Kleidung, die Grau wahrend der ersten beiden Jahre benotigte. Im Lehrvertrag verpflichtete sich der Meister lediglich, diesen in den letzten drei Jahren einzukleiden.

Deshalb war Puig in Begleitung seines Sohnes Grau, der etwas alter war als Bernat und seine Schwester, auf dem Hof der Estanyols vorstellig geworden. Der verruckte Estanyol horte sich Josep Puigs Vorschlag aufmerksam an: Wenn er seiner Tochter die verlangten Dinge als Mitgift gab und diese Grau im Voraus aushandigte, wurde sein Sohn mit achtzehn Jahren, wenn er Topfergeselle war, die Ehe mit Guiamona eingehen. Der verruckte Estanyol sah Grau an. Manchmal, wenn seine Familie nicht mehr ein noch aus gewusst hatte, hatte der Junge ihnen bei der Feldarbeit geholfen. Er hatte nie um etwas gebeten, aber er war immer mit einem bisschen Gemuse oder Getreide nach Hause zuruckgekehrt. Der verruckte Estanyol hatte Vertrauen in ihn, und so ging er auf den Vorschlag ein.

Nach funf harten Lehrjahren war Grau Geselle geworden. Er tat, was sein Meister von ihm verlangte, und zufrieden mit seinen Leistungen, begann dieser ihm einen Lohn zu zahlen. Mit achtzehn Jahren loste Grau sein Versprechen ein und heiratete Guiamona.

»Junge«, hatte sein Vater damals zu Bernat gesagt, »ich habe beschlossen, Guiamona noch einmal eine Mitgift zu geben. Wir sind nur zu zweit und haben das beste, gro?te und fruchtbarste Land in der ganzen Gegend. Sie konnen das Geld gut gebrauchen.«

»Aber Vater«, war ihm Bernat ins Wort gefallen, »weshalb rechtfertigt Ihr Euch?«

»Weil deine Schwester ihre Mitgift schon bekommen hat und du mein Erbe bist. Es ist dein Geld.«

»Tut das, was Ihr fur richtig haltet.«

Vier Jahre spater, mit zweiundzwanzig, stellte sich Grau der offentlichen Prufung, die von den vier Zunftmeistern abgenommen wurde. Unter den aufmerksamen Blicken der Manner fertigte er seine ersten eigenen Stucke an, einen Krug, zwei Teller und eine Schussel, und wurde von ihnen zum Meister ernannt. Dies ermoglichte es ihm, eine eigene Werkstatt in Barcelona zu eroffnen und naturlich das Meisterzeichen zu verwenden, das fur eventuelle Reklamationen in jede Keramik gepragt werden musste, die seine Werkstatt verlie?. Grau wahlte in Anlehnung an seinen Nachnamen einen stilisierten Berg.

Grau und Guiamona, die ein Kind erwartete, bezogen ein kleines eingeschossiges Hauschen im Topferviertel, das auf konigliche Anordnung im au?ersten Westen der Stadt lag, zwischen der von Konig Jaime I. errichteten Stadtmauer und dem alten Festungsring der Stadt. Sie kauften das Haus von Guiamonas Mitgift, die sie fur einen solchen Zweck zuruckgelegt hatten.

In diesem Haus, in dem sich die Werkstatt im Wohnraum befand und der Brennofen in der Schlafkammer stand, begann Grau zu einem Zeitpunkt mit seinem Gewerbe, als sich der Handel in Katalonien im Aufschwung befand. Von den Handwerkern wurde verlangt, sich zu spezialisieren, was viele von ihnen, die in der Tradition verhaftet waren, verweigerten.

»Wir werden Kruge und Karaffen machen«, beschloss Grau, »nur Kruge und Karaffen.«

Guiamona betrachtete die vier Meisterstucke, die ihr Mann angefertigt hatte.

