Die Menschen stromten in Festtagskleidung herbei. Manche betraten gleich die Kirche, andere, wie Arnau, blieben drau?en stehen, um ihre Schonheit zu bewundern und dem Gelaut der Glocken zu lauschen. Arnau druckte Mar an sich. Er hatte den rechten Arm um sie gelegt. Zu seiner Linken stand, genauso staunend wie sein Vater, ein dreizehnjahriger Knabe mit einem Muttermal uber dem rechten Auge.
Wahrend die Glocken immer noch lauteten, betrat Arnau mit seiner Familie Santa Maria del Mar. Die Leute, die mit ihnen hineingingen, blieben stehen und lie?en ihn vor. Dies war Arnau Estanyols Kirche. Als
»Ich brauche Geld«, hatte er damals zu Guillem gesagt.
»Es gehort dir«, antwortete der Maure, der von dem Ungluck wusste und auch, dass Arnau an diesem Morgen Besuch von einem Mitglied des Baurates erhalten hatte.
Das Gluck war ihnen wieder hold. Auf Guillems Ratschlag war Arnau in den Handel mit Seeversicherungen eingestiegen. Katalonien, wo es anders als in Genua, Venedig oder Pisa keine Schadensregulierungen gab, war ein Paradies fur die Ersten, die sich in diesem Geschaft betatigten. Doch nur umsichtigen Unternehmern wie Arnau und Guillem gelang das Uberleben. Das Finanzsystem im Prinzipat war im Untergang begriffen und mit ihm die Leute, die schnelle Geschafte machen wollten, indem sie eine Ladung uber Wert versicherten, um dann nie wieder von ihr zu horen. Andere versicherten Schiffe und Waren, nachdem bereits bekannt geworden war, dass Piraten das Schiff gekapert hatten, weil sie darauf hofften, dass es sich um eine Falschmeldung handelte. Arnau und Guillem hingegen wahlten die Schiffe gut aus und kalkulierten das Risiko sehr genau, und schon bald konnten sie bei dem neuen Geschaft auf das weitgespannte Netz von Vertretern zuruckgreifen, mit dem sie bereits als Geldwechsler zusammengearbeitet hatten.
Am 26. Dezember 1379 hatte Arnau Guillem nicht mehr fragen konnen, ob er mit einer weiteren Stiftung an die Kirche einverstanden sei, denn der Maure war ein Jahr zuvor uberraschend gestorben. Als Arnau ihn fand, hatte er tot in seinem stets nach Mekka ausgerichteten Lehnstuhl im Garten gesessen, wo er, wie alle wussten, heimlich seine Gebete verrichtete. Arnau hatte mit den Mitgliedern der maurischen Gemeinde gesprochen und diese hatten in der Nacht Guillems Leichnam abgeholt.
In jener Nacht des 26. Dezembers 1379 war Santa Maria durch einen schrecklichen Brand verwustet worden. Das Feuer vernichtete die Sakristei, den Chor, die Orgel, die Altare und uberhaupt alles im Inneren der Kirche, was nicht aus Stein war. Doch auch der Stein wurde durch den Brand in Mitleidenschaft gezogen, insbesondere der Dekor, und der Schlussstein mit der Darstellung Konig Alfons' des Gutigen, Vater des aktuellen Konigs, der diesen Bauabschnitt bezahlt hatte, wurde vollstandig zerstort.
Der Konig tobte, als er davon horte, und forderte die Wiederherstellung des Steins. Doch die Bewohner des Ribera-Viertels hatten genug damit zu tun, das Geld fur einen neuen Schlussstein zusammenzubekommen, und konnten nicht auch noch auf die Wunsche des Konigs Rucksicht nehmen. Die ganze Muhe und das Geld des Volkes flossen in die Sakristei, den Chor, die Orgel und die Altare; das Reiterabbild Konig Alfons' wurde in Gips modelliert und in Rot und Gold bemalt.
