Der schmutzige Junge gab keine Antwort.
»Ist sie krank?«, fragte Arnau weiter.
Der andere schuttelte den Kopf. »Nein. Es geht ihr gut.«
»Was dann?« Arnau lie? nicht locker.
Der Junge sah ihn traurig an. Er biss sich ein paar Mal auf die Lippen, dann fasste er einen Entschluss. »Los«, sagte er und zog Arnau am Armel. »Komm mit.«
Der unbekannte Junge flitzte in einem Tempo davon, das man dem kleinen Burschen gar nicht zugetraut hatte. Arnau heftete sich an seine Fersen und versuchte, ihn nicht aus den Augen zu verlieren, was ihm nicht schwerfiel, solange sie sich in dem offenen, ubersichtlichen Topferviertel befanden. Doch je weiter sie nach Barcelona hineinkamen, desto schwieriger wurde es. Die engen Gassen der Stadt mit all ihren Menschen und den zahllosen Verkaufsstanden wurden zu wahren Trichtern, die ein Durchkommen nahezu unmoglich machten.
Arnau wusste nicht, wo er sich befand, aber darum machte er sich keine Gedanken. Sein einziges Ziel war es, den flinken, wendigen Jungen nicht aus den Augen zu verlieren, der durch die Menschenmenge und an den Markstanden vorbeischlupfte, sehr zum Argernis des einen oder anderen. Arnau, der nicht so geschickt darin war, den Passanten auszuweichen, musste den Unmut ausbaden, den der Junge in seinem Kielwasser hinterlie?, und wutende Rufe und Beschimpfungen uber sich ergehen lassen. Einer verpasste ihm einen Schubs, ein anderer versuchte ihn am Hemd zu packen, doch Arnau riss sich von beiden los, verlor dabei allerdings seinen Fuhrer aus den Augen und stand plotzlich alleine an einem gro?en, belebten Platz.
Er kannte diesen Platz. Er war schon einmal mit seinem Vater dort gewesen. »Das ist die Plaza del Blat«, hatte dieser gesagt. »Das Herz von Barcelona. Siehst du den Stein dort in der Mitte des Platzes?« Arnau hatte dorthin geschaut, wohin sein Vater zeigte. »Dieser Stein bedeutet, dass sich die Stadt von hier aus in ihre Viertel aufteilt: Mar, Framenors, Pi, La Salada oder Sant Pere.« Arnau betrat den Platz von der Stra?e der Seidenhandler her. Vor dem Portal des Palasts des Stadtrichters stehend, versuchte er, die Gestalt des schmutzigen Jungen ausfindig zu machen. Doch die Menschenmassen auf dem Platz hinderten ihn daran. Neben dem Portal befand sich der gro?te Schlachthof der Stadt, auf der anderen Seite wurde an mehreren Standen frisches Brot verkauft. Arnau versuchte angestrengt, den kleinen Jungen zwischen den steinernen Banken zu beiden Seiten des Platzes auszumachen, an denen sich die Burger entlangschoben. »Das ist der Getreidemarkt«, hatte ihm Bernat erklart. »Auf der einen Seite dieser Banke dort verkaufen die Zwischenhandler und Handler der Stadt ihr Getreide, und auf der anderen Seite bieten die Bauern, die in die Stadt kommen, um ihre Ernte zu verkaufen, ihre Ware feil.« Arnau konnte den schmutzigen Jungen, der ihn hierher gelockt hatte, weder auf der einen noch auf der anderen Seite entdecken und auch nicht zwischen den Menschen, die um die Preise feilschten oder Getreide kauften.
Wahrend Arnau dastand und versuchte, den Jungen ausfindig zu machen, wurde er von der Menge weitergeschoben, die auf den Platz stromte. Er wollte dem Strom entgehen, indem er sich zu den Brotstanden stellte, aber als er mit dem Rucken gegen einen der Tische stie?, erhielt er eine schmerzhafte Kopfnuss.
»Hau ab, du Rotzloffel!«, schrie ihn der Brotverkaufer an.
Arnau verschwand erneut in der larmenden Menschenmenge des Marktes, ohne zu wissen, wohin. Er wurde hin und her geschoben von Leuten, die viel gro?er waren als er und ihn gar nicht bemerkten, weil sie mit Getreidesacken beladen waren.
Arnau war den Tranen nahe, als plotzlich wie aus dem Nichts das verschmitzte, schmutzige Gesicht des Jungen auftauchte, den er durch halb Barcelona verfolgt hatte.
»Was stehst du hier herum?«, fragte der Kleine, wobei er die Stimme erhob, um sich bemerkbar zu machen.
Arnau antwortete nicht. Diesmal klammerte er sich an dem Hemd des Jungen fest und lie? sich uber den ganzen Platz bis in die Calle Boria schleifen. Durch diese gelangten sie in das Viertel der Kesselflicker. In den engen Gassen hallte das Hammern auf Kupfer und Eisen wider. Jetzt rannten sie nicht mehr. Erschopft notigte Arnau, der immer noch den Hemdsarmel des Jungen umklammert hielt, seinen unaufmerksamen und ungeduldigen Fuhrer, seine Schritte zu verlangsamen.
»Hier wohne ich«, sagte der Junge schlie?lich und deutete auf ein kleines, einstockiges Hauschen. Vor der Tur stand ein Tisch mit Kupferkesseln in allen Gro?en, an dem ein dicker Mann arbeitete, der sie keines Blickes wurdigte. »Das war mein Vater«, setzte der Junge hinzu, nachdem sie an dem Haus vorbei waren.
»Warum sind wir nicht …?«, begann Arnau, wahrend er zu dem Haus zuruckblickte.
»Warte ab«, unterbrach ihn der schmutzige Junge.
Sie gingen weiter die Stra?e entlang, um eine Biegung herum, bis sie sich an der Ruckseite der kleinen Hauschen befanden, an der die Garten lagen. Als sie zu dem Garten kamen, der zu dem Haus des Jungen gehorte, schwang sich der Kleine auf die Mauer und forderte Arnau auf, es ihm nachzutun.
»Warum …?«
»Jetzt kletter schon rauf!«, befahl ihm der Junge, rittlings auf der Mauer sitzend.
Die beiden sprangen in den kleinen Garten. Doch dann blieb der Junge stehen und blickte zu einem Anbau am Haus hinuber. Es war ein enger Raum, der zum Garten hin, in einiger Hohe, eine winzige Fensteroffnung besa?. Arnau lie? einige Sekunden verstreichen, doch der Junge ruhrte sich nicht vom Fleck.
»Und jetzt?«, fragte er schlie?lich.
Der Junge wandte sich Arnau zu.
»Was ist?«
Aber der Kleine achtete nicht auf ihn. Arnau blieb wie angewurzelt stehen, wahrend sein Begleiter eine Holzkiste nahm und sie unter das Fensterchen schob. Dann kletterte er hinauf und presste sein Gesicht an die Offnung.
»Mama …«, flusterte er.
Ein blasser Frauenarm erschien und beruhrte muhsam den Rand der Luke; der Ellenbogen blieb auf dem Fenstersims liegen, und die Hand begann, zartlich uber das Haar des Jungen zu streicheln.
»Du bist heute fruher dran, Joanet«, horte Arnau eine sanfte Stimme sagen. »Die Sonne hat noch nicht den hochsten Punkt erreicht.«