»Ich habe viele Handler gesehen«, fuhr ihr Mann fort, »die formlich um Karaffen fur Ol, Honig oder Wein bettelten, und Topfermeister, die sie ohne Umschweife wieder wegschickten, weil sie ihre Ofen brauchten, um komplizierte Kacheln fur ein neues Haus zu brennen, bunt glasierte Teller fur das Tafelgeschirr eines Adligen oder Tiegel fur einen Apotheker.«

Guiamona fuhr mit den Fingern uber die Meisterstucke. Wie glatt sie waren! Als Grau sie ihr in seinem Gluck nach seiner Prufung geschenkt hatte, hatte sie geglaubt, dass sie stets von solchen Dingen umgeben sein wurde. Sogar die Zunftmeister hatten ihm gratuliert. Mit diesen vier Stucken hatte Grau allen Topfermeistern gezeigt, dass er sein Handwerk beherrschte. Der Krug, die beiden Teller und die Schussel waren mit Zickzacklinien, Palmblattern, Rosetten und Lilien verziert und vereinten auf einer vorab aufgetragenen wei?en Grundierung alle Farben auf sich: das fur Barcelona so typische Kupfergrun, das auf keinem Meisterstuck der graflichen Stadt fehlen durfte, Manganrot, Eisenschwarz, Kobaltblau und Antimonatgelb. Jede Linie und jede Verzierung war in einer anderen Farbe gehalten. Guiamona hatte es kaum abwarten konnen, bis die Stucke gebrannt waren, aus Angst, sie konnten im Ofen zerspringen. Zum Schluss hatte Grau eine Bleiglasur aufgetragen, die sie vollstandig versiegelte. Guiamona spurte erneut die glatte Oberflache unter ihren Fingerkuppen. Und nun wollte er nur noch Kruge anfertigen.

Grau trat zu seiner Frau.

»Mach dir keine Sorgen«, beruhigte er sie, »fur dich werde ich weiterhin solche Sachen machen.«

Grau war erfolgreich. Er fullte den Brennofen seiner kleinen Werkstatt mit Krugen und Karaffen, und bald wussten die Handler, dass sie bei Grau Puig jederzeit alles bekamen, was sie brauchten. Niemand musste mehr bei uberheblichen Topfermeistern betteln.

Und so unterschied sich das Haus, vor dem Bernat nun stand, wahrend der kleine Arnau wach geworden war und nach seinem Essen verlangte, ganz erheblich von jener ersten Werkstatt. Soweit Bernat mit seinem linken Auge erkennen konnte, handelte es sich um ein gro?es, zweistockiges Gebaude. Im Erdgeschoss, das zur Stra?e hin offen war, befand sich die Topferei. In den beiden daruberliegenden Stockwerken wohnte der Meister mit seiner Familie. Neben dem Haus gab es ein Gemusebeet und einen Garten, und auf der anderen Seite Nebengebaude, in denen sich die Brennofen befanden, sowie ein Platz, wo unzahlige Kruge und Karaffen in allen Formen, Gro?en und Farben zum Trocknen in der Sonne lagen. Hinter dem Haus befand sich eine Freiflache, wo der Ton und andere Materialien entladen und gelagert wurden, wie es stadtische Vorschrift war. Dort wurden auch die Asche und andere Ruckstande aus den Brennofen aufbewahrt, denn es war den Topfern verboten, diese einfach auf die Stra?e zu kippen.

In der Werkstatt, die von der Stra?e aus einsehbar war, arbeiteten zehn Mann. Ihrem Aussehen nach war keiner von ihnen der Meister. Bernat sah, wie sich vor der Tur neben einem mit neuen Krugen beladenen Ochsenkarren zwei Manner voneinander verabschiedeten. Einer von ihnen stieg auf den Karren und fuhr los. Der andere war gut gekleidet, und bevor er in die Werkstatt zuruckkehren konnte, rief Bernat nach ihm.

»Wartet!«

Der Mann sah zu, wie Bernat naher kam.

»Ich suche Grau Puig«, erklarte dieser.

Der Mann musterte ihn von oben bis unten.

»Falls du Arbeit suchst, wir brauchen niemanden. Der Meister hat keine Zeit zu vergeuden«, sagte er dann missgelaunt, »und ich auch nicht.«

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