Vor ihnen erhob sich eine machtige, trutzige Kirche, streng, abweisend, gedrungen, ohne Fenster und mit au?ergewohnlich dicken Mauern. Rund um den Kirchenbau hatte man das Gelande geraumt und eingeebnet. Uberall waren Pflocke in den Boden geschlagen, die durch Seile miteinander verbunden waren und geometrische Figuren bildeten.

Rings um die Apsis der kleinen Kirche erhoben sich zehn schlanke Saulen von sechzehn Metern Hohe, deren wei?er Stein unter den Gerusten hervorstrahlte, von denen sie umgeben waren.

Die holzernen Geruste, die am hinteren Teil der Kirche angebracht waren, wuchsen wie riesige Treppen nach oben. Selbst aus der Ferne musste Arnau den Kopf in den Nacken legen, um das Ende der Geruste zu sehen, das weit oberhalb der Saulen lag.

»Gehen wir weiter«, drangte Joanet, als er lange genug das gefahrliche Hin und Her der Arbeiter auf den Gerusten beobachtet hatte. »Das ist bestimmt wieder eine Kathedrale.«

»Es ist keine Kathedrale«, horten sie eine Stimme hinter sich. Arnau und Joanet blickten sich an und lachelten. Dann drehten sie sich um und sahen den kraftigen, schwitzenden Mann, der einen riesigen Steinquader auf dem Rucken trug, fragend an. Was ist es dann?, schien Joanet mit seinem Lacheln sagen zu wollen.

»Die Kathedrale wird von den Adligen und der Stadt finanziert. Diese Kirche hingegen, die noch viel bedeutender und schoner sein wird als die Kathedrale, wird vom Volk bezahlt und gebaut.«

Der Mann war nicht einmal stehen geblieben. Das Gewicht des Steins schien ihn vorwarts zu treiben. Aber er hatte ihnen zugelachelt.

Die beiden Jungen folgten ihm bis zur Seitenmauer der Kirche, an die ein weiterer Friedhof grenzte, der Fossar Menor.

»Konnen wir Euch helfen?«, fragte Arnau.

Der Mann schnaufte, bevor er sich umwandte und erneut lachelte.

»Vielen Dank, mein Junge, aber besser nicht.«

Schlie?lich buckte er sich und wuchtete den Stein auf den Boden. Die Jungen blickten sich an und Joanet trat naher heran. Er versuchte, den Stein zu bewegen, doch es gelang ihm nicht. Der Mann brach in schallendes Lachen aus, das Joanet mit einem Lacheln beantwortete.

»Wenn es keine Kathedrale ist, was ist es dann?«, fragte Arnau, wobei er auf die achteckigen Saulen deutete.

»Das hier ist die neue Kirche, die das Ribera-Viertel in Dankbarkeit und Verehrung fur unsere Schutzpatronin, die Jungfrau, erbaut …«

Arnau zuckte zusammen. »Die Jungfrau Maria?«, unterbrach er ihn mit weit aufgerissenen Augen.

»Naturlich, mein Junge«, antwortete der Mann und fuhr ihm ubers Haar. »Die Jungfrau Maria, Schutzpatronin des Meeres.«

»Und … und wo ist die Jungfrau Maria?«, fragte Arnau weiter und sah zur Kirche heruber.

»Dort druben in der kleinen Kirche. Aber wenn dieser Bau fertig ist, wird sie das gro?te Gotteshaus ihr Eigen nennen, das sie je besa?.«

Dort drinnen! Arnau horte nicht mehr langer zu. Dort drinnen war seine Jungfrau. Plotzlich war ein Rauschen zu horen und alle blickten nach oben: Ein Schwarm Vogel war vom obersten Gerust aufgeflogen.

