angedeutet hatte. Genis Puig hatte seine Schwester von Navarcles aus uberredet, wahrend der vielen Stunden, die Elionor alleine im ehemaligen Palast der Puigs verbrachte, das Vertrauen der Baronin zu gewinnen, was Margarida nicht besonders schwerfiel. Elionor brauchte eine Vertraute, die ihren Ehemann genauso hasste wie sie selbst. Es war Margarida, die Elionor hinterhaltig daruber informiert hatte, wo Arnau hinging. Margarida war es, die sich das Liebesverhaltnis zwischen Arnau und Raquel ausgedacht hatte. Sobald Arnau Estanyol wegen der Beziehung zu einer Judin festgenommen war, wurden Jaume de Bellera und Genis Puig den nachsten Schritt unternehmen.

»Die Inquisition hat Arnau Estanyol verhaftet«, bestatigte der Hauptmann, als er den Burgfried betrat.

»Also hatte Margarida recht«, entfuhr es Genis.

»Sei still«, befahl der Herr de Bellera aus seinem Lehnstuhl. »Fahr fort«, wandte er sich an den Hauptmann.

»Er wurde vor drei Tagen wahrend einer Gerichtsverhandlung im Seekonsulat festgenommen.«

»Wie lautet die Anklage?«, fragte der Baron.

»Daruber besteht Unklarheit. Einige behaupten, sie laute auf Ketzerei, andere glauben, wegen Judenfreundlichkeit oder weil er eine Beziehung zu einer Judin unterhalten habe. Noch wurde ihm nicht der Prozess gemacht. Er befindet sich in den Verliesen des Bischofspalastes. Die halbe Stadt ist fur ihn und die andere Halfte gegen ihn, doch alle stehen vor seiner Wechselstube Schlange, um ihre Ersparnisse zu retten. Ich habe sie selbst gesehen. Die Leute prugeln sich darum, ihr Geld zuruckzubekommen.«

»Bekommen sie denn etwas ausgezahlt?«, fragte Genis.

»Im Moment schon, aber alle wissen, dass Arnau Estanyol viel Geld an mittellose Leute verliehen hat, und wenn er dieses Geld nicht zuruckbekommt … Deshalb prugeln sich die Leute auch, weil sie befurchten, dass die Solvenz nicht von langer Dauer ist. Es ist ein gro?es Durcheinander.«

Jaume de Bellera und Genis Puig sahen sich an.

»Der Fall beginnt«, sagte der Ritter.

»Such die Hure, die mich als Amme genahrt hat«, befahl der Baron dem Hauptmann, »und wirf sie ins Burgverlies!«

Genis Puig pflichtete dem Herrn von Bellera bei und trieb den Hauptmann zur Eile an.

»Diese verhexte Milch war nicht fur mich bestimmt, sondern fur ihren Sohn, Arnau Estanyol«, hatte er ihn immer wieder sagen horen. »Aber wahrend er Geld hat und hoch in der Gunst des Konigs steht, leide ich an den Folgen der Krankheit, die seine Mutter an mich weitergab.«

Jaume de Bellera hatte bis zum Bischof gehen mussen, damit die Epilepsie, unter der er litt, nicht als Teufelswerk betrachtet wurde. Doch die Inquisition wurde nicht daran zweifeln, dass Francesca vom Teufel besessen war.

»Ich will meinen Bruder sehen«, verlangte Joan von Nicolau Eimeric, kaum dass er den Bischofspalast betreten hatte.

Die Augen des Generalinquisitors verengten sich.

»Du solltest dafur sorgen, dass er seine Schuld bekennt und Reue zeigt.«

»Wie lautet die Anklage?«

Nicolau Eimeric zuckte hinter dem Tisch zusammen, an dem er ihn empfangen hatte.

