»Du solltest die Wunde verbinden, Bauer«, sagte er. »Andernfalls wirst du keinen Schritt in der Stadt machen konnen.«

Die Leute kehrten auf den Weg zuruck. Das Stadttor Santa Anna wurde wieder geoffnet, und der Bauer mit den Ruben schulterte seinen Sack, ohne Bernat eines Blickes zu wurdigen.

Als Bernat das Stadttor durchquerte, hatte er sich ein Hemdchen von Arnau uber die Wunde gebunden. Die Soldaten sahen ihm hinterher, aber wie sollte er nun keine Aufmerksamkeit erregen, da sein halbes Gesicht von einem Hemd bedeckt war? Er lie? das Kollegiat Santa Anna zur Linken liegen und ging hinter den Leuten her, die in die Stadt stromten. Den Kopf hielt er gesenkt. Die Bauern begannen sich in der Stadt zu zerstreuen; die nackten Fu?e, die Riemenschuhe und die Strohsandalen verschwanden, und Bernat sah plotzlich ein Paar Beine vor sich, die in feuerroten seidenen Strumpfen steckten. Diese wiederum endeten in grunen Schuhen aus feinem Stoff, die eng an den Fu?en anlagen und in zwei Spitzen ausliefen, die so lang waren, dass sie mit einem goldenen Kettchen an den Knocheln festgebunden waren.

Er blickte auf und sah sich einem Mann mit Hut gegenuber. Dieser trug ein mit Gold- und Silberfaden verziertes Gewand, einen gleichfalls goldbestickten Gurtel sowie Perlen und Edelsteine. Bernat starrte ihn mit offenem Mund an. Der Mann wandte sich ihm zu, sah jedoch durch ihn hindurch, als ob er nicht existierte.

Bernat zogerte, schlug die Augen wieder nieder und atmete erleichtert auf, als er sah, dass der Mann ihm nicht die geringste Aufmerksamkeit schenkte. Er ging bis zur Kathedrale, die sich noch im Bau befand, und allmahlich begann er den Kopf zu heben. Niemand beachtete ihn. Eine Weile sah er zu, wie die Tagelohner an der Kirche arbeiteten: Sie klopften Steine, liefen auf hohen Gerusten herum, hievten riesige Steinquader mit Kranen nach oben … Dann begann Arnau zu weinen und verlangte seine Aufmerksamkeit.

»Guter Mann«, wandte er sich an einen Arbeiter, der an ihm vorbeiging, »wo finde ich das Topferviertel?« Seine Schwester Guiamona hatte einen Topfer geheiratet.

»Geh diese Stra?e entlang«, antwortete ihm der Mann in Eile, »bis du zum nachsten Platz kommst, der Plaza de Sant Jaume. Dort siehst du einen Brunnen. Halte dich rechts und geh weiter bis zur neuen Stadtmauer am Portal de la Boqueria. Aber dort gehst du nicht ins Raval, sondern immer an der Mauer entlang in Richtung Meer bis zum nachsten Stadttor, dem Portal de Trentaclaus. Dort ist das Topferviertel.«

Bernat versuchte vergeblich, sich all diese Namen zu merken, aber als er noch einmal nachfragen wollte, war der Mann bereits verschwunden.

»Geh diese Stra?e entlang bis zur Plaza de Sant Jaume«, sagte er zu Arnau. »Daran erinnere ich mich noch. Auf dem Platz biegen wir nach rechts ab, daran erinnern wir uns auch noch, nicht wahr, mein Sohn?«

Arnau horte auf zu weinen, sobald er die Stimme seines Vaters horte.

»Und jetzt?«, fragte Bernat laut. Sie standen auf einem anderen Platz, der Plaza de Sant Miquel. »Dieser Mann hat nur von einem Platz gesprochen. Aber wir konnen nicht falsch gegangen sein.«

Bernat versuchte einige Leute zu fragen, doch niemand blieb stehen.

»Alle haben es eilig«, sagte er zu Arnau, als er einen Mann vor – ja, vor was? einer Burg? – stehen sah. »Der da scheint keine Eile zu haben. Vielleicht … Guter Mann«, rief er ihm zu, wahrend er an seinem schwarzen Umhang zupfte.

