»Beeilt Euch, Hauptmann. Ich mochte vor Mittag ankommen.«
VIERTER TEIL
DIENER DES SCHICKSALS
46
Arnau kniete vor dem Gnadenbild seiner Madonna, wahrend die Priester die Ostermesse zelebrierten. Er hatte die Kirche gemeinsam mit Elionor betreten. Das Gotteshaus war uberfullt, aber die Leute machten Platz, damit er in die erste Reihe gelangen konnte. Er erkannte ihre lachelnden Gesichter wieder: Dieser hatte ihn um eine Anleihe fur sein neues Boot gebeten, jener hatte ihm seine Ersparnisse anvertraut; ein anderer hatte sich Geld fur die Aussteuer seiner Tochter geliehen, und jener dort hatte seine Schulden noch nicht beglichen. Der Letztgenannte sah beschamt zu Boden, doch Arnau blieb vor ihm stehen und reichte ihm zu Elionors Unmut die Hand.
»Der Friede sei mit dir«, sagte er.
Die Augen des Mannes begannen zu strahlen und Arnau ging weiter zum Hauptaltar. Das war alles, was er besa?, sagte er der Jungfrau: die Wertschatzung der einfachen Leute, denen er half. Joan war immer noch auf der Jagd nach armen Sundern und von Guillem hatte er nichts mehr gehort. Und Mar? Was konnte er uber Mar sagen?
Elionor stie? ihm gegen das Schienbein. Als Arnau sie ansah, gab sie ihm zu verstehen, er solle sich erheben. »Hat man schon einmal einen Adligen gesehen, der so lange niederkniet wie du?«, hatte sie ihm schon mehrmals vorgeworfen. Arnau achtete nicht weiter auf sie, doch Elionor trat ihm erneut gegen das Schienbein.
Das war alles, was er hatte. Eine Frau, fur die nichts wichtiger war als der au?ere Schein – au?er vielleicht, dass er sie zur Mutter machte. Sollte er? Sie wollte nur einen Erben, einen Sohn, der ihre Zukunft sicherte. Elionor stie? ihn erneut an. Als Arnau sie anblickte, sah seine Frau zu den anderen Adligen heruber, die sich in der Kirche Santa Maria befanden. Einige standen, die meisten jedoch sa?en. Nur Arnau kniete.
»Frevel!«
Der Schrei hallte durch die ganze Kirche. Die Priester verstummten. Arnau stand auf und alle wandten sich dem Hauptportal zu.
»Frevel!«, war erneut zu horen.
Mehrere Manner bahnten sich den Weg zum Altar. »Gotteslasterung! Haresie! Teufel! Juden!«, riefen sie. Sie sprachen mit den Priestern, doch einer von ihnen wandte sich an die Glaubigen: »Die Juden haben eine geweihte Hostie geschandet!«, rief er.
Ein Raunen ging durch die Menge.
»Nicht genug damit, dass sie Jesus Christus getotet haben«, rief der Mann vom Altar herab, »nun entweihen sie auch noch seinen Leib!«
Das anfangliche Raunen schwoll zu einem emporten Geschrei an. Arnau wandte sich zu der Menge um, doch zuvor traf sein Blick auf Elionor.
»Deine Judenfreunde«, sagte sie.
Arnau wusste, was seine Gattin meinte. Seit Mars Verheiratung hielt er es zu Hause nicht mehr aus und ging oft abends zu seinem alten Freund Hasdai Crescas, um bis spat in die Nacht mit ihm zu plaudern. Bevor Arnau Elionor eine Antwort geben konnte, begannen auch die anwesenden Adligen und Ratsherren zu diskutieren.
»Sie wollen Christus noch im Tod Schmerz zufugen«, sagte einer.
»Sie sind von Gesetzes wegen gezwungen, an Ostern in ihren Hausern zu bleiben und Turen und Fenster geschlossen zu halten. Wie also sollen sie das gemacht haben?«, fragte ein anderer, der neben ihm stand.
»Sie werden sich davongeschlichen haben«, mutma?te ein anderer.
»Und die Kinder?«, setzte ein Dritter hinzu. »Bestimmt haben sie auch ein Christenkind entfuhrt, um es zu kreuzigen und sein Herz zu essen …«
»Und sein Blut zu trinken.«
Arnau sah wie gebannt zu dem Gruppchen wutentbrannter Adliger hinuber. Wie konnten sie nur so etwas glauben? Er begegnete erneut Elionors Blick. Sie lachelte.
In diesem Moment begann in der Kirche der Ruf nach Rache laut zu werden. »Auf zum Judenviertel!«, stachelten sie sich gegenseitig an, »Ketzer!« und »Gotteslasterer!« brullend. Arnau sah, wie sie zum Ausgang der Kirche drangten. Die Adligen blieben zuruck.
»Wenn du dich nicht beeilst«, horte er Elionor sagen, »kommst du nicht mehr ins Judenviertel.«
Arnau betrachtete seine Frau, dann sah er zu seiner Madonna auf. Das Geschrei begann sich in der Calle de la Mar zu verlieren.
»Warum dieser Hass, Elionor? Hast du nicht alles, was du willst?«
»Nein, Arnau, und das wei?t du. Ich will das, was du deinen Judenfreunden gibst.«
»Was meinst du damit?«
»Dich, Arnau, dich. Du wei?t genau, dass du noch nie deinen ehelichen Pflichten nachgekommen bist.«
Arnau erinnerte sich, wie oft er Elionors Annaherungsversuche zuruckgewiesen hatte, zuerst zaghaft, um sie
