Mar sah noch immer zur Bucht zuruck. Eine Trane rollte uber ihre Wange, benetzte ihre Lippen und verschwand in ihrem Mundwinkel. Nun ging es zuruck nach Barcelona. Zu einer ungerechten Strafe, der Inquisition, zu Joan, der seinen Bruder verraten hatte … Und zu einer Ehefrau, die sie verachtete und die sie doch nicht loswurde.
59
Guillem hatte ein Haus im Ribera-Viertel gemietet. Er vermied jeden Luxus, doch das Haus war gro? genug fur sie drei. Und mit einem Zimmer fur Joan, dachte Guillem, als er die entsprechenden Anweisungen gab. Arnau wurde herzlich von den Menschen im Hafen empfangen, als er von Bord der Felucke ging. Doch einige Handler, die den Transport ihrer Waren uberwachten oder auf dem Weg zur Borse waren, gru?ten ihn lediglich mit einem knappen Kopfnicken.
»Ich bin nicht mehr reich«, bemerkte er zu Guillem, wahrend er, nach allen Seiten gru?end, weiterging.
»Wie sich Neuigkeiten herumsprechen«, entgegnete dieser.
Arnau hatte gesagt, dass er gleich nach der Ankunft nach Santa Maria wollte, um der Jungfrau fur seine Befreiung zu danken. Aus seinen konfusen Traumen war irgendwann klar und deutlich das kleine Gnadenbild erstanden, das uber den Kopfen der Menge schwankte, wahrend er von den Ratsherren der Stadt davongetragen wurde. Doch an der Ecke der Stra?en Canvis Vells und Canvis Nous verlangsamte er seine Schritte. Die Tur und die Fenster seines Hauses, seiner Wechselstube, standen weit offen. Davor drangte sich ein Hauflein Schaulustiger, die zur Seite traten, als sie Arnau kommen sahen. Er ging nicht hinein. Die drei erkannten einige Mobel und Gegenstande wieder, die von Beamten der Inquisition auf einen Wagen geladen wurden, der vor der Tur stand. Da war der lange Tisch, der uber den Karren hinausragte und mit Stricken festgebunden war, die rote Tischdecke, die Zange zum Zerbrechen des Falschgeldes, der Abakus, die Schatullen …
Arnaus Blick fiel auf eine schwarz gekleidete Gestalt, die eine Liste der Gegenstande erstellte. Der Dominikaner horte auf zu schreiben und sah ihn an. Die Leute verstummten. Arnau erkannte die Augen wieder: Sie hatten ihn wahrend der Verhore von dem Platz gleich neben dem Bischof angestarrt.
»Geier«, murmelte er.
Es war sein Besitz, seine Vergangenheit. Niemals hatte er gedacht, dass er einmal bei der Plunderung seines Hauses zusehen wurde. Er hatte nie viel auf Besitz gegeben, doch es war ein ganzes Leben, das dort weggetragen wurde.
Mar merkte, wie Arnaus Hand feucht wurde.
Jemand aus den hinteren Reihen buhte den Monch aus. Sofort stellten die Inquisitionsbeamten ihre Lasten ab und zogen ihre Schwerter. Drei weitere Soldaten kamen aus dem Haus, die Waffen bereits in den Handen.
»Sie werden sich nicht noch einmal vom Volk demutigen lassen«, bemerkte Guillem. Dann zog er Mar und Arnau schnell weiter.
Die Soldaten gingen auf die Schaulustigen los, die in alle Richtungen davonstoben. Arnau lie? sich von Guillem wegfuhren, wahrend er unverwandt zu dem Karren zurucksah.
Der Besuch in Santa Maria fiel aus, weil die Soldaten die Leute bis vor die Kirche verfolgten. Die drei gingen rasch um den Bau herum zur Plaza del Born und von dort zu ihrem neuen Haus.
Die Nachricht von Arnaus Ruckkehr sprach sich in der Stadt herum. Die Ersten, die bei ihm erschienen, waren mehrere
»Es war eine Ehre, fur Euch zu arbeiten«, sagte er.
»Die Ehre war ganz meinerseits«, antwortete Arnau. »Sie wollen keinen armen Seekonsul«, sagte er zu Guillem und Mar, als der Hauptmann und die Soldaten gegangen waren.
»Daruber mussen wir noch sprechen«, bemerkte Guillem, doch Arnau schuttelte den Kopf.
Viele andere suchten Arnau in seinem neuen Haus auf. Einige, wie den Zunftmeister der
Am zweiten Tag kam Joan. Seit er von Arnaus Ankunft in Barcelona erfahren hatte, fragte er sich, was Mar ihm erzahlt haben mochte. Als er die Ungewissheit nicht langer ertrug, beschloss er, sich seinen Angsten zu stellen und seinen Bruder aufzusuchen.
Arnau und Guillem erhoben sich vom Tisch, als Joan das Esszimmer betrat. Mar blieb sitzen.
»Du hast den Leichnam deines Vaters verbrannt!« Arnau hatte versucht, nicht daran zu denken, doch als er Joan sah, klang ihm erneut die Anschuldigung Nicolau Eimerics in den Ohren.
In der Tur zum Esszimmer stehend, stammelte Joan einige Worte. Dann ging er mit gesenktem Kopf auf Arnau zu.
Arnau kniff die Augen zusammen. Er kam, um sich zu entschuldigen. Wie konnte sein Bruder …?
»Wie konntest du das tun?«, brach es aus ihm heraus, als Joan vor ihm stand.
Joan sah von Arnaus Fu?en auf und warf einen Blick in Richtung Mar. Hatte sie ihn noch nicht genug gestraft? Musste er selbst Arnau erzahlen …? Doch das Madchen sah uberrascht aus.
»Was willst du hier?«, fragte Arnau mit schneidender Stimme.
Joan suchte verzweifelt nach einem Vorwand.
»Die Zeche im Gasthof muss bezahlt werden«, horte er sich selbst sagen.
Arnau winkte ab und kehrte ihm den Rucken zu.
Guillem rief einen Diener herbei und ubergab ihm eine Geldborse.
»Begleite den Monch zum Gasthof, um die Rechnung zu begleichen«, trug er ihm auf.
Joan sah den Mauren Hilfe suchend an, doch als der keine Miene verzog, wandte er sich zur Tur und ging
