Joanets unwilliges Gesicht uberraschte ihn. Der Junge hatte sich an die Intimitat der kleinen Kirche gewohnt, an ihren Geruch, die Dunkelheit, die Geborgenheit, die er fand, wenn er dort betete.

»Liebst du die Jungfrau vom Meer?«, fragte ihn Berenguer.

Joanet sah Arnau an und beide nickten einhellig.

»Nun, wenn ihre neue Kirche fertig ist, wird diese Jungfrau, die ihr so sehr liebt, mehr Licht haben als jede andere Madonna auf der Welt. Sie wird nicht mehr im Dunkeln sein wie jetzt, und sie wird die schonste Kirche ihr Eigen nennen, die man sich nur vorstellen kann. Nicht mehr dicke, niedrige Mauern werden sie umgeben, sondern hohe, lichte Wande mit Pfeilern und Fenstern, die bis in den Himmel hinaufreichen.«

Alle schauten gen Himmel.

»Ja«, fuhr Berenguer de Montagut fort, »die neue Kirche der Jungfrau vom Meer wird bis in den Himmel reichen.«

Dann schritt er gemeinsam mit seinen Begleitern auf Santa Maria zu. Die Kinder und Pater Albert blieben zuruck und sahen ihnen nach.

»Pater«, fragte Arnau schlie?lich, als die Besucher au?er Horweite waren, »was geschieht denn mit der Jungfrau, wenn die kleine Kirche abgebrochen wird, die neue aber noch nicht fertiggestellt ist?«

»Siehst du die Strebepfeiler dort druben?«, antwortete der Pfarrer und deutete auf zwei der Pfeiler, die sich im Bau befanden, um den Umgang hinter dem Hauptaltar zu schlie?en. »Zwischen diesen beiden Pfeilern wird die Hauptkapelle errichtet, die Sakramentskapelle. Dort wird man die Jungfrau vorlaufig unterbringen, neben dem Leib Christi und den Gebeinen der heiligen Eulalia, damit sie keinen Schaden nimmt.«

»Und wer wird sie bewachen?«

»Keine Sorge«, antwortete der Priester, nun mit einem Lacheln auf den Lippen, »die Jungfrau wird gut bewacht sein. Die Sakramentskapelle gehort der Bruderschaft der Bastaixos. Sie besitzen den Schlussel und werden deine Jungfrau bewachen.«

Arnau und Joanet kannten die Bastaixos inzwischen. Angel hatte ihnen ihre Namen genannt, wenn sie, einer hinter dem anderen, mit ihren riesigen Steinen beladen ankamen. Da war Ramon, den sie als Ersten kennengelernt hatten. Guillem, hart wie der Stein, den er auf seinem Rucken trug, von der Sonne gegerbt, das Gesicht von einem Unfall schrecklich entstellt, aber sanft und freundlich im Umgang. Ein weiterer Ramon, ›der Kleine‹ genannt, weil er kleiner war als der erste Ramon und von gedrungener Gestalt. Miquel, ein sehniger Mann, dem man gar nicht zutraute, dem Gewicht seiner Last standzuhalten, doch er schaffte es, indem er alle Sehnen seines Korpers anspannte, bis es aussah, als konnten sie jeden Augenblick rei?en. Sebastia, der Schweigsamste unter ihnen, und sein Sohn Bastianet. Pere, Jaume und so viele andere Namen, die jenen Arbeitern aus dem Ribera-Viertel gehorten, die es sich zur Aufgabe gemacht hatten, die Tausende von Steinen, die fur den Bau der Kirche benotigt wurden, vom koniglichen Steinbruch La Roca nach Santa Maria del Mar zu schleppen.

Arnau dachte an die Bastaixos, daran, wie sie zu der Kirche hinubersahen, wenn sie, unter ihrer Last gebeugt, in Santa Maria ankamen. Wie sie lachelten, nachdem sie die Steine abgeladen hatten. Wie stark ihre Schultern waren. Er war sich sicher, dass sie seine Jungfrau gut beschutzen wurden.

Keine Woche spater wurde in die Tat umgesetzt, was Berenguer de Montagut angekundigt hatte.

»Kommt morgen bei Tagesanbruch«, riet ihnen Angel, »wir ziehen den Schlussstein hoch.«

Und die Jungen waren da. Sie liefen hinter den Handwerkern herum, die sich allesamt vor den Gerusten versammelt hatten. Es waren uber hundert Personen: Arbeiter, Bastaixos und sogar Priester. Pater Albert hatte seinen Habit abgelegt und war gekleidet wie alle anderen. Um die Huften trug er eine Scharpe aus festem rotem Stoff.

Arnau und Joanet mischten sich unter die Menge, wobei sie den einen oder anderen freundlich gru?ten.

»Kinder«, sagte einer der Maurermeister zu ihnen, »wenn wir anfangen, den Schlussstein hochzuziehen, will ich euch hier nicht mehr sehen.«

Die beiden nickten.

»Und wo ist der Schlussstein?«, fragte Joanet und sah zu dem Meister auf.

Sie liefen zu der Stelle, die der Mann ihnen zeigte, vor dem ersten Gerust, dem niedrigsten von allen.

»Gutige Jungfrau!«, riefen sie wie aus einer Kehle, als sie vor dem gro?en, runden Stein standen.

Auch viele der Manner betrachteten den Stein, doch sie schwiegen. Sie wussten, dass dies ein wichtiger Tag war.

»Er wiegt uber sechstausend Kilo«, sagte jemand zu ihnen.

Joanet sah mit tellergro?en Augen zu Ramon hinuber, dem Bastaix, den er neben dem Stein entdeckt hatte.

»Nein«, erriet dieser seine Gedanken, »den haben wir nicht hergeschleppt.«

Die Bemerkung wurde mit nervosem Gelachter quittiert, das jedoch rasch wieder verstummte. Arnau und Joanet sahen, wie die Manner einer nach dem anderen vorbeikamen, den Stein betrachteten und dann zu den Gerusten hinaufblickten. Sie mussten uber sechstausend Kilo mithilfe von Seilen auf eine Hohe von drei?ig Metern hinaufziehen!

»Wenn etwas schiefgeht