Rasch ging er der Stimme entgegen, die ihm den Weg zeigte. Wieder kniete er neben einer Gestalt nieder, nahm den Kopf seines Bruders in beide Hande und zog ihn an seine Brust.
»Heilige Jungfrau Maria! Was haben sie mit dir gemacht? Wie geht es dir?« Joan fuhr Arnau uber das zottige Haar, die hervorstehenden Wangenknochen. »Gibt man dir nichts zu essen?«
»Doch«, antwortete Arnau. »Brot und Wasser.«
Joan betastete die Eisenringe um Arnaus Fu?knochel, dann zog er die Hande rasch zuruck.
»Kannst du etwas fur mich tun?«, fragte Arnau. Joan schwieg. »Du bist einer von ihnen. Du hast mir immer erzahlt, dass der Inquisitor dich schatzt. Es ist unertraglich, Joan. Ich wei? nicht, seit wie vielen Tagen ich hier bin. Ich habe auf dich gewartet …«
»Ich bin gekommen, so schnell ich konnte.«
»Hast du schon mit dem Inquisitor gesprochen?«
»Ja.« Trotz der Dunkelheit wich Joan Arnaus Blick aus.
Die beiden Bruder schwiegen.
»Und?«, fragte Arnau schlie?lich.
»Was hast du getan, Arnau?«
Arnau packte Joan am Arm. »Wie kannst du denken …«
»Ich muss es wissen, Arnau. Ich muss wissen, wessen man dich beschuldigt, damit ich dir helfen kann. Du wei?t, dass die Anzeige nicht offentlich gemacht wird. Nicolau wollte mir nichts sagen.«
»Woruber habt ihr dann gesprochen?«
»Uber nichts«, antwortete Joan. »Ich wollte mich nicht mit ihm unterhalten, ohne dich zuvor gesehen zu haben. Ich muss wissen, worauf die Anklage hinauslauft, um Nicolau uberzeugen zu konnen.«
»Frag Elionor.« Arnau sah wieder seine Frau vor sich, wie sie durch die Flammen hindurch, in denen ein Unschuldiger verbrannte, mit dem Finger auf ihn gezeigt hatte.
»Elionor?«
»Wundert dich das?«
Joan taumelte und musste sich auf Arnau stutzen.
»Was hast du, Joan?«, fragte sein Bruder und hielt ihn fest, damit er nicht sturzte.
»Dieser Ort … dich hier zu sehen … Ich glaube, mir wird schlecht.«
»Geh«, bat ihn Arnau. »Drau?en nutzt du mir mehr, als wenn du hier versuchst, mich zu trosten.«
Joan stand auf. Seine Beine zitterten.
»Ja. Ich denke schon.«
Er rief den Kerkermeister und verlie? die Zelle. Im Korridor ging der dicke Warter voraus. Joan hatte ein paar Munzen in der Tasche.
»Hier, nimm«, sagte er zu ihm. Der Mann betrachtete die Munzen. »Morgen bekommst du noch mehr, wenn du meinen Bruder gut behandelst.« Nur das Trippeln der Ratten war zu horen. »Hast du gehort?«, fragte er. Die einzige Antwort war ein Grunzen, das durch den Korridor des Verlieses hallte und die Ratten verstummen lie?.
Er brauchte Geld. Vom Bischofspalast ging Joan auf direktem Wege zu Arnaus Wechselstube. Dort fand er eine Menschenmenge vor, die sich an der Ecke der Stra?en Canvis Vells und Canvis Nous vor dem kleinen Haus drangte, von dem aus Arnau seine Geschafte geleitet hatte. Joan wich zuruck.
»Da ist sein Bruder!«, rief jemand.
Mehrere Personen sturzten auf ihn zu. Joan wollte die Flucht ergreifen, entschied sich jedoch anders, als er sah, dass die Leute in einigen Schritt Entfernung stehen blieben. Wie konnten sie einen Dominikanermonch angreifen? So aufrecht wie moglich setzte er seinen Weg fort.
»Was ist mit deinem Bruder, Pfaffe?«, fragte einer Joan im Vorubergehen.
Joan blieb vor dem Mann stehen, der ihn um Haupteslange uberragte.
»Mein Name ist Bruder Joan, Inquisitor des Sanctum Officium.« Er erhob die Stimme, als er sein Amt erwahnte. »Fur dich bin ich der Herr Inquisitor.«
Joan sah nach oben, dem Mann direkt in die Augen. Und was sind deine Sunden?, fragte er ihn stumm. Der Mann wich zwei Schritte zuruck. Als Joan seinen Weg zu dem Haus fortsetzte, machten die Leute ihm Platz. Vor den verschlossenen Turen des Geschafts musste er erneut rufen: »Hier ist Bruder Joan, Inquisitor des Sanctum Officium!«
Drei Angestellte von Arnau lie?en ihn ein. Innen herrschte heilloses Durcheinander. Die Bucher waren auf dem zerknitterten roten Tuch verteilt, das auf dem langen Tisch seines Bruders lag. Wenn Arnau das sahe …
»Ich brauche Geld«, sagte er.
Die drei Manner sahen ihn unglaubig an.
»Wir auch« antwortete der Alteste, Remigi, der Guillem ersetzt hatte.
»Was sagst du da?«
»Es ist kein einziger Sueldo mehr da, Bruder Joan.« Remigi trat an den Tisch und kippte einige Schatullen um. »Nicht ein einziger, Bruder Joan.«
»Mein Bruder hat kein Geld mehr?«
