Das Eintreffen der Gaste machte Grau noch nervoser.

»Ich mache das schon alles«, hatte er zu Guiamona gesagt, als er die Feier vorbereitete. »Du brauchst dich nur um die Frauen zu kummern.«

»Aber wie willst denn du …?«, hatte Guiamona protestiert, doch Grau war bereits dabei gewesen, der Kochin Estranya, einer korpulenten, storrischen Mulattensklavin, Anweisungen zu geben. Diese blickte verstohlen zu ihrer Herrin hinuber, wahrend sie den Ausfuhrungen des Hausherrn lauschte.

Hinter dem Rucken ihres Mannes hatte Guiamona versucht, Ordnung in die Dienerschaft zu bringen und alles vorzubereiten, damit das Weihnachtsfest ein Erfolg wurde. Doch am Tag der Feier kummerte sich Grau um alles, sogar um die kostbaren Umhange seiner Gaste, und so blieb ihr nichts anderes ubrig, als sich im Hintergrund zu halten, wie es ihr Mann bestimmt hatte, und den Frauen zuzulacheln, die sie von oben herab ansahen. Unterdessen plauderte Grau mit diesem oder jenem, wahrend er gleichzeitig den Sklaven Zeichen gab, was sie zu tun hatten und um wen sie sich kummern sollten. Doch je wilder er gestikulierte, desto kopfloser wurden sie. Schlie?lich beschlossen samtliche Sklaven – mit Ausnahme von Estranya, die in der Kuche das Essen vorbereitete –, Grau durchs ganze Haus zu folgen, um seine dringlichen Befehle entgegenzunehmen.

Von jeder Aufsicht befreit – denn Estranya und ihre Hilfen hantierten mit dem Rucken zu ihnen an ihren Topfen und Herdfeuern –, vermatschten Margarida, Guiamon und Arnau das Hahnchen mit dem Nougat und den Waffeln und tauschten Happchen aus, wobei sie unaufhorlich herumalberten. Irgendwann griff Margarida nach einem Krug mit unverdunntem Wein und nahm einen kraftigen Schluck. Das Madchen verzog das Gesicht und machte dicke Backen, doch es brachte die Mutprobe hinter sich, ohne den Wein auszuspucken. Dann drangte sie ihren Bruder und ihren Cousin, es ihr nachzutun. Arnau und Guiamon tranken. Sie gaben sich Muhe, gleichfalls Haltung zu bewahren wie Margarida, doch sie mussten husten und tasteten den Tisch nach Wasser ab, wahrend ihnen die Tranen in die Augen schossen. Dann begannen die drei zu lachen.

»Raus hier!«, rief die Sklavin, nachdem sie die Albernheiten der Kinder eine Zeit lang uber sich hatte ergehen lassen.

Die drei liefen johlend und lachend aus der Kuche.

»Pssst!«, ermahnte sie einer der Sklaven, der an der Treppe stand. »Der Herr will keine Kinder hier sehen.«

»Aber …«, begann Margarida.

»Da gibt es kein Aber«, erklarte der Sklave.

In diesem Moment kam Habiba die Treppe hinunter, um neuen Wein zu holen. Der Herr hatte sie mit zornfunkelnden Augen angeschaut, weil einer seiner Gaste sich nachschenken wollte und nur ein paar armselige Tropfen gekommen waren.

»Hab ein Auge auf die Kinder«, sagte Habiba zu dem Sklaven an der Treppe, als sie an ihm vorbeiging. »Ich brauche Wein!«, rief sie dann Estranya zu, noch bevor sie die Kuche betrat.

Grau, der befurchtete, dass die Maurin den einfachen Wein brachte statt den, den sie servieren sollte, kam hinter ihr hergerannt.

Die Kinder lachten nicht mehr. Am Fu? der Treppe stehend, beobachteten sie das hektische Treiben, zu dem sich plotzlich auch Grau gesellte.

»Was habt ihr hier zu suchen?«, fuhr er sie an, als er sie bei dem Sklaven stehen sah. »Und du? Was stehst du hier herum? Geh und sag Habiba, dass es der Wein aus den alten Karaffen sein soll. Merk dir das! Wenn du dich irrst, ziehe ich dir bei lebendigem Leib das Fell uber die Ohren. Und ihr, Kinder, ab ins Bett!«

Der Sklave rannte wie angestochen in die Kuche. Die Kinder sahen sich grinsend an, ihre Augen funkelten vom Wein. Als Grau die Treppe wieder hochrannte, begannen sie zu lachen. Ins Bett? Margarida sah zur Haustur, die weit offen stand, zog die Lippen kraus und hob die Augenbrauen.

»Und die Kinder?«, fragte Habiba, als sie den Sklaven kommen sah.

»Wein aus den alten Krugen«, gab dieser weiter.

»Und die Kinder?«

»Aus den alten Krugen. Den alten.«

»Und die Kinder?«, fragte Habiba noch einmal.

»Der Herr hat gesagt, geht ins Bett. Sie sind bei ihm. Den aus den alten Krugen, ja? Er zieht uns das Fell uber die Ohren …«

Es war Weihnachten, und Barcelona wurde wie ausgestorben sein, bis die Leute zur Christmette stromten, um einen Hahn darzubringen. Der Mond spiegelte sich im Meer, so als wurde die Stra?e, in der sie sich befanden, bis zum Horizont reichen. Die drei Kinder betrachteten den silbernen Streif auf dem Wasser.

»Heute wird niemand am Strand sein«, wisperte Margarida.

»Niemand fahrt an Weihnachten aufs Meer hinaus«, setzte Guiamon hinzu.

Die beiden wandten sich zu Arnau um, der den Kopf schuttelte.

»Niemand wird es merken«, behauptete Margarida. »Wir gehen kurz hin und sind gleich wieder zuruck. Es sind nur ein paar Schritte.«

»Feigling«, warf ihm Guiamon vor, als er zogerte.

Sie liefen bis Framenors, dem Franziskanerkonvent am ostlichen Ende der Stadtmauer, direkt am Meer. Von dort blickten sie uber den Strand, der sich bis zum Kloster Santa Clara am westlichen Ende von Barcelona erstreckte.

»He, seht doch!«, rief Guiamon. »Die Flotte der Stadt!«

»So habe ich den Strand noch nie gesehen«, erklarte Margarida.

Arnau nickte mit gro?en Augen.

Von Framenors bis Santa Clara war der Strand mit Schiffen in allen Gro?en ubersat. Kein Gebaude stand

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