Am 3. November 1383 war der letzte Schlussstein des Mittelschiffs gesetzt worden. Er schloss das Gewolbe am Hauptportal und trug das Wappen des Baurats, zu Ehren aller namenlosen Burger, die den Bau der Kirche ermoglicht hatten.
Arnau sah nach oben. Mar und Bernat waren bei ihm. Die drei lachelten sich an, wahrend sie zum Hauptaltar gingen.
Seit der Schlussstein oben auf dem Gerust geruht hatte, wo er darauf wartete, dass die Gewolberippen zu ihm emporwuchsen, hatte er immer wieder zu seinem Sohn Bernat gesagt: »Das ist unser Zeichen.«
Der Junge hatte nach oben gesehen.
»Das ist das Wappen des Volkes, Vater«, hatte er entgegnet. »Leute wie du haben ihre eigenen Wappen in den Gewolben und an den Wanden, in den Kapellen und …« Arnau wollte seinen Sohn unterbrechen, doch der Knabe hatte weitergesprochen. »Du hast nicht einmal einen Platz im Chorgestuhl!«
»Diese Kirche gehort dem Volk, mein Sohn. Viele Manner haben ihr Leben fur sie gegeben, und ihr Name steht nirgendwo geschrieben.«
Arnaus Erinnerungen wanderten zu dem Jungen zuruck, der Steine aus dem koniglichen Steinbruch nach Santa Maria geschleppt hatte.
»Dein Vater hat viele dieser Steine mit seinem Blut gezeichnet«, erklarte Mar. »Eine gro?ere Wurdigung gibt es nicht.«
Bernat sah seinen Vater mit gro?en Augen an.
»Wie so viele andere, mein Sohn«, sagte dieser. »So viele andere.«
Es war August am Mittelmeer. August in Barcelona. Die Sonne schien so hell wie sonst wohl nirgendwo auf der Welt. Denn bevor sie durch die Glasfenster von Santa Maria fiel, um ihr Farbenspiel mit dem Stein zu beginnen, warf das Meer die Blaue des Himmels an diesen zuruck, und das Licht uber der Stadt erstrahlte in einem unnachahmlichen Glanz. Im Inneren der Kirche verschmolz der farbige Widerschein der Sonnenstrahlen, die durch die Fenster fielen, mit dem Flackern Tausender Kerzen, die am Hauptaltar und in den Seitenkapellen brannten. Die Luft war von Weihrauch geschwangert und der Klang der Orgel fullte die perfekte Akustik des Raumes.
Arnau, Mar und Bernat gingen zum Hauptaltar. Unter der herrlichen Apsis, umgeben von sechs schlanken Saulen, stand vor einem Altarretabel das kleine Gnadenbild der Madonna des Meeres. Am Altar, der mit kostbaren franzosischen Stoffen geschmuckt war, die Konig Pedro fur diesen Anlass zur Verfugung gestellt hatte – nicht ohne in einem Brief aus Vilafranca del Penedes darauf hinzuweisen, dass sie ihm sofort nach der Feier zuruckzugeben seien –, stand Bischof Pere de Planella, um den Weihegottesdienst zu zelebrieren.
Die Kirche war brechend voll und die drei Estanyols mussten stehen. Einige der Anwesenden erkannten Arnau und machten Platz, damit er vor den Hauptaltar treten konnte, doch Arnau dankte und blieb dort stehen, umringt von seinen Leuten, von seiner Familie. Nur Guillem fehlte … und Joan. Arnau wollte ihn als das Kind in Erinnerung behalten, mit dem er die Welt entdeckt hatte, nicht als den verbitterten Monch, der sich in den Flammen geopfert hatte.
Bischof Pere de Planella begann mit der Messe.
Arnau merkte, wie ihn Wehmut uberkam. Er vermisste Guillem, Joan, Maria, seinen Vater … und die alte Frau. Weshalb dachte er immer an diese alte Frau, wenn er sich an jene erinnerte, die ihm fehlten? Er hatte Guillem gebeten, nach ihr zu suchen. Nach ihr und Aledis.
