hinuberdeutete.
»Wenn ihr wollt, konnen wir euch verraten, wo man hineinkann, ohne dass er es merkt«, sagte ein anderer, »aber dann musst ihr selbst zurechtkommen. Wenn er euch erwischt …«
»Nein, darum geht es uns nicht«, antwortete Arnau. »Kennt ihr noch eine andere Kirche?«
»Man wird euch nirgendwo hineinlassen«, beteuerte ein Dritter.
»Das lasst unsere Sache sein«, entgegnete Joanet.
»Schaut euch den Kleinen an!«, lachte der Alteste von ihnen und kam auf Joanet zu. Er war um einiges gro?er und Arnau hatte Angst um seinen Freund. »Alles, was auf diesem Platz passiert, ist unsere Sache, kapiert?«, sagte er und gab ihm einen Schubs.
Joanet wollte sich gerade auf den alteren Jungen sturzen, als etwas auf der anderen Seite des Platzes ihre Aufmerksamkeit erregte.
»Ein Jude!«, rief einer der Jungs.
Die ganze Bande rannte in Richtung eines Jungen, auf dessen Brust das gelbe Zeichen prangte. Der kleine Jude nahm die Beine in die Hande, als er merkte, was da auf ihn zukam, und erreichte den Eingang zum Judenviertel, bevor die Bande ihn erwischte. Die Jungen blieben wie angewurzelt vor dem Torbogen stehen. Einer von ihnen war allerdings bei Arnau und Joanet stehen geblieben. Er war noch kleiner als Joanet und hatte mit gro?en Augen beobachtet, wie diese gegen den Altesten aufbegehrt hatten.
»Dort druben ist noch eine Kirche, hinter Sant Jaume«, erklarte er ihnen. »Seht zu, dass ihr hier wegkommt.« Er machte eine Kopfbewegung zu der Gruppe, die jetzt zu ihnen zuruckgeschlendert kam. »Pau wird sehr wutend sein und euch dafur bu?en lassen. Er ist immer wutend, wenn ihm ein Jude entwischt.«
Arnau wollte Joanet wegziehen, der herausfordernd auf diesen Pau wartete. Aber als er sah, wie die Jungs plotzlich losliefen, gab Joanet dem Drangen seines Freundes nach.
Sie rannten die Stra?e hinunter in Richtung Meer, aber als sie feststellten, dass Pau und seine Bande ihnen nicht folgten – wahrscheinlich galt ihr Augenmerk eher den Juden, die uber ihren Platz gingen –, verlangsamten sie ihre Schritte. Sie waren kaum eine Stra?e von der Plaza Sant Jaume entfernt, als sie auf eine weitere Kirche stie?en. Sie blieben vor der Treppe stehen und sahen sich an. Joanet deutete auf die Tur.
»Lass uns warten«, sagte Arnau.
In diesem Moment kam eine alte Frau aus der Kirche und stieg langsam die Treppe hinunter. Arnau uberlegte nicht lange.
»Gute Frau«, sagte er, als sie auf der Stra?e stand, »was ist das fur eine Kirche?«
»Sant Miquel«, antwortete die Frau, ohne stehen zu bleiben.
Arnau seufzte. Sant Miquel.
»Wo gibt es hier noch eine Kirche?«, fragte Joanet dazwischen, als er den enttauschten Gesichtsausdruck seines Freundes sah.
»Gleich am Ende dieser Stra?e.«
»Und was ist das fur eine?« Mit seiner erneuten Frage weckte er zum ersten Mal die Aufmerksamkeit der Frau.
»Das ist die Kirche Sant Just i Pastor. Weshalb wollt ihr das so genau wissen?«
Die Jungen gaben keine Antwort und lie?en die alte Frau stehen, die ihnen hinterhersah, wie sie mit gesenkten Kopfen davonschlichen.
»Alles Mannerkirchen!«, entfuhr es Arnau. »Wir mussen eine Frauenkirche finden. Dort ist bestimmt auch die Jungfrau Maria.«
Joanet ging nachdenklich weiter.
»Ich kenne da einen Ort …«, sagte er schlie?lich. »Da sind nur Frauen. Es ist am Ende der Stadtmauer, gleich am Meer. Er hei?t …« Joanet versuchte sich zu erinnern. »Er hei?t Santa Clara.«
»Santa Clara ist nicht die Jungfrau Maria.«
»Aber sie ist eine Frau. Bestimmt ist deine Mutter bei ihr. Oder ist sie mit einem Mann zusammen, der nicht dein Vater ist?«
Sie gingen die Calle de la Ciutat entlang bis zum Portal de la Mar, dem Stadttor am Meer, das sich neben der Festung Regomir in der alten romischen Stadtmauer befand. Von dort fuhrte ein Weg zum Konvent Santa Clara, das den ostlichen Abschluss der neuen Stadtmauer bildete, gleich am Meer. Nachdem sie die Festung Regomir hinter sich gelassen hatten, wandten sie sich nach links und gingen weiter bis zur Calle de la Mar, die von der Plaza del Blat bis zur Kirche Santa Maria del Mar fuhrte und weiter in kleinen, parallel verlaufenden Gasschen auslief, die am Strand mundeten. Von dort gelangte man, wenn man die Plaza del Born und den Pia d'en Llull uberquerte, durch die Calle de Santa Clara zu dem gleichnamigen Kloster.
Trotz des unbedingten Wunsches, die Kirche zu finden, nach der sie suchten, konnte keiner der beiden Jungen dem Impuls widerstehen, an den Standen der Silberschmiede zu verweilen, die sich zu beiden Seiten der Calle de la Mar befanden. Barcelona war eine prosperierende, reiche Stadt, und die zahllosen kostbaren Gegenstande, die an diesen Standen feilgeboten wurden, waren ein guter Beleg dafur: Silbergeschirr, Kruge und Becher aus wertvollen Metallen mit eingearbeiteten Edelsteinen, Ketten, Armbander und Ringe, Gurtel, eine schier endlose Menge von Kunstwerken, die in der Sommersonne funkelten und auf die Arnau und Joanet einen Blick zu erhaschen versuchten, bevor der Goldschmied sie zum Weitergehen notigte.
Wahrend sie vor dem Lehrling eines der Silberschmiede Rei?aus nahmen, gelangten sie zur Plaza de Santa Maria. Zu ihrer Rechten lag ein kleiner Friedhof, der
»Nach Santa Clara mussen wir dort entlang …«, begann Joanet, doch dann verstummte er. Das hier war beeindruckend!
»Wie sie das wohl gemacht haben?«, fragte sich Arnau, wahrend er mit offenem Mund dastand.
