hatten – die Reichen mit ihrem Geld, die einfachen Leute mit ihrer Arbeit.
Arnau betrachtete den Mann mit dem Steinquader. Noch immer schwitzend und keuchend, sah er lachelnd zu dem Bau hinuber.
»Kann man sie sehen?«, fragte Arnau.
»Die Jungfrau?«, fragte der Mann zuruck, wahrend er nun den Jungen anlachelte.
Und wenn Kinder nicht alleine in die Kirchen durften?, fragte sich Arnau. Was, wenn sie in Begleitung ihrer Eltern sein mussten? Wie hatte der Pfarrer von Sant Jaume noch einmal zu ihnen gesagt?
»Naturlich. Die Jungfrau wird sich freuen, Besuch von solchen Jungs wie euch zu bekommen.«
Arnau lachte nervos. Dann sah er Joanet an.
»Gehen wir?«, fragte er.
»He! Einen Moment!«, sagte der Mann zu ihnen. »Ich muss wieder an die Arbeit.« Er sah zu den Steinmetzen hinuber, die den Steinquader bearbeiteten. »Angel!«, rief er einem etwa zwolfjahrigen Knaben zu, der rasch zu ihnen gelaufen kam. »Begleite diese beiden Jungs in die Kirche! Sag dem Pfarrer, dass sie die Jungfrau sehen mochten!«
Dann verschwand der Mann in Richtung Meer. Arnau und Joanet blieben mit Angel zuruck, aber als der Junge sie anschaute, blickten beide zu Boden.
»Ihr wollt die Jungfrau sehen?«
Seine Stimme klang ehrlich. Arnau nickte und fragte: »Kennst du sie?«
»Na klar«, lachte Angel. »Sie ist die Schutzpatronin des Meeres. Mein Vater ist Seemann«, setzte er stolz hinzu. »Kommt.«
Die beiden folgten ihm zum Eingang der Kirche, Joanet mit weit aufgerissenen Augen, Arnau mit gesenktem Kopf.
»Hast du eine Mutter?«, fragte er plotzlich.
»Ja, naturlich«, antwortete Angel, wahrend er weiter vor ihnen herging.
Sie traten durch das Portal von Santa Maria. Arnau und Joanet blieben stehen, bis sich ihre Augen an die Dunkelheit gewohnt hatten. Es roch nach Wachs und Weihrauch. Arnau verglich die hohen, schlanken Saulen, die drau?en standen, mit denen im Inneren der Kirche. Diese waren niedrig, dick und viereckig. Das einzige Licht kam durch ein paar schmale, langliche Fenster im dicken Mauerwerk und warf hier und dort gelbliche Rechtecke auf den Boden. An der Decke, an den Wanden, uberall hingen und standen Schiffe, die einen sorgfaltig gearbeitet, andere etwas grober geschnitzt.
»Kommt weiter«, raunte Angel ihnen zu.
Wahrend sie zum Altar gingen, deutete Joanet auf einige Gestalten, die auf dem Fu?boden knieten. Sie hatten sie nicht sofort bemerkt. Als sie an ihnen voruberkamen, staunten die Jungen uber die gemurmelten Gebete.
»Was tun sie da?«, flusterte Joanet Arnau ins Ohr.
»Sie beten«, antwortete dieser.
Wenn Guiamona mit seinen Cousins aus der Kirche zuruckgekommen war, hatte sie ihn immer in seinem Schlafzimmer vor einem Kreuz niederknien lassen und ihn zum Beten angehalten.
Als sie schlie?lich vor dem Altar standen, kam ein schlanker Priester auf sie zu. Joanet versteckte sich hinter Arnau.
»Was fuhrt dich hierher, Angel?«, fragte der Mann mit leiser Stimme, sah dabei jedoch die beiden Jungen an.
Der Priester hielt Angel seine Hand hin und dieser kniete nieder.
»Diese beiden Jungen, Pater. Sie mochten die Jungfrau sehen.«
Die Augen des Priesters glanzten im Dunkeln, als er sich an Arnau wandte.
»Dort ist sie«, sagte er und deutete zum Altar.
Arnau sah in die Richtung, in die der Priester wies, bis er eine kleine, schlichte Frauenfigur aus Stein entdeckte. Auf ihrer rechten Schulter sa? ein Kind und zu ihren Fu?en befand sich ein Schiff. Er blickte zu ihr auf. Die Frau hatte ein gutiges Gesicht. Seine Mutter!
»Wie hei?t ihr?«, wollte der Priester wissen.
»Arnau Estanyol«, antwortete der eine.
»Joan, aber ich werde Joanet genannt«, erklarte der andere.
»Und der Nachname?«
Das Lacheln verschwand von Joanets Gesicht. Seine Mutter hatte ihm gesagt, dass er nicht den Nachnamen von Ponc, dem Kesselschmied, verwenden solle, da dieser sehr ungehalten sein wurde, wenn er davon erfuhr. Ihren Namen sollte er allerdings auch nicht verwenden. Bislang war er nie in die Verlegenheit gekommen, jemandem seinen Nachnamen nennen zu mussen. Weshalb wollte ihn jetzt dieser Priester wissen?
»Genau wie er«, sagte er schlie?lich. »Estanyol.«
Arnau wandte sich zu ihm um und sah das Flehen in den Augen seines Freundes.
»Dann seid ihr also Bruder.«
»J … ja«, stotterte Joanet, als er Arnaus stillschweigendes Einverstandnis bemerkte.
»Wisst ihr, wie man betet?«
