»Wo bekommt man dieses Dokument?«

»Das stellen die Ratsherren der Stadt aus.«

»Ich werde es verlangen.«

Grau musterte Bernat. Er war schmutzig, trug ein einfaches, zerschlissenes Hemd und Hanfschuhe. Grau stellte sich vor, wie sein Schwager vor den Ratsherren der Stadt stehen wurde, nachdem er Dutzenden von Schreibern seine Geschichte erzahlt hatte: der Schwager und der Neffe von Grau Puig, Ratsherr der Stadt, die dieser jahrelang in seiner Werkstatt versteckt hatte. Die Nachricht wurde von Mund zu Mund gehen. Er selbst hatte oft genug Situationen wie diese ausgenutzt, um seine Gegner zu attackieren.

»Setz dich«, forderte er ihn auf. »Nachdem Jaume mir von deinen Absichten erzahlt hat, habe ich mit Guiamona gesprochen.« Er log, um seinen Gesinnungswechsel zu erklaren. »Und sie hat mich gebeten, mich gnadig zu zeigen.«

»Ich brauche keine Gnade«, unterbrach ihn Bernat. Er dachte an Arnau, wie er mit verlorenem Blick auf dem Strohsack kauerte. »Ich habe jahrelang hart gearbeitet, um …«

»So war die Abmachung«, fiel ihm Grau ins Wort, »und du hast sie akzeptiert. Damals war sie in deinem Interesse.«

»Mag sein«, gab Bernat zu, »aber ich habe mich nicht als Sklave verkauft, und jetzt ist sie nicht mehr in meinem Interesse.«

»Vergessen wir das mit der Gnade. Ich glaube nicht, dass du irgendwo in der Stadt Arbeit finden wirst, schon gar nicht, wenn du nicht nachweisen kannst, dass du ein freier Burger bist. Ohne dieses Dokument wird man dich nur ausbeuten. Wei?t du, wie viele unfreie Bauern hier herumlaufen, ohne Kinder am Bein, die bereit sind, umsonst zu arbeiten, nur um ein Jahr und einen Tag in Barcelona bleiben zu konnen? Du kannst nicht mit ihnen konkurrieren. Noch bevor du den Burgerbrief erhalten hast, wirst du verhungert sein. Du oder dein Sohn. Und trotz allem, was vorgefallen ist, konnen wir nicht zulassen, dass den kleinen Arnau das gleiche Schicksal ereilt wie unseren Guiamon. Einer reicht. Deine Schwester wurde es nicht ertragen.« Bernat wartete schweigend ab, dass sein Schwager weitersprach. »Wenn du willst, kannst du weiter hier arbeiten, zu denselben Bedingungen … und fur einen Lohn, der dem eines ungelernten Arbeiters entspricht, abzuglich der Kosten fur Kost und Logis fur dich und deinen Sohn.«

»Und Arnau?«

»Was ist mit dem Jungen?«

»Du hast versprochen, ihn als Lehrling anzunehmen.«

»Und das werde ich auch tun … wenn er alt genug ist.«

»Ich mochte das schriftlich.«

»Sollst du bekommen«, versprach Grau.

»Und den Burgerbrief?«

Grau nickte. Fur ihn war es ein Leichtes, ihn zu erhalten … und vor allem diskret.

7

»Hiermit erklaren wir Bernat Estanyol und seinen Sohn Arnau zu freien Burgern der Stadt Barcelona.« Endlich! Bernat lief es kalt den Rucken hinunter, als er den Mann mit stockender Stimme die Dokumente vorlesen horte. Er hatte ihn bei der Werft getroffen, nachdem er gefragt hatte, wo er jemanden finden konne, der des Lesens machtig sei, und ihm eine kleine Munze fur diese Gefalligkeit angeboten. Wahrend im Hintergrund der Larm aus der Werft zu horen war, der Geruch von Teer in der Luft lag und eine Brise Meeresluft sein Gesicht streichelte, horte Bernat sich an, was in dem zweiten Schriftstuck stand: Grau wurde Arnau als Lehrling annehmen, wenn dieser zehn Jahre alt war, und verpflichtete sich, ihn im Topferhandwerk zu unterweisen. Sein Sohn war frei. Er wurde eines Tages seinen Lebensunterhalt verdienen und seinen Weg in dieser Stadt machen.

Bernat trennte sich lachelnd von der versprochenen Munze und ging zur Werkstatt zuruck. Dass man ihnen den Burgerbrief ausgestellt hatte, bedeutete, dass Llorenc de Bellera sie nicht bei der Obrigkeit angezeigt hatte und keine Strafsache gegen ihn vorlag. Ob der Junge aus der Schmiede uberlebt hatte? Wie auch immer … »Du kannst unser Land haben, Llorenc de Bellera. Wir haben unsere Freiheit«, murmelte Bernat trotzig. Graus Sklaven und auch Jaume unterbrachen ihre Arbeit, als sie Bernat, vor Gluck strahlend, hereinkommen sahen. Auf dem Boden klebte immer noch Habibas Blut. Grau hatte angeordnet, es nicht wegzuwischen. Bernat versuchte, nicht daraufzutreten, und seine Miene verdusterte sich.

»Arnau …«, flusterte er seinem Sohn in der Nacht zu, als sie auf dem Strohsack lagen, den sie sich teilten.

»Ja, Vater?«

»Wir sind jetzt freie Burger Barcelonas.«

Arnau antwortete nicht. Bernat tastete nach dem Kopf des Jungen und streichelte ihn. Er wusste, wie wenig das fur ein Kind bedeutete, dem man die Freude genommen hatte. Bernat horte das regelma?ige Atmen der Sklaven und strich seinem Sohn weiter uber den Kopf. Doch dann befiel ihn ein Zweifel: Wurde der Junge zustimmen, irgendwann fur Grau zu arbeiten? In dieser Nacht lag Bernat lange wach.

Jeden Morgen, wenn es hell wurde und die Manner ihr Tagwerk begannen, verlie? Arnau Graus Werkstatt. Jeden Morgen versuchte Bernat, mit ihm zu sprechen und ihn aufzumuntern. Du musst dir Freunde suchen, wollte er einmal zu ihm sagen, doch bevor er dazu kam, kehrte Arnau ihm den Rucken und schlich niedergeschlagen auf die Stra?e. Genie?e deine Freiheit, mein Sohn, wollte er ihm ein andermal raten, als der Junge ihn erwartungsvoll anschaute. Doch als er gerade zum Sprechen ansetzen wollte, kullerte eine Trane uber die Wange des Jungen. Bernat ging in die Knie und konnte ihn nur umarmen. Dann sah er Arnau mit gesenktem Kopf uber den Hof davonschleichen. Als Arnau zum wiederholten Mal den Blutflecken von Habiba auswich, hallte erneut Graus Peitsche in Bernats Kopf wider. Er schwor sich, nie mehr vor einer Peitsche zu kuschen – einmal war genug gewesen.

Bernat lief hinter seinem Sohn her, der sich umdrehte, als er seine Schritte hinter sich horte. Als er neben Arnau stand, begann er, mit dem Fu? die getrocknete Erde zu lockern, auf der immer noch die Blutflecken der Maurin zu sehen waren. Arnaus Gesicht hellte sich auf und Bernat scharrte fester.

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