Arnau drehte sich um. Vor ihm stand Hasdai. Er sah in die Augen seines Freundes, die sich mit Tranen fullten, als er sah, wie ihr personlicher Besitz geplundert wurde. Arnau befahl samtlichen Soldaten, sich zuruckzuziehen. Die
»Interessiert ihr euch fur die Angelegenheiten des Seekonsulats?«, fragte Arnau. »Geht zu meinen Mannern. Die Angelegenheiten des Konsulats sind geheim.«
Widerstrebend gehorchten die Soldaten. Arnau und Hasdai sahen sich an.
»Ich wurde dich gerne umarmen«, sagte Arnau, als sie niemand mehr horen konnte.
»Besser nicht.«
»Wie geht es euch?«
»Schlecht, Arnau. Sehr schlecht. Wir Alten sind nicht wichtig, und die Jungen werden durchhalten, aber die Kinder haben seit Stunden nichts gegessen und getrunken. Es sind einige Neugeborene darunter. Wenn den Muttern die Milch versiegt … Wir sind erst seit einigen Stunden eingeschlossen, doch die Bedurfnisse des Korpers …«
»Kann ich euch helfen?«
»Wir haben versucht zu verhandeln, aber der Stadtrichter will uns nicht anhoren. Du wei?t, dass es nur einen Weg gibt: Erkaufe unsere Freiheit.«
»Wie viel soll ich …?«
Hasdais Blick hinderte ihn am Weitersprechen. Wie viel war das Leben von funftausend Juden wert?
»Ich vertraue auf dich, Arnau. Meine Gemeinde ist in Gefahr.«
Arnau reichte ihm die Hand.
»Wir vertrauen auf dich«, sagte Hasdai noch einmal und erwiderte Arnaus Handedruck.
Erneut kam Arnau an den schwarzen Monchen vorbei. Ob sie die blutende Hostie bereits gefunden hatten? Der Hausrat und nun auch die Mobel turmten sich in den Gassen. Beim Verlassen des Judenviertels nickte er dem Stadtrichter zu. Er wurde am Nachmittag bei ihm vorsprechen, doch wie viel sollte er fur das Leben eines Menschen bieten? Und fur das Leben einer ganzen Gemeinde? Arnau hatte mit allen moglichen Waren gehandelt – Stoffen, Gewurzen, Getreide, Vieh, Schiffen, Gold und Silber –, er kannte auch die Sklavenpreise, doch was war ein Freund wert?
Arnau verlie? das Judenviertel und ging nach links die Banys Nous hinunter, uber die Plaza del Blat und die Calle Carders entlang, doch kurz vor der Calle de Monteada blieb er abrupt stehen. Wozu nach Hause gehen? Um Elionor zu begegnen? Er machte kehrt und ging durch die Calle de la Mar zu seiner Wechselstube. Seit dem Tag, an dem er Mars Vermahlung zugestimmt hatte, lie? Elionor ihm keine Ruhe mehr. Zunachst hatte sie es mit Schmeichelei versucht, ihn sogar Liebster genannt! Bislang hatte sie sich weder fur seine Geschafte interessiert noch dafur, was er gerne a? oder wie es ihm ging. Als diese Taktik nicht aufging, beschloss Elionor, zum direkten Angriff uberzugehen. »Ich bin eine Frau«, sagte sie eines Tages zu ihm. Der Blick, mit dem Arnau sie bedachte, schien ihr nicht zu gefallen, denn sie sagte nichts mehr. Doch einige Tage spater fing sie wieder damit an: »Wir mussen unsere Ehe vollziehen. Wir leben in Sunde.«
»Seit wann interessierst du dich fur mein Seelenheil?«, entgegnete Arnau.
Elionor gab trotz der Zuruckweisung ihres Mannes nicht auf und beschloss schlie?lich, mit Pater Juli Andreu zu sprechen, einem der Priester von Santa Maria, und ihm die Angelegenheit darzulegen. Er hatte ganz gewiss Interesse am Seelenheil seiner Glaubigen, von denen Arnau einer der Beliebtesten war. Gegenuber dem Priester konnte sich Arnau nicht herausreden, wie er es bei Elionor tat.
»Ich kann nicht, Pater«, erklarte er, als dieser ihn eines Tages in der Kirche abpasste.
Und das entsprach der Wahrheit. Kurz nachdem Arnau Mar an Felip de Ponts ubergeben hatte, hatte er versucht, das Madchen zu vergessen und – warum nicht? – eine eigene Familie zu grunden. Er war einsam. Alle Menschen, die er liebte, waren aus seinem Leben verschwunden. Er konnte Kinder bekommen, mit ihnen spielen, sie umsorgen und in ihnen das finden, was ihm fehlte, und das alles war nur mit Elionor moglich. Doch wenn er sah, wie sie seine Nahe suchte, ihm durch die Raume des Palastes folgte, wenn er ihre falsche, gekunstelte Stimme horte, die so ganz anders klang als die Stimme, mit der sie ihn bisher behandelt hatte, brachen all seine Vorsatze in sich zusammen.
»Was wollt Ihr damit sagen, mein Sohn?«, fragte ihn der Pfarrer.
»Der Konig hat mich zur Heirat mit Elionor gezwungen, Pater. Er hat mich nie gefragt, ob mir seine Ziehtochter gefallt.«
»Die Baronin …«
»Die Baronin zieht mich nicht an, Pater. Mein Korper verweigert sich.«
»Ich kann dir einen guten Arzt empfehlen …«
Arnau lachelte.
»Nein, nein, Pater. Darum geht es nicht. Korperlich fehlt mir nichts. Es ist nur …«
»Dann musst Ihr Euch zwingen, Eure ehelichen Pflichten zu erfullen. Unser Herr erwartet …«
Arnau lie? die Predigt des Pfarrers uber sich ergehen, bis er sich vorstellte, wie Elionor sich bei ihm einschmeichelte, wie sie ihn bedrangte, wie sie Gift und Galle spuckte.
»Pater«, fiel er dem Priester ins Wort, »ich kann meinen Korper nicht zwingen, eine Frau zu begehren, die ich nicht begehre.« Der Priester wollte etwas sagen, doch Arnau sprach weiter. »Ich habe geschworen, meiner Frau die Treue zu halten, und das tue ich. Niemand kann mir das Gegenteil vorwerfen. Ich bin haufig hier, um zu beten, und gebe Geld fur Santa Maria. Mir scheint, mein Beitrag zum Bau dieser Kirche ist Suhne genug fur die Schwachen meines Korpers.«
Der Priester horte auf, seine Hande zu kneten.
»Mein Sohn …«
Der Priester durchforstete sein schmales theologisches Wissen, um Arnaus Argumente zu entkraften, was ihm