9

Das Stadtviertel Ribera de Mar, wo die Kirche zu Ehren der Jungfrau Maria erbaut wurde, war aus einer Vorstadt des karolingischen, von den alten romischen Stadtmauern umgebenen Barcelonas hervorgegangen. In seinen Anfangen war es ein einfaches Viertel der Fischer, Stauer und anderer einfacher Leute gewesen. Schon damals gab es dort ein kleines Gotteshaus, Santa Maria de las Arenas, ›Die Heilige Jungfrau vom Sande‹, errichtet an jener Stelle, wo angeblich die heilige Eulalia im Jahre 303 den Martyrertod erlitten hatte. Die kleine Kirche Santa Maria de las Arenas erhielt diesen Namen, weil sie direkt auf dem Sandstrand von Barcelona erbaut wurde, doch durch die Sedimentablagerungen, die auch die Hafen unbrauchbar gemacht hatten, die Barcelona fruher einmal besa?, hatte sich die Kustenlinie immer weiter von der Kirche entfernt, bis schlie?lich ihr ursprunglicher Name verlorenging. Seit damals hie? sie Santa Maria del Mar, denn auch wenn die Entfernung zum Ufer gro?er geworden war, anderte dies nichts an der Verehrung all jener Manner, die vom Meer lebten.

Im Laufe der Zeit war auch die Stadt gezwungen gewesen, nach neuem Terrain vor den Toren zu suchen, um Platz fur das aufstrebende Burgertum Barcelonas zu schaffen, fur das der romische Stadtkern zu klein geworden war. Unter den drei moglichen Himmelsrichtungen entschied sich die Burgerschaft fur den ostlichen Bereich, wo der Verkehr vom Hafen in die Stadt stromte. Dort, in der Calle de la Mar, lie?en sich die Silberschmiede nieder. Die ubrigen Stra?en erhielten ihre Namen von den Geldwechslern, Tuchhandlern, Metzgern und Backern, Wein- und Kasehandlern, Hutmachern, Waffenschmieden und einer Vielzahl anderer Handwerker. Es gab au?erdem einen Handelshof, wo die auswartigen Handler abstiegen, die in der Stadt weilten, und hinter der Kirche Santa Maria wurde die Plaza del Born gebaut, auf der Wettkampfe und Turniere stattfanden. Doch das neue Viertel am Ufer zog nicht nur reiche Handwerker an; auch viele Adlige zogen im Gefolge des Seneschalls Guillem Ramon de Monteada dorthin, dem der Graf von Barcelona, Ramon Berenguer IV. das Bauland fur jene Stra?e uberlassen hatte, die dann seinen Namen trug. Diese Calle Monteada mit ihren machtigen, luxuriosen Palasten mundete in die Plaza del Born, neben der Kirche Santa Maria del Mar.

Nachdem sich Ribera de la Mar zu einem wohlhabenden Viertel gemausert hatte, wurde die alte romanische Kirche, in der die Fischer und Seeleute ihre Schutzpatronin verehrten, zu klein und zu armlich fur die aufstrebenden und reichen Glaubigen. Doch die finanziellen Zuwendungen der Barceloneser Kirche und des Konigs flossen ausschlie?lich in den Wiederaufbau der Kathedrale der Stadt.

Die Glaubigen von Santa Maria del Mar, Reich und Arm in ihrer Verehrung der Jungfrau geeint, lie?en sich jedoch von der mangelnden Unterstutzung nicht entmutigen. Im Gefolge des kurzlich zum Erzdiakon von Santa Maria del Mar ernannten Bernat Llull erbaten sie von der kirchlichen Obrigkeit die Erlaubnis, ein Bauwerk zu errichten, welches das gro?te Monument zu Ehren der Jungfrau Maria sein sollte. Und sie bekamen sie.

So wurde mit dem Bau von Santa Maria del Mar begonnen, errichtet vom Volk fur das Volk. Davon kundete der Grundstein des Bauwerks, der genau dort gelegt wurde, wo spater der Hauptaltar stehen sollte. Anders als bei Bauwerken, die von der Obrigkeit unterstutzt wurden, war in ihn lediglich das Wappen der Pfarrei eingemei?elt als Zeichen dafur, dass dieser Bau mit all seinen Rechten einzig und allein den Glaubigen gehorte, die ihn errichtet

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