»Nichts Bares, nein. Was glaubt Ihr, was die ganzen Leute dort drau?en wollen? Sie wollen ihr Geld. Seit Tagen werden wir belagert. Arnau ist immer noch sehr reich«, versuchte ihn der Angestellte zu beruhigen, »aber es ist alles investiert in Darlehen, Warengeschafte, Transaktionen …«

»Konnt ihr nicht die Ruckzahlung der Darlehen verlangen?«

»Der gro?te Schuldner ist der Konig, und Ihr wisst ja, die Truhen Seiner Majestat sind leer.«

»Gibt es sonst niemanden, der Arnau Geld schuldet?«

»Doch, viele, aber die Darlehen sind noch nicht fallig, und falls doch … Wie Ihr wisst, hat Arnau viel Geld an einfache Leute verliehen. Sie konnen es nicht zuruckzahlen. Als sie von Arnaus Lage erfuhren, sind tatsachlich viele gekommen und haben einen Teil ihrer Schulden zuruckgezahlt, so viel sie eben haben, aber es war nicht mehr als eine Geste. Wir konnen die Auszahlung der Einlagen nicht decken.«

Joan deutete zur Tur.

»Und wieso konnen sie ihr Geld zuruckfordern?«

»Eigentlich konnen sie das nicht. Sie alle haben ihr Geld angelegt, damit Arnau es investiert, aber Geld ist feige, und die Inquisition …«

Joan hatte erneut das Grunzen des Kerkerwachters in den Ohren.

»Ich brauche Geld«, dachte er laut.

»Wie ich Euch bereits sagte: Es ist keines da«, antwortete Remigi.

»Aber ich brauche es«, beharrte Joan. »Arnau braucht es.«

Arnau brauchte Geld, vor allem aber brauchte er Ruhe, dachte Joan und sah erneut zur Tur. Dieser Aufruhr konnte ihm nur schaden. Die Leute wurden denken, dass er ruiniert sei, und dann wurde niemand mehr etwas auf ihn geben. Sie brauchten Unterstutzung.

»Kann man nichts unternehmen, um diese Leute zu beruhigen? Konnen wir nichts verkaufen?«

»Wir konnten uns aus einigen Warengeschaften zuruckziehen und den Anlegern Warengeschafte vermitteln, an denen Arnau nicht beteiligt ist«, antwortete Remigi. »Aber ohne seine Ermachtigung …«

»Genugt dir meine Ermachtigung?«

Der Angestellte sah Joan an.

»Es muss sein, Remigi.«

»Ich denke schon«, gab der Angestellte schlie?lich nach. »Im Grunde wurden wir kein Geld verlieren. Wir wurden lediglich die Geschafte verlagern. Wenn Arnau nicht beteiligt ist, werden sie beruhigt sein. Aber Ihr musst mir Eure schriftliche Ermachtigung geben.«

Joan unterschrieb das Dokument, das Remigi vorbereitete.

»Sorge dafur, dass morgen fruh Bargeld da ist«, sagte er, wahrend er sein Unterschrift daruntersetzte. »Wir brauchen unbedingt Bargeld«, erklarte er angesichts des Blicks des Angestellten. »Verkaufe irgendetwas unter Preis, wenn es sein muss, aber wir brauchen dieses Geld.«

Nachdem Joan die Wechselstube verlassen und die Glaubiger erneut zum Schweigen gebracht hatte, machte sich Remigi daran, die laufenden Warengeschafte durchzusehen. Noch am gleichen Tag nahm das letzte Schiff, das den Hafen von Barcelona verlie?, Instruktionen fur alle Handelsvertreter Arnaus rings um das Mittelmeer mit. Remigi handelte schnell. Am nachsten Tag wurden die zufriedengestellten Glaubiger Arnaus neue Geschaftssituation in der Stadt bekannt machen.

48

Zum ersten Mal seit fast einer Woche trank Arnau frisches Wasser und a? etwas anderes als trockenes Brot. Der Kerkermeister zwang ihn mit einem Tritt zum Aufstehen und kippte einen Eimer Wasser uber den Fu?boden. Besser nass als mit Exkrementen ubersat, dachte Arnau. Fur einige Sekunden waren nur das Platschern des Wassers und der schwere Atem des dicken Kerkermeisters zu horen. Bis die alte Frau, die sich in ihren Tod ergeben hatte und ihr Gesicht immer in ihrer zerlumpten Kleidung verbarg, zu Arnau aufsah.

»Lass den Eimer da«, sagte Arnau zu dem Kerkermeister, als dieser gehen wollte.

Arnau hatte gesehen, wie er Gefangene misshandelte, nur weil sie seinen Blick erwiderten. Der Warter fuhr mit erhobenem Arm herum, doch dann hielt er in der Bewegung inne. Arnau hatte dem Schlag reglos entgegengesehen. Der Mann spuckte aus und stellte den Eimer auf den Boden. Bevor er ging, trat er nach einer der Gestalten, die die Szene beobachteten.

Als die Erde das Wasser aufgesogen hatte, setzte Arnau sich wieder hin. Drau?en war Glockenlauten zu horen. Das schwache Tageslicht, das durch das von au?en ebenerdige Fenster drang, und das Lauten der Glocken waren seine einzige Verbindung zur Au?enwelt. Arnau sah zu dem kleinen Fenster hoch und lauschte aufmerksam. Santa Maria war lichtdurchflutet, doch die Kirche besa? noch keine Glocken. Dafur waren das Hammern und Mei?eln und die Rufe der Handwerker weithin zu horen. Wenn das Echo eines dieser Gerausche in den Kerker drang, hullten ihn das Licht und der Klang ein und trugen ihn in Gedanken zu jenen, die so eifrig fur die Madonna des Meeres arbeiteten. Dann spurte Arnau erneut das Gewicht des ersten Steins auf den Schultern, den er nach Santa Maria geschleppt hatte. Wie lange war das her? Wie sehr hatte sich alles verandert! Damals war er ein Kind gewesen, ein Kind, das in der Jungfrau Maria die Mutter fand, die es niemals gehabt hatte.

Immerhin war es ihm gelungen, Raquel vor dem furchtbaren Schicksal zu bewahren, zu dem sie verurteilt zu sein schien. Gleich nachdem er beobachtet hatte, wie Elionor und Margarida Puig mit den Fingern auf sie zeigten, sorgte Arnau dafur, dass Raquel und ihre Familie aus dem Judenviertel verschwanden. Nicht einmal er selbst wusste, wohin sie geflohen waren.

»Ich mochte, dass du zu Mar gehst«, sagte er zu Joan, als dieser ihn wieder besuchte.

Der Monch erstarrte. Er war noch einige Schritte von seinem Bruder entfernt.

»Hast du gehort, Joan?« Arnau erhob sich, um ihm entgegenzugehen, doch die Ketten an seinen Fu?en hinderten ihn daran. Joan stand immer noch reglos da. »Joan, hast du gehort?«

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