leute konnen nicht aufstehen, um ihre Notdurft zu verrichten. Die Mutter haben keine Milch mehr. Sie haben die Neugeborenen und auch die anderen Kinder gesaugt, um ihren Durst zu stillen. Wenn wir noch lange warten, sind funf Schuldige eine Kleinigkeit.«

»Und funfundvierzigtausend Libras«, erganzte Arnau.

»Was interessiert uns das Geld, wenn uns allen der Tod droht?«, erklarte der andere Rabbiner.

»Und nun?«, fragte Arnau.

»Versuch es weiter, Arnau«, bat ihn Hasdai.

Zehntausend Libras mehr machten dem Boten des Infanten Beine – vielleicht machte er sich gar nicht erst auf den Weg. Arnau wurde am nachsten Morgen vorgeladen. Drei Schuldige.

»Sie sind Menschen!«, hielt Arnau dem Stadtrichter vor.

»Sie sind Juden, Arnau. Sie sind nur Juden. Ketzer im Eigentum der Krone. Ohne die Gunst des Konigs waren sie langst tot, und nun hat der Konig beschlossen, dass drei von ihnen fur den Hostienfrevel bu?en sollen. Das Volk verlangt danach.«

Seit wann gab der Konig etwas auf die Meinung seines Volkes?, dachte Arnau.

»Au?erdem waren damit die Probleme des Seekonsulats gelost«, erklarte der Stadtrichter.

Der Leichnam des alten Mannes, die ausgedorrten Bruste der Mutter, die weinenden Kinder, das Stohnen und der Gestank – das alles bewegte Arnau dazu, dem Vorschlag zuzustimmen. Der Stadtrichter lehnte sich in seinem Lehnstuhl zuruck.

»Zwei Bedingungen«, erganzte Arnau und zwang seinen Gesprachspartner erneut zur Aufmerksamkeit. »Sie wahlen die Schuldigen selbst aus.« Der Stadtrichter nickte. »Und der Bischof muss der Vereinbarung zustimmen und zusichern, dass er die Glaubigen beruhigt.«

»Das habe ich bereits veranlasst, Arnau. Glaubst du, ich sahe gerne ein neuerliches Blutbad im Judenviertel?«

Die Prozession machte sich im Judenviertel auf den Weg. Die Fenster und Turen der Hauser waren verschlossen und die mit Mobiliar ubersaten Stra?en menschenleer. Die Stille im Judenviertel stand im Kontrast zu dem Larm, der vor den Toren herrschte, wo sich eine Menschenmenge um den im Mittelmeerlicht goldschimmernden Bischof und eine Unzahl von Priestern und schwarzen Monchen drangten. Zwei Reihen Soldaten trennten die Geistlichen vom Volk.

Ein Schrei erhob sich in den Himmel, als die drei Gestalten vor den Toren des Judenviertels erschienen. Die Leute reckten die geballten Fauste in die Hohe, und ihre Schmahrufe gingen in dem metallischen Gerausch unter, mit dem die Soldaten ihre Schwerter zogen, um den Zug zu schutzen. Zwei Reihen schwarzer Monche nahmen die an Handen und Fu?en gefesselten Gestalten in ihre Mitte, und angefuhrt durch den Bischof von Barcelona, setzte sich die Prozession in Bewegung. Die Gegenwart der Soldaten und der Dominikanermonche konnte nicht verhindern, dass das Volk die drei Beschuldigten, die sich muhsam voranschleppten, mit Steinen bewarf und bespuckte.

Arnau befand sich in der Kirche Santa Maria, um zu beten. Er hatte die Nachricht ins Judenviertel gebracht, wo er von Hasdai, den Rabbinern und den Vertretern der Gemeinde vor der Synagoge empfangen wurde.

»Drei Schuldige«, sagte er und versuchte, ihre Blicke auszuhalten. »Ihr … Ihr konnt sie selbst auswahlen.«

Niemand sagte ein Wort. Sie betrachteten einfach die Gassen des Judenviertels, in Gedanken bei dem Jammern und Klagen, das aus dem Gotteshaus drang. Arnau hatte nicht den Mut, ein weiteres Mal zu verhandeln, und rechtfertigte sich vor dem Stadtrichter, als er aus dem Judenviertel kam.

»Es sind drei Unschuldige. Du wei?t genauso gut wie ich, dass die Sache mit der Hostienschandung nicht stimmt.«

Arnau horte das Johlen der Menge entlang der Calle de la Mar. Es erfullte die Kirche, drang durch die noch unvollendeten Portale und stieg uber die holzernen Geruste bis in die Gewolbekuppeln hinauf. Drei Unschuldige! Wie mochten sie ihre Wahl getroffen haben? Hatten die Rabbiner entschieden oder hatten sich Freiwillige gefunden? Auf einmal dachte Arnau daran, wie Hasdai die Gassen des Judenviertels betrachtet hatte. Was war es, das er in seinen Augen gesehen hatte? Resignation? War es nicht der Blick eines Menschen gewesen, der … der sich verabschiedete? Arnau zitterte. Seine Beine gaben nach und er musste sich an der Bank festklammern. Die Prozession naherte sich Santa Maria. Das Johlen wurde lauter. Arnau erhob sich und

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