»Ich soll dir sagen, wessen man ihn beklagt? Du bist ein guter Inquisitor, aber … Versuchst du womoglich, deinem Bruder zu helfen?« Joan senkte den Blick. »Ich kann dir lediglich sagen, dass es sich um eine ernste Sache handelt. Ich werde dir gestatten, ihn jederzeit zu besuchen, wenn du versprichst, dass deine Besuche dem Ziel dienen, ein Gestandnis von Arnau zu erreichen.«

Zehn Peitschenhiebe, funfzehn, funfundzwanzig … Wie oft hatte er in den letzten Jahren diesen Befehl gegeben? »Bis er gesteht!«, hatte er den Buttel angewiesen, der ihn begleitete. Und nun forderte man ihn auf, seinen eigenen Bruder zu einem Gestandnis zu bringen. Wie sollte er das erreichen? Joan wollte antworten, doch er kam nicht dazu.

»Es ist deine Pflicht«, erinnerte ihn Eimeric.

»Er ist mein Bruder. Er ist das Einzige, was ich habe …«

»Du hast die Kirche. Du hast uns, deine Bruder im Glauben.« Der Inquisitor lie? einige Sekunden verstreichen. »Bruder Joan, ich habe nur abgewartet, weil ich wusste, dass du kommen wurdest. Wenn du nicht auf meinen Vorschlag eingehst, dann werde ich mich der Sache selbst annehmen mussen.«

Er konnte nicht verhindern, dass sich sein Gesicht zu einer angewiderten Grimasse verzog, als ihm der Gestank aus den Verliesen des Bischofspalasts entgegenschlug. Wahrend er den Korridor entlangging, der ihn zu Arnau fuhren wurde, horte Joan das Wasser von den Wanden tropfen und das Trippeln der Ratten, die vor ihm davonhuschten. Er spurte, wie eine von ihnen an seinen Knocheln entlangstrich. Diese Beruhrung stellte ihm die Nackenhaare auf, genau wie zuvor Nicolau Eimerics Drohung: »Dann werde ich mich der Sache selbst annehmen mussen.« Was hatte Arnau verbrochen? Wie sollte er ihm beibringen, dass er, sein eigener Bruder, sich verpflichtet hatte, ihn zu einem Gestandnis zu bringen?

Der Kerkermeister offnete die Tur des Verlieses. Ein gro?er, dunkler, ubel riechender Raum lag vor Joan. Einige Schemen bewegten sich, und das Rasseln der Ketten, mit denen die Gefangenen an den Wanden festgeschmiedet waren, hallte dem Dominikaner in den Ohren wider. Er merkte, wie sein Magen rebellierte und ihm die Galle hochkam. »Da druben«, sagte der Kerkermeister und deutete auf eine Gestalt, die in einer Ecke kauerte. Dann verlie? er den Kerker, ohne eine Antwort abzuwarten. Als die Tur hinter ihm zuschlug, zuckte Joan zusammen. Er blieb am Eingang des Raumes stehen. Dunkelheit umfing ihn. Durch ein einziges, vergittertes Fenster hoch oben in der Wand fielen einige schwache Lichtstrahlen. Als der Kerkermeister gegangen war, begannen die Ketten zu klirren. Mehr als ein halbes Dutzend Schemen bewegte sich. Waren sie beruhigt, weil man sie nicht abgeholt hatte, oder war genau dies fur sie Anlass zur Verzweiflung?, uberlegte Joan, wahrend nun ringsum Jammern und Stohnen zu horen war. Er trat zu einem der Schemen, von dem er glaubte, dass es der war, auf den der Kerkermeister gezeigt hatte, doch als er neben der Gestalt niederkniete, blickte er in das von schwarenden Wunden entstellte, zahnlose Gesicht einer alten Frau.

Joan fiel hintenuber auf den Fu?boden. »Arnau?«, wisperte er, wahrend er versuchte, sich aufzurichten. Er rief noch einmal, lauter diesmal, in das Schweigen hinein, das er zur Antwort bekommen hatte.

»Joan?«

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