Joan trat so nah vor den Mann, dass sich ihre Gesichter beinahe beruhrten. Dann setzte er sich wieder auf seinen Platz.
»Zieht ihn aus«, befahl er den Soldaten.
»Ich bin beschnitten. Ich sagte ja bereits …«
»Zieht ihn aus!«
Die Soldaten traten zu Sinom. Der Blick, den ihm der Konvertit zuwarf, bevor sie sich auf ihn sturzten, uberzeugte Joan davon, dass er recht hatte.
»Und was hast du mir nun zu sagen?«, fragte er ihn, als dieser vollig entkleidet war.
Der Konvertit versuchte, so gut es ging Haltung zu bewahren.
»Ich wei? nicht, was du meinst«, entgegnete er.
»Ich meine«, Joan senkte die Stimme und betonte jedes einzelne Wort. »Ich meine, dass dein Gesicht und dein Hals schmutzig sind, doch von der Brust abwarts ist deine Haut makellos sauber. Ich meine, dass deine Hande und Handgelenke schmutzig sind, deine Arme jedoch vollig rein. Ich meine, dass deine Fu?e und Knochel schmutzig sind, deine Beine jedoch sauber.«
»Uber der Kleidung schmutzig, darunter sauber«, bemerkte Sinom.
»Nicht einmal Mehl, Backer? Willst du mir weismachen, dass die Kleidung eines Backers vor Mehl schutzt? Willst du mich glauben machen, dass du in dicker Winterkleidung am Backofen arbeitest? Wo ist das Mehl auf deinen Armen? Heute ist Montag, Sinom. Hast du den Tag des Herrn gefeiert?«
»Ja.«
Joan hieb mit der Faust auf den Tisch und sprang auf.
»Aber du hast dich auch gereinigt, wie es deine ketzerischen Riten vorschreiben!«, schrie er.
»Nein«, wimmerte Sinom.
»Wir werden sehen, Sinom, wir werden sehen. Sperrt ihn ein und bringt mir seine Frau und seine Sohne.«
»Nein!«, flehte Sinom, als ihn die Soldaten unter den Armen packten und in den Keller schleiften. »Sie haben nichts damit zu tun!«
»Halt!«, befahl Joan. Die Soldaten blieben stehen und drehten den Konvertiten zu dem Inquisitor um. »Womit haben sie nichts zu tun, Sinom? Womit?«
Sinom gestand, um seine Familie zu schutzen. Als er geendet hatte, lie? Joan ihn festnehmen. Ihn und seine Familie. Dann befahl er, die ubrigen Angeklagten vorzufuhren.
Es war noch dunkel, als Joan auf dem Dorfplatz erschien.
»Schlaft der denn nie?«, fragte einer der Soldaten gahnend.
»Nein«, antwortete ein Zweiter. »Oft hort man ihn nachts im Zimmer auf und ab gehen.«
Die beiden Soldaten beobachteten Joan, der die letzten Vorbereitungen fur die Abschlusspredigt traf. Der schmutzige, zerschlissene schwarze Habit, der wie Pergament wirkte, weigerte sich, seine Bewegungen mitzumachen.
»Nun, wenn er nicht schlaft und nicht isst, von was lebt er dann?«, fragte der Erste.
»Er lebt vom Hass«, erklarte der Hauptmann, der die Unterhaltung mit angehort hatte.
Bei Tagesanbruch trafen die Dorfbewohner ein. Die Angeklagten standen in der ersten Reihe, getrennt von den Zuschauern und von den Soldaten bewacht. Unter ihnen befand sich auch Alfons, der neunjahrige Junge.
Joan eroffnete das Autodafe, und die Dorfschulzen traten vor, um der Inquisition Gehorsam zu leisten und zu schworen, dass sie die verhangten Strafen ausfuhren wurden. Der Monch begann, die Anklageschriften und die Urteile zu verlesen. Diejenigen, die sich wahrend der Bedenkfrist gemeldet hatten, erhielten eine mildere Strafe. Sie mussten zur Kathedrale von Gerona pilgern. Alfons wurde dazu verurteilt, einen Monat lang einen Tag pro Woche unentgeltlich dem Nachbarn zu helfen, den er bestohlen hatte. Als er die Anklage gegen Gaspar verlas, wurde er von einem Schrei unterbrochen: »Du Dirne!« Ein Mann sturzte sich auf die Frau, die mit Gaspar geschlafen hatte. Die Soldaten eilten ihr zu Hilfe. »Das war also die Sunde, von der du mir nicht erzahlen wolltest?«, tobte er hinter den Soldaten weiter.
Als der betrogene Ehemann schlie?lich verstummte, verlas Joan Gaspars Urteil: »Drei Jahre lang sollst du jeden Sonntag im Bu?erhemd von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang vor der Kirche knien. Was dich betrifft …«, sagte er dann, an die Frau gewandt.
»Ich beanspruche das Recht fur mich, sie zu bestrafen!«, fiel ihm der tobende Ehemann ins Wort.
Joan sah die Frau an. Er hatte sie gerne gefragt, ob sie Kinder hatte. Was konnten ihre Kinder verbrochen haben, um auf einer Kiste stehend durch eine kleine Fensterluke mit ihrer Mutter sprechen zu mussen, nur getrostet von ihrer Hand auf ihrem Haar? Aber dieser Mann war im Recht …
»Was dich betrifft«, fuhr er fort, »so ubergebe ich dich der weltlichen Macht, die dafur sorgen wird, dass auf Ersuchen deines Mannes das katalanische Recht angewandt wird.«
Dann verlas Joan die weiteren Anklagen und Urteile.
»Anton Sinom. Du wirst mit deiner Familie dem Generalinquisitor uberstellt.«
»Auf geht's«, befahl Joan, nachdem er seine wenigen Habseligkeiten auf einem Maulesel verstaut hatte.
Der Dominikanermonch blickte zu dem Dorf zuruck, wahrend seine Worte uber den kleinen Dorfplatz hallten. Noch am selben Tag wurden sie das nachste Dorf erreichen und danach ein anderes und wieder ein anderes. »Und uberall werden mich die Leute verangstigt ansehen und voller Furcht meine Worte horen. Und dann werden sie sich gegenseitig verleumden und ihre Sunden ans Licht zerren. Und ich muss in ihren Bewegungen, ihren Gesichtszugen, ihrem Schweigen, ihren Empfindungen lesen, um die Sunde zu entlarven.«