Selbst Arnau, der sich an seine Brust klammerte, zuckte zusammen, als der Mann sich umdrehte, so sehr erschrak Bernat.

Der alte Jude schuttelte nachsichtig den Kopf. »Sprich«, sagte er zu ihm.

Bernat konnte den Blick nicht von dem gelben Zeichen wenden, das auf der Brust des alten Mannes prangte. Dann warf er einen Blick in das, was er fur eine befestigte Burg gehalten hatte. Alle, die dort ein und aus gingen, waren Juden! Alle trugen dieses Zeichen. Ob es erlaubt war, mit ihnen zu sprechen?

»Willst du etwas?«, fragte der Alte noch einmal.

»Wie … wie komme ich ins Topferviertel?«

»Folge dieser Stra?e«, wies ihm der alte Mann die Richtung, »dann kommst du zum Portal de la Boqueria. Folge der Mauer in Richtung Meer, und am nachsten Stadttor ist das Viertel, nach dem du suchst.«

Bernat hatte gehort, dass man keine fleischlichen Beziehungen mit Juden unterhalten durfe. Deswegen zwang die Kirche sie, dieses Zeichen zu tragen, damit niemand behaupten konnte, er habe nicht gewusst, dass es sich um einen Juden handelte. Die Priester sprachen stets voller Emporung uber diese Leute, doch dieser alte Mann …

»Danke, guter Mann«, sagte Bernat und lachelte vorsichtig.

»Ich danke dir«, antwortete dieser, »doch in Zukunft gib acht, dass man dich nicht mit einem von uns sprechen sieht, geschweige denn mit einem Lacheln.«

Der alte Mann verzog schmerzlich den Mund.

Am Portal de la Boqueria sah Bernat eine gro?e Anzahl von Frauen, die Fleisch kauften, Huhnerklein und Ziegenfleisch. Er sah ein Weilchen zu, wie sie die Ware pruften und mit den Handlern feilschten. »Das ist das Fleisch, das unserem Herrn solche Probleme macht«, sagte er zu dem Kind. Dann lachte er bei dem Gedanken an Llorenc de Bellera. Wie oft hatte er gesehen, wie dieser versucht hatte, die Hirten und Viehzuchter einzuschuchtern, die ihr Fleisch in die grafliche Stadt lieferten! Aber mehr hatte er nicht gewagt, als ihnen mit seinen Pferden und seinen Soldaten Angst einzujagen. Wer Vieh nach Barcelona lieferte, hatte Weiderecht im gesamten Prinzipat, denn es durften nur lebende Tiere in die Stadt gebracht werden.

Bernat machte einen Bogen um den Markt und ging hinunter zum Portal de Trentaclaus. Hier waren die Stra?en schmaler, und als er zu dem Stadttor kam, bemerkte er, dass vor den Hausern Dutzende von Keramikgegenstanden trockneten, Teller, Schusseln, Topfe, Kruge oder Ziegel.

»Ich suche das Haus von Grau Puig«, sagte er zu einem der Soldaten, die das Stadttor bewachten.

Die Puigs waren Nachbarn der Estanyols gewesen. Bernat erinnerte sich an Grau, den vierten von acht Sohnen, die von dem wenigen Land, das die Puigs besa?en, nicht satt wurden. Seine Mutter hatte die Leute sehr geschatzt, weil die Mutter der Puigs ihr bei der Geburt von Bernat geholfen hatte. Grau war der Klugste und Flei?igste der acht. Deshalb war Josep Puigs Wahl auf den damals Zehnjahrigen gefallen, als ein Verwandter sich angeboten hatte, einen seiner Sohne als Topferlehrling in Barcelona anzunehmen.

Doch da Josep Puig schon kaum seine Familie ernahren konnte, hatte er nur schwerlich die zwei Scheffel Weizen und die zehn Sueldos aufbringen konnen, die sein Verwandter fur die funf Lehrjahre forderte. Dazu kamen noch die zwei Sueldos, die Llorenc de Bellera dafur verlangte, dass er einen seiner Untertanen freigab, und die

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