Er hatte es Dutzende Male erzahlt, jedem, der es horen wollte.

»Ich habe sie dabei ertappt, wie sie es mit ihrem Liebhaber trieb, einem jungen Burschen in ihrem Alter. Sie nutzten die Stunden aus, die ich in der Schmiede arbeitete. Ich ging naturlich zum Stadtrichter, um die gerechte Wiedergutmachung einzufordern, die unsere Gesetze vorschreiben.«

Und der kraftige Kupferschmied machte sich sogleich daran, von dem Gesetz zu erzahlen, das dazu beigetragen hatte, Gerechtigkeit walten zu lassen.

»Unsere Oberen sind kluge Manner, sie wissen um die Ruchlosigkeit des Weibes. Nur adlige Damen konnen sich durch einen Eid von der Anklage des Ehebruchs freisprechen. Die Ubrigen, wie meine Joana, mussen ihre Unschuld in einem Duell unter Beweis stellen und werden einem Gottesurteil unterworfen.«

Diejenigen, die bei dem Duell dabei gewesen waren, erinnerten sich daran, wie Ponc Joanas jugendlichen Liebhaber in Stucke zerrissen hatte. Gott hatte nur wenig zwischen dem von der Arbeit in der Schmiede gestahlten Kesselmacher und dem zarten, liebestrunkenen Jungling auszurichten vermocht.

Das konigliche Urteil wurde gema? den ortlichen Gesetzen gesprochen: »Gewinnt die Frau, soll ihr Gatte sie in Ehren wieder aufnehmen und fur samtliche Ausgaben aufkommen, welche die Frau oder ihre Freunde in dieser Sache gehabt haben mogen, sowie fur mogliche Verletzungen des Duellanten. Sollte sie indes verlieren, werde sie selbst mitsamt ihrem ganzen Besitz an ihren Mann ubergeben.« Ponc konnte nicht lesen, aber er betete den Inhalt des Urteils aus dem Gedachtnis herunter, wahrend er jedem, der es sehen wollte, das Dokument zeigte:

»Hiermit verfugen wir, dass Ponc, sollte er wollen, dass ihm Joana ubergeben wird, eine angemessene Kaution zu leisten und die Versicherung zu geben hat, dass er sie bei sich zu Hause in einem Raum von zwolf Spannen Lange, sechs Spannen Breite und zwei Stockbreit Hohe unterbringt. Er verpflichtet sich, ihr ausreichend Stroh zu geben, um darauf zu schlafen, und eine Decke, um sich darunter zu warmen. Er muss ein Loch ausheben, damit sie ihre Notdurft verrichten kann, und ein Fenster brechen, durch welches Joana ihre Verpflegung erhalt. Ponc ist gehalten, ihr taglich zwolf Unzen durchgebackenes Brot zu geben, des Weiteren so viel Wasser, wie sie verlangt. Es ist ihm verboten, ihr etwas zu reichen, das ihren Tod beschleunigt, oder etwas zu tun, das besagte Joana toten konnte. Aus all diesen Grunden muss Ponc eine angemessene Kaution und Versicherung abgeben, bevor man ihm Joana ubergibt.«

Ponc brachte die Kaution, die der Stadtrichter von ihm verlangte, und dieser ubergab ihm Joana. Der Kupferschmied errichtete in seinem Garten einen Raum von zweieinhalb Metern auf einen Meter zwanzig, hob eine Grube aus, damit die Frau ihre Notdurft verrichten konnte, brach das Fenster in die Wand, durch das sich Joanet, der neun Monate nach dem Urteil zur Welt kam und nie von Ponc anerkannt wurde, uber den Kopf streicheln lie?, und mauerte seine junge Frau ein.

»Vater«, flusterte Arnau Bernat zu, »wie war meine Mutter? Weshalb habt Ihr mir nie von ihr erzahlt?«

Was soll ich ihm sagen? Dass sie ihre Jungfraulichkeit unter den Sto?en eines betrunkenen Adligen verlor? Dass aus ihr die offentliche Frau auf der Burg des Herrn von Bellera wurde?, fragte sich Bernat.

»Deiner Mutter«, antwortete er, »war kein Gluck beschieden. Sie war eine bedauernswerte Person.«

Bernat horte, wie Arnau die Nase hochzog, bevor er weitersprach.

»Hat sie mich geliebt?«, fragte der Junge mit belegter Stimme.

»Sie hatte keine Gelegenheit dazu. Sie starb bei deiner Geburt.«

»Habiba hat mich geliebt.«

»Ich liebe dich auch.«

»Aber Ihr seid nicht meine Mutter. Selbst Joanet hat eine Mutter, die ihm ubers Haar streicht.«

»Nicht alle Kinder haben eine …«, wollte er ihn korrigieren.

Die Mutter aller Christen! Die Worte der Priester kamen ihm wieder in den Sinn.

»Was sagtet Ihr, Vater?«

»Doch, du hast eine Mutter. Naturlich hast du eine Mutter.« Bernat bemerkte, wie sein Sohn ruhig wurde. »Kindern wie dir, die keine Mutter haben, schenkt Gott eine neue Mutter: die Jungfrau Maria.«

»Wo ist diese Maria?«

»Die Jungfrau Maria«, korrigierte er ihn. »Und sie ist im Himmel.«

Arnau schwieg eine Weile, bevor er erneut nachhakte. »Und was hat man von einer Mutter, die im Himmel ist? Sie wird mich nicht streicheln, nicht mit mir spielen, mich nicht kussen, nicht …«

»Doch, das wird sie.« Bernat erinnerte sich klar und deutlich an die Erklarungen seines Vaters, die dieser ihm gegeben hatte, als er selbst die gleichen Fragen stellte. »Sie schickt die Vogel, damit sie dich streicheln. Wenn du einen Vogel siehst, dann gib ihm eine Botschaft an deine Mutter mit. Du wirst sehen, dass er in den Himmel fliegt, um sie der Jungfrau Maria zu uberbringen. Dann geben sie die Nachricht einer an den anderen weiter, und einer von ihnen wird kommen, um frohlich zwitschernd um dich herumzuflattern.«

»Aber ich verstehe die Vogelsprache nicht.«

»Du wirst lernen, sie zu verstehen.«

»Aber ich werde sie nie sehen konnen …«

»Doch, du kannst sie sehen. Du kannst sie in einigen Kirchen sehen und du kannst sogar mit ihr sprechen.«

»In den Kirchen?«

»Ja, mein Sohn. Sie ist im Himmel und in einigen Kirchen, und du kannst durch die Vogel mit ihr sprechen oder in diesen Kirchen. Sie wird dir durch die Vogel antworten oder nachts, wenn du schlafst, und sie wird dich mehr lieben und verwohnen als jede Mutter, die du sehen kannst.«

»Mehr als Habiba?«

»Viel mehr.«

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