diesem herrlichen Anblick im Wege. Vor etwa hundert Jahren hatte Konig Jaime der Eroberer verboten, den Strand zu bebauen. Dies hatte Grau seinen Kindern einmal erzahlt, als sie ihn zusammen mit ihrem Lehrer zum Hafen begleiteten, um zuzusehen, wie ein Schiff be- oder entladen wurde, dessen Miteigner er war. Der Strand musste frei bleiben, damit die Seeleute ihre Schiffe an Land ziehen konnten. Aber keines der Kinder hatte Graus Erklarung die geringste Beachtung geschenkt. Es war doch selbstverstandlich, dass die Schiffe am Strand lagen. Sie waren schon immer dort gewesen.

»In den Hafen unserer Feinde und Handelsrivalen«, hatte der Lehrer erklart, »werden die Schiffe nicht auf den Strand gezogen.«

»Das stimmt«, hatte Grau bestatigt. »Genua, unsere Feindin, hat einen wunderbaren geschutzten, naturlichen Hafen, sodass die Schiffe nicht an Land gezogen werden mussen. Venedig, unsere Verbundete, besitzt eine gro?e Lagune, die man durch enge Kanale erreicht. Sie ist vor Sturmen gefeit und die Schiffe konnen ruhig vor Anker gehen. Der Hafen von Pisa ist durch den Arno mit dem Meer verbunden, und auch Marseille nennt einen naturlichen Hafen sein Eigen, geschutzt vor den Unbilden der See.«

»Bereits die Griechen aus Phokis nutzten den Hafen von Marseille«, erganzte der Lehrer.

»Unsere Feinde haben bessere Hafen?«, fragte Josep, der Alteste. »Aber wir haben sie besiegt! Wir sind die Herren des Mittelmeers!«, rief er und wiederholte die Worte, die er so oft aus dem Mund seines Vaters gehort hatte. Die Ubrigen pflichteten ihm bei. »Wie ist das moglich?«

Grau sah den Lehrer fragend an, auf der Suche nach einer Erklarung.

»Barcelona hat stets die besten Seefahrer gehabt. Nun besitzen wir keinen Hafen mehr, und doch …«

»Wieso haben wir keinen Hafen?«, brach es aus Genis hervor. Er deutete auf den Strand. »Und das hier?«

»Das ist kein Hafen. Ein Hafen muss ein vor der See geschutzter Ort sein, und was du da meinst …« Der Lehrer wies mit der Hand aufs offene Meer hinaus, das an den Strand schlug. »Barcelona ist immer eine Seefahrerstadt gewesen. Fruher, vor vielen Jahren, hatten auch wir einen Hafen, wie all diese Stadte, die euer Vater erwahnte. Zu Zeiten der Romer ankerten die Schiffe im Schutz des Mons Taber, ungefahr dort.« Er deutete in Richtung der Stadt. »Doch das Meer ist nach und nach verlandet, und der Hafen verschwand. Danach hatten wir den Hafen Comtal, der ebenfalls verschwand, und zuletzt den Hafen Jaimes I. im Schutz einer kleinen naturlichen Bucht, dem Puig de les Falsies. Wisst ihr, wo sich dieser Puig de les Falsies heute befindet?«

Die vier Kinder blickten sich fragend an und sahen dann Hilfe suchend zu Grau, der mit verschworerischer Miene, so als sollte der Lehrer es nicht sehen, auf den Boden zu ihren Fu?en deutete.

»Hier?«, fragten die Kinder wie aus einem Munde.

»Ja«, antwortete der Lehrer, »wir stehen darauf. Auch er verlandete, und Barcelona blieb ohne Hafen zuruck. Doch damals waren wir bereits Seefahrer – die besten, und das sind wir immer noch. Auch ohne Hafen.«

»Wozu braucht man dann einen Hafen?«, warf Margarida ein.

»Das kann dir dein Vater besser erklaren«, antwortete der Lehrer, und Grau nickte.

»Ein Hafen ist wichtig, Margarida, sehr wichtig. Siehst du das Schiff dort?« Er deutete auf eine Galeere, die von kleinen Booten umgeben war. »Wenn wir einen Hafen hatten, konnte es seine Ladung an der Mole loschen, ohne all diese Boote, die die Ware aufnehmen. Wenn jetzt ein Sturm aufkame, befande es sich au?erdem in gro?er Gefahr, da es sehr nahe am Ufer vor Anker liegt. Es musste Barcelona verlassen.«

»Warum?«, wollte das Madchen wissen.

»Weil es hier nicht beidrehen kann und auf Grund laufen konnte. Es ist sogar im Seegesetzbuch Barcelonas vorgeschrieben, dass ein Schiff im Falle eines Unwetters Schutz in den Hafen von Salou oder Tarragona suchen muss.«

»Wir haben keinen Hafen«, beklagte sich Guiamon, als hatte man ihm etwas Wichtiges weggenommen.

»Nein«, bestatigte Grau lachend und legte den Arm um ihn, »aber wir sind immer noch die besten Seefahrer, Guiamon. Wir sind die Herren des Mittelmeers! Und wir haben den Strand. Hier landen wir unsere Schiffe an, wenn die schifffahrtsfreie Jahreszeit gekommen ist, hier reparieren und bauen wir sie. Siehst du die Werft dort druben? Sie liegt am Strand, gegenuber den Arkaden …«

»Durfen wir mal auf die Schiffe?«, fragte Guiamon.

»Nein«, hatte sein Vater ernst geantwortet. »Die Schiffe sind heilig, mein Junge.«

Arnau war nie mit Grau und seinen Kindern aus dem Haus gegangen, und schon gar nicht mit Guiamona. Er war immer bei Habiba zu Hause geblieben. Aber wenn seine Cousins zuruckkamen, hatten sie ihm alles erzahlt, was sie gesehen und gehort hatten. Auch das mit den Schiffen hatten sie ihm erklart.

Und da lagen sie nun alle in dieser Weihnachtsnacht. Da waren die kleinen Feluken, Jollen und Barkassen, die mittelgro?en Koggen, Brigantinen und Galeoten, sogar eine gro?e bauchige Nao. Au?erdem zahlreiche Karavellen, Karacken und Galeeren, die trotz ihrer Gro?e auf koniglichen Befehl zwischen Oktober und April ihre Fahrt einstellen mussten.

»Seht nur!«, rief Guiamon noch einmal.

Bei der Werft, gegenuber der Plaza Regomir, brannten mehrere Lagerfeuer, um die herum einige Wachen sa?en. Von der Plaza Regomir bis zum Kloster Framenors lagen still die Schiffe am Strand, nur vom Mondlicht beschienen.

»Folgt mir, Matrosen!«, befahl Margarida, den rechten Arm erhoben.

Und so fuhrte Kapitanin Margarida ihre Manner von einem Schiff zum anderen, durch Sturme, Piratenangriffe und Seeschlachten. Sie sprangen von Bord zu Bord, besiegten die Genuesen und die Mauren und eroberten unter Siegesrufen auf Konig Alfons Sardinien.

»Wer da?«

Die drei blieben wie angewurzelt auf einer Felucke stehen.

Margarida lugte uber die Reling. Drei Fackeln wanderten zwischen den Schiffen umher.

»Lasst uns abhauen«, flusterte Guiamon, der bauchlings auf dem Deck lag, an den Rockzipfel seiner

Вы читаете Die Kathedrale des Meeres
Добавить отзыв
ВСЕ ОТЗЫВЫ О КНИГЕ В ИЗБРАННОЕ

0

Вы можете отметить интересные вам фрагменты текста, которые будут доступны по уникальной ссылке в адресной строке браузера.

Отметить Добавить цитату