»Ganz am Ende«, drangte ihn der Inquisitor.

Guillem sah Nicolau uber das Schriftstuck hinweg an und vertiefte sich dann wieder in die Ausfuhrungen des Inquisitors. Jaume de Bellera und Genis Puig hatten also ihre Aussagen zuruckgezogen. Wie hatte Nicolau das geschafft? Margarida Puigs Aussage wurde von Nicolau in Zweifel gezogen, nachdem das Tribunal Kenntnis daruber erlangt hatte, dass ihre Familie durch Geschafte mit Arnau ruiniert worden war. Und Elionors Aussage … Sie hatte es an jenem Gehorsam mangeln lassen, den jede Frau ihrem Mann schuldig war!

Au?erdem behauptete Elionor, der Angeklagte habe vor aller Augen eine Judin umarmt, mit der er, so vermutete sie, ein Verhaltnis habe. Als Zeugen dieses Vorgangs benannte sie Nicolau selbst sowie Bischof Berenguer d'Erill. Guillem sah Nicolau erneut uber die Urteilsschrift hinweg an. Der Inquisitor erwiderte seinen Blick. Es entspreche nicht der Wahrheit, schrieb Nicolau, dass der Beklagte zu dem von Dona Elionor bezeichneten Zeitpunkt eine Judin umarmt habe. Weder er noch Berenguer d'Erill, der das Urteil ebenfalls unterzeichnet hatte – Guillem blatterte auf die letzte Seite, um die Unterschrift und das Siegel des Bischofs zu betrachten –, konnten diese Aussage bestatigen. Der Rauch, das Feuer, der Larm, die Erregung – jeder dieser Umstande, so Nicolau weiter, hatte dazu fuhren konnen, eine Frau, die von Natur aus schwach war, dergleichen glauben zu machen. Da die Beschuldigung Dona Elionors bezuglich einer Beziehung Arnaus zu einer Judin offenkundig falsch sei, konne auch der ubrigen Aussage wenig Glauben geschenkt werden.

Guillem lachelte.

Wofur der Angeklagte unzweifelhaft belangt werden konne, seien lediglich jene Aussagen, die von den Pfarrern von Santa Maria del Mar bezeugt worden seien. Der Beschuldigte habe die blasphemischen Au?erungen zugegeben, diese jedoch vor dem Tribunal bereut, und Reue sei schlie?lich das hochste Ziel jeden Inquisitionsprozesses. Deshalb laute die Strafe fur Arnau Estanyol: Verlust samtlichen Besitzes sowie die Verpflichtung, ein Jahr lang jeden Sonntag im Bu?ergewand der Verurteilten vor der Kirche Santa Maria Bu?e zu tun.

Guillem ubersprang die rechtlichen Formeln und betrachtete die Unterschriften und Siegel des Inquisitors und des Bischofs. Er hatte es geschafft!

Er rollte das Urteil zusammen und suchte in seinen Taschen nach Abraham Levis Verzichtserklarung, um sie Nicolau zu uberreichen. Guillem sah schweigend zu, wie der Inquisitor das Schreiben las, das Arnaus Ruin bedeutete, zugleich aber auch seine Freiheit und sein Leben. Andererseits hatte er ihm sowieso niemals erklaren konnen, woher das Geld kam und warum er das Dokument so viele Jahre versteckt gehalten hatte.

58

Arnau verschlief den Rest des Tages. Als es dunkel wurde, machte Mar ein kleines Feuer mit dem durren Laub und dem Holz, das die Fischer in der Hutte gesammelt hatten. Das Meer war ruhig. Die Frau sah in den sternenklaren Himmel, dann wanderte ihr Blick zu den steilen Felswanden, von denen die Bucht umgeben war. Der Mond beschien die zerklufteten Felsen und trieb ein launisches Spiel aus Licht und Schatten.

Sie atmete die Stille ein und schmeckte die Ruhe. Die Welt existierte nicht. Barcelona existierte nicht, auch nicht die Inquisition, nicht einmal Elionor oder Joan. Es gab nur sie und Arnau.

Gegen Mitternacht horte sie Gerausche aus der Hutte. Sie stand auf, um zu Arnau zu gehen, als dieser auf einmal im Mondlicht erschien. Reglos standen die beiden da, einige Schritte voneinander entfernt.

