Joanet nickte lediglich mit dem Kopf.

»Ist etwas?«, fragte die Stimme.

Joanet brauchte einige Sekunden, bevor er antwortete. Er zog die Nase hoch und sagte: »Ich bin mit einem Freund gekommen.«

»Ich freue mich, dass du Freunde hast. Wie hei?t er?«

»Arnau.«

Woher wusste er seinen Namen? Naturlich! Er hatte ihm nachspioniert!, dachte Arnau.

»Ist er hier?«

»Ja, Mama.«

»Hallo, Arnau.«

Arnau sah zu dem Fenster hinauf. Joanet drehte sich zu ihm um.

»Guten Tag … Senora«, wisperte er, unsicher, was er zu einer Stimme sagen sollte, die aus einem Fenster kam.

»Wie alt bist du?«, wollte die Frau wissen.

»Acht Jahre … Senora.«

»Zwei Jahre alter als mein Joanet, aber ich hoffe, dass ihr euch gut versteht und immer Freunde bleibt. Es gibt nichts Besseres auf dieser Welt als einen guten Freund. Vergesst das nie!«

Dann sagte die Stimme nichts mehr. Joanets Mutter strich ihrem Jungen weiter ubers Haar, wahrend Arnau beobachtete, wie der Kleine, den Rucken an die Mauer gelehnt, mit baumelnden Beinen auf der Holzkiste sa? und die Liebkosung genoss, ohne sich zu ruhren.

»Geht jetzt spielen«, sagte die Frau plotzlich, wahrend sich die Hand zuruckzog. »Leb wohl, Arnau! Gib gut auf meinen Jungen acht, du bist schlie?lich alter als er.«

Arnau wollte sich verabschieden, brachte aber keinen Ton heraus.

»Bis bald, mein Junge«, sagte die Stimme. »Kommst du mich wieder besuchen?«

»Naturlich, Mama.«

»Dann geht jetzt.«

Die beiden Jungen kehrten in die belebten Stra?en Barcelonas zuruck und liefen ziellos umher. Arnau wartete auf eine Erklarung von Joanet. Als diese ausblieb, wagte er schlie?lich zu fragen: »Warum kommt deine Mutter nicht heraus in den Garten?«

»Sie ist eingesperrt«, antwortete Joanet.

»Warum?«

»Das wei? ich nicht. Ich wei? nur, dass sie eingesperrt ist.«

»Und warum kletterst du nicht durch das Fenster hinein?«

»Ponc hat es mir verboten.«

»Wer ist Ponc?«

»Ponc ist mein Vater.«

»Und warum hat er es dir verboten?«

»Das wei? ich nicht.«

»Warum nennst du ihn Ponc und nicht Vater?«

»Auch das hat er mir verboten.«

Arnau blieb stehen und zog Joanet zu sich, bis dessen Gesicht genau vor seinem war.

»Ich wei? nicht, warum«, kam ihm der Junge zuvor.

Sie gingen weiter. Arnau versuchte, dieses Durcheinander zu verstehen, und Joanet wartete auf die nachste Frage seines neuen Gefahrten.

»Wie ist deine Mutter?«, fragte Arnau schlie?lich.

»Sie war schon immer dort eingesperrt.« Joanet bemuhte sich krampfhaft zu lacheln. »Einmal, als Ponc nicht in der Stadt war, habe ich versucht, mich durch das Fenster zu zwangen, aber sie hat es mir nicht erlaubt. Sie sagte, sie will nicht, dass ich sie sehe.«

»Warum lachelst du?«

Joanet ging einige Meter weiter, bevor er antwortete: »Sie sagt, ich soll immer lacheln.«

Fur den Rest des Vormittags trottete Arnau mit gesenktem Kopf hinter diesem schmutzigen Jungen her, der niemals das Gesicht seiner Mutter gesehen hatte.

»Seine Mutter streichelt ihm durch ein kleines Fenster uber den Kopf«, erzahlte Arnau seinem Vater an diesem Abend im Flusterton, als sie gemeinsam auf der Matratze lagen. »Er hat sie noch nie gesehen. Sein Vater erlaubt es ihm nicht, und sie auch nicht.«

Auch Bernat strich seinem Sohn uber den Kopf, genau wie Arnau es ihm von der Mutter seines neuen Freundes erzahlt hatte. Das Schnarchen der Sklaven und Lehrlinge, mit denen sie den Raum teilten, war in der Stille zu horen, die zwischen ihnen herrschte. Bernat fragte sich, welches Vergehen diese Frau begangen haben mochte, um eine solche Strafe verdient zu haben.

Ponc, der Kupferschmied, hatte ihm die Antwort ohne zu zogern geben konnen: »Ehebruch!«

Вы читаете Die Kathedrale des Meeres
Добавить отзыв
ВСЕ ОТЗЫВЫ О КНИГЕ В ИЗБРАННОЕ

0

Вы можете отметить интересные вам фрагменты текста, которые будут доступны по уникальной ссылке в адресной строке браузера.

Отметить Добавить цитату