Landflucht zu verhaften, sondern auch wegen Mordes. Was wurde aus Arnau, wenn man ihn festnahm? Auf Mord stand die Todesstrafe.
Sein Sohn wuchs und gedieh prachtig. Er sprach noch nicht, aber er lief bereits und gluckste frohlich vor sich hin. Obwohl Grau immer noch nicht das Wort an ihn richtete, hatte Bernat sich durch seine neue Position in der Werkstatt – um die sich Grau nicht kummerte, weil er mit seinen Geschaften und Auftragen beschaftigt war – noch mehr Achtung erworben. Mit dem stillschweigenden Einverstandnis Guiamonas, die aufgrund der neuen Situation ihres Mannes ebenfalls sehr beschaftigt war, brachte ihm die Maurin das Kind, das nun meist wach war, ofter als fruher vorbei.
Bernat durfte sich nicht in der Stadt blicken lassen, wollte er nicht die Zukunft seines Sohnes zerstoren.
ZWEITER TEIL
DIENER DES ADELS
6
Arnau war nun acht Jahre alt und hatte sich zu einem aufgeweckten Jungen entwickelt. Das lange, kastanienbraune Haar fiel ihm lockig auf die Schultern und umrahmte ein hubsches Gesicht, in dem die gro?en, klaren, honigfarbenen Augen hervorstachen.
Grau Puigs Haus war weihnachtlich geschmuckt. Der Topfermeister, der im Alter von zehn Jahren dank der Hilfe eines gro?zugigen Nachbarn den vaterlichen Grund und Boden verlassen konnte, hatte seinen Weg in Barcelona gemacht. Nun wartete er gemeinsam mit seiner Frau auf das Eintreffen der Gaste.
»Sie kommen, um mir ihre Ehrerbietung zu erweisen«, sagte er zu Guiamona. »Wann hat man schon einmal gesehen, dass Adlige und Handler das Haus eines Handwerkers betreten?«
Sie beschrankte sich darauf, ihm zuzuhoren.
»Selbst der Konig unterstutzt mich. Verstehst du? Der Konig! Konig Alfons.«
An diesem Tag wurde in der Werkstatt nicht gearbeitet. Bernat und Arnau sa?en trotz der Kalte drau?en auf dem Boden und beobachteten von dem Platz aus, auf dem die Kruge lagerten, das unablassige Kommen und Gehen der Sklaven, Gesellen und Lehrburschen. In den vergangenen acht Jahren hatte Bernat keinen Fu? mehr ins Haus der Puigs gesetzt. Doch das machte ihm nichts aus, sagte er sich, wahrend er Arnaus Haar streichelte. Da sa?, an ihn geschmiegt, sein Sohn – was wollte er mehr? Der Junge a? und lebte bei Guiamona und wurde sogar gemeinsam mit Graus Kindern von einem Lehrer im Lesen, Schreiben und Rechnen unterwiesen. Doch er wusste, dass Bernat sein Vater war, denn Guiamona hatte dafur gesorgt, dass er es nicht verga?. Was Grau anging, so behandelte er seinen Neffen mit absoluter Gleichgultigkeit.
Arnau benahm sich gut im Haus. Bernat hatte ihn immer wieder dazu ermahnt. Wenn er lachend in die Werkstatt sturmte, erhellte sich Bernats Gesicht. Die Sklaven und die Gesellen, selbst Jaume, beobachteten mit einem Lacheln auf den Lippen, wie der Junge auf den Vorplatz gerannt kam, um dort zu warten. Wenn Bernat mit seiner Arbeit fertig war, lief er zu ihm und umarmte ihn sturmisch. So manchen Abend, wenn die Werkstatt schloss, lie? Habiba ihn entwischen, und dann sa?en Vater und Sohn schwatzend und lachend beisammen, unbeeindruckt von dem geschaftigen Treiben um sie herum.
Die Lage hatte sich verandert. Grau kummerte sich nicht mehr um die Einnahmen aus der Werkstatt und schon gar nicht um die anderen Dinge, die mit ihr zusammenhingen. Trotzdem war sie unverzichtbar fur ihn, denn dem Betrieb verdankte er seine Amter als Zunftmeister, Ratsherr von Barcelona und Mitglied des Rats der Hundert. Doch nachdem er diese Bedingung erfullt hatte, war Grau Puig ganz in die Politik und die Hochfinanz eingestiegen, was fur einen Ratsherrn der graflichen Stadt nicht sonderlich schwer war, und hatte seinem Gesellen Jaume die Verwaltung der Werkstatt uberlassen.
Seit dem Beginn seiner Herrschaft im Jahr 1291 hatte Jaime II. versucht, sich gegen die Oligarchie der Feudalherren Kataloniens durchzusetzen, und dazu die Hilfe der freien Stadte und ihrer Burger gesucht, angefangen mit Barcelona. Sizilien war bereits seit den Zeiten Pedros des Gro?en im Besitz der Krone; als der Papst nun Jaime II. das Recht auf die Eroberung Sardiniens zugestand, finanzierten Barcelona und seine Burger dieses Unternehmen.
Die Annexion der beiden Mittelmeerinseln durch die Krone war im Interesse aller Parteien: Sie garantierte die Getreideversorgung Kataloniens ebenso wie die katalanische Vorherrschaft im westlichen Mittelmeer und damit die Kontrolle uber die Handelsrouten zu Wasser. Die Krone wiederum behielt sich die Ausbeutung der Silberminen und Salinen der Inseln vor.
Grau hatte diese Ereignisse nicht selbst miterlebt. Seine Gelegenheit kam mit dem Tod Jaimes II. und der Thronbesteigung Alfons' III. In diesem Jahr, 1329, erhoben sich die Sarden in der Stadt Sassari. Zur gleichen Zeit erklarten die Genuesen Katalonien den Krieg, weil sie dessen Handelsmacht furchteten, und griffen die Schiffe an, die unter der Flagge des Prinzipats fuhren. Weder der Konig noch die Handler zweifelten auch nur einen Moment daran, dass der Feldzug zur Unterdruckung des Aufstands auf Sardinien und der Krieg gegen Genua von der Burgerschaft Barcelonas finanziert werden musste. Und so geschah es, hauptsachlich angetrieben von einem Ratsherren der Stadt: Grau Puig, der gro?zugig seinen Beitrag zu den Kriegskosten leistete und mit flammenden Reden auch die Zogerer davon uberzeugte, sich zu beteiligen. Der Konig selbst hatte ihm offentlich fur seine Hilfe gedankt.
Wahrend Grau immer wieder an die Fenster trat, um Ausschau nach seinen Gasten zu halten, verabschiedete sich Bernat mit einem Kuss auf die Wange von seinem Sohn.
»Es ist bitterkalt, Arnau. Besser, du gehst hinein.« Der Junge wollte widersprechen. »Heute werdet ihr ein feines Essen bekommen, nicht wahr?«
»Hahnchen, Nougat und Waffeln«, antwortete sein Sohn beilaufig.
Bernat gab ihm einen zartlichen Klaps auf den Hintern.
»Lauf ins Haus. Wir sprechen ein andermal weiter.«
Arnau kam gerade rechtzeitig zum Essen. Er selbst sowie die beiden jungeren von Graus Kindern – Guiamon, der so alt war wie er, und die anderthalb Jahre altere Margarida – wurden in der Kuche essen, die beiden Alteren – Josep und Genis – oben mit den Eltern.