Mar stand zwischen Arnau und dem Lagerfeuer. Der Widerschein der Flammen betonte ihre Umrisse, wahrend ihr Gesicht im Dunkeln blieb. ›Bin ich schon im Himmel?‹, fragte sich Arnau. Als sich seine Augen schlie?lich an die Dunkelheit gewohnten, nahmen die Gesichtszuge, die ihn bis in seine Traume verfolgt hatten, nach und nach Gestalt an. Zuerst ihre schonen, glanzenden Augen – wie viele Nachte hatte er ihretwegen geweint? Dann ihre Nase, ihre Wangenknochen, ihr Kinn … und ihr Mund. Diese Lippen … Die Gestalt breitete die Arme aus, und der Feuerschein hullte ihren Korper ein, der im Zusammenspiel von Licht und Schatten unter der durchscheinenden Kleidung zu erahnen war. Sie rief seinen Namen.

Arnau folgte der Aufforderung. Was ging hier vor? Wo war er? War das wirklich Mar? Er wusste die Antwort, als er ihre Hande ergriff, ihr strahlendes Lacheln sah, den warmen Kuss spurte, den sie auf seine Lippen druckte.

Dann klammerte sich Mar ganz fest an Arnau und die Wirklichkeit kehrte zuruck. »Umarme mich«, horte er sie flustern. Arnau schlang seine Arme um das Madchen und presste sie ganz fest an sich. Er horte sie weinen und spurte, wie das Schluchzen ihren Korper schuttelte. Er strich ihr uber den Kopf und wiegte sie sanft hin und her. Wie viele Jahre mussten vergehen, bis er diesen Moment auskosten konnte? Wie viele Fehler hatte er begangen?

Arnau hob Mars Kopf von seiner Schulter und zwang sie, ihm in die Augen zu sehen.

»Es tut mir leid«, begann er. »Es tut mir leid, dass ich dich diesem Mann …«

»Sei still«, unterbrach sie ihn. »Die Vergangenheit existiert nicht mehr. Es gibt nichts zu verzeihen. Wir leben heute. Sieh nur, das Meer.« Sie loste sich von ihm und nahm seine Hand. »Das Meer wei? nichts uber das Gestern. Es ist einfach da. Es wird niemals Erklarungen von uns verlangen. Da sind die Sterne und der Mond, und sie leuchten fur uns. Was interessiert sie, was hatte gewesen sein konnen? Sie leuchten uns und sind froh daruber. Siehst du, wie sie am Himmel funkeln? Wurden sie sonst so strahlen? Musste nicht ein Sturm losbrechen, wenn Gott uns strafen wollte? Wir sind alleine, nur du und ich, ohne Vergangenheit, ohne Erinnerungen, ohne Schuld. Da ist nichts, was uns im Weg stehen konnte.«

Arnau blickte in den Himmel. Dann sah er aufs Meer hinaus, zu den kleinen Wellen, die sanft in der Bucht ausliefen. Er betrachtete die Felswand, die sie schutzte, und wiegte sich in der Stille.

Ohne Mars Hand loszulassen, wandte er sich dem Madchen zu. Er musste ihr etwas beichten, etwas Schmerzliches, das er seiner Madonna nach dem Tod seiner ersten Frau versprochen hatte, und dieses Versprechen konnte er auch nun nicht brechen. Er sah ihr in die Augen und erklarte es ihr leise flusternd.

Als er geendet hatte, seufzte Mar.

»Ich wei? nur, dass ich dich nicht wieder verlassen werde, Arnau. Ich will bei dir sein, dir nahe sein … zu den Bedingungen, die du stellst.«

Am Morgen des funften Tages erschien eine Felucke, der niemand anders entstieg als Guillem. Die drei trafen sich am Ufer. Mar trat ein wenig zuruck, damit sich die beiden Manner umarmen konnten.

»Mein Gott!«, schluchzte Arnau.

»Welcher Gott?«, fragte Guillem mit einem Klo? im Hals. Er schob Arnau von sich weg und lachelte, sodass man seine wei?en Zahne blitzen sah.

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