»Wie konntest du es wagen?«, schrie er sie an, nachdem er sich ihre ersten Erklarungen angehort hatte. »Er ist ein Leibeigener auf der Flucht! Wei?t du, was es bedeuten wurde, wenn man einen Fluchtigen in meinem Haus fande? Mein Ruin! Es ware mein Ruin!«

Guiamona horte ihm zu, ohne ihn zu unterbrechen, wahrend er vor ihr auf und ab lief und mit den Handen fuchtelte. Sie war einen Kopf gro?er als er.

»Du bist verruckt! Ich habe meine eigenen Bruder auf Schiffen in die Fremde geschickt. Ich habe den Frauen meiner Familie Mitgift gegeben, damit sie Manner von anderswo heiraten. Und das alles, damit niemand etwas dieser Familie anhaben kann. Und jetzt kommst du … Warum sollte ich bei deinem Bruder anders handeln?«

»Weil mein Bruder anders ist!«, schrie sie zu seiner Uberraschung.

Grau zogerte.

»Was … was willst du damit sagen?«

»Das wei?t du ganz genau. Ich glaube nicht, dass ich dich daran erinnern muss.«

Grau senkte den Blick.

»Gerade heute«, murmelte er, »habe ich mich mit einem der funf Ratsherren der Stadt getroffen, damit man mich als Zunftmeister in den Rat der Hundert wahlt. Es sieht so aus, als hatte ich drei der funf Ratsherren auf meiner Seite. Kannst du dir vorstellen, was meine Gegner sagen werden, wenn sie erfahren, dass ich einem fluchtigen Leibeigenen Unterschlupf gewahrt habe?«

Guiamona sagte sanft zu ihrem Mann: »Wir verdanken ihm alles.«

»Ich bin nur ein Handwerker, Guiamona. Reich, aber ein Handwerker. Die Adligen verachten mich, und die Handler hassen mich, auch wenn sie mit mir zusammenarbeiten. Wenn sie herausbekommen, dass wir einen Fluchtigen aufgenommen haben … Wei?t du, was die adligen Grundherren dazu sagen wurden?«

»Wir verdanken ihm alles«, wiederholte Guiamona.

»Gut, dann geben wir ihm Geld und er soll verschwinden.«

»Was er braucht, ist die Freiheit. Ein Jahr und einen Tag.«

Grau wanderte erneut nervos im Zimmer auf und ab. Dann schlug er die Hande vors Gesicht.

»Wir konnen nicht«, sagte er. »Wir konnen nicht, Guiamona.« Er sah sie an. »Stell dir vor …«

»Stell dir vor! Stell dir vor!«, fiel sie ihm ins Wort und erhob erneut die Stimme. »Stell dir vor, was geschieht, wenn wir ihn wegschicken, die Hascher Llorenc de Belleras oder deine eigenen Feinde ihn festnehmen und erfahren, dass du alles ihm verdankst, einem fluchtigen Leibeigenen, der einer Mitgift zustimmte, die mir nicht zustand.«

»Willst du mir drohen?«

»Nein, Grau, nein. Aber es steht geschrieben. Alles steht geschrieben. Wenn du es nicht aus Dankbarkeit tun willst, dann tu es fur dich selbst. Es ist besser, wenn du ihn unter Kontrolle hast. Bernat wird Barcelona nicht verlassen. Alles, was er will, ist die Freiheit. Wenn du ihn nicht aufnimmst, laufen ein fluchtiger Bauer und ein Kind durch Barcelona, beide mit demselben Muttermal am rechten Auge wie ich, hilflos deinen Gegnern ausgeliefert, die du so furchtest.«

Grau Puig sah seine Frau eindringlich an. Er wollte etwas erwidern, winkte dann aber ab. Er verlie? den Raum, und Guiamona horte ihn die Treppe zum Schlafzimmer hinaufgehen.

5

»Dein Sohn wird im gro?en Haus bleiben. Dona Guiamona wird sich um ihn kummern. Wenn er alt genug ist, kann er als Lehrling in der Werkstatt anfangen.«

Bernat horte nicht langer, was Jaume sagte. Der Geselle hatte bei Tagesanbruch in der Schlafkammer der Scheune gestanden. Sklaven und Lehrburschen waren wie vom Damon besessen von ihren Strohsacken aufgesprungen und waren schiebend und rempelnd hinausgelaufen. Bernat dachte, dass Arnau hier gut aufgehoben war und spater ein Lehrling sein wurde, ein freier Mann mit einem ehrbaren Beruf.

»Hast du verstanden?«, fragte ihn der Geselle.

Als Bernat schwieg, entfuhr Jaume ein Fluch.

»Verdammtes Bauernpack!«

Bernat war kurz davor, sich auf ihn zu sturzen, doch das Grinsen auf Jaumes Gesicht hielt ihn davon ab.

»Versuch es nur«, sagte er. »Tu es, und deine Schwester hat niemanden mehr, an den sie sich halten kann. Ich wiederhole dir noch einmal das Wichtigste, Bauer: Du wirst von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang arbeiten, wie alle anderen. Dafur erhaltst du ein Bett, Essen und Kleidung … und Dona Guiamona sorgt fur deinen Sohn. Der Zutritt zum Haus ist dir untersagt. Unter keinen Umstanden darfst du es betreten. Es ist dir au?erdem verboten, die Werkstatt zu verlassen, bis das Jahr und der Tag vergangen sind, die du brauchst, damit man dir die Freiheit gewahrt. Wenn ein Fremder die Werkstatt betritt, musst du dich verstecken. Du darfst niemandem von deiner Situation erzahlen, nicht einmal den Leuten hier, obwohl … mit diesem Muttermal …« Jaume schuttelte den Kopf. »Das ist die Abmachung, die der Meister mit Dona Guiamona getroffen hat. Bist du damit einverstanden?«

»Wann kann ich meinen Sohn sehen?«, fragte Bernat.

»Das ist nicht meine Sache.«

Bernat schloss die Augen. Als sie Barcelona zum ersten Mal gesehen hatten, hatte er Arnau die Freiheit versprochen. Sein Sohn sollte nicht der Sklave eines Herrn sein wie er.

»Was muss ich tun?«, fragte er schlie?lich.

Die Brennofen mit Holz befeuern, mit Hunderten, Tausenden von Holzscheiten, damit die Ofen immer arbeiteten. Und dafur sorgen, dass diese nie verloschen. Ton schleppen und aufraumen, den Lehm entfernen, Tonstaub aufkehren und Asche schippen. Immer und immer wieder im Schwei?e seines Angesichts Asche und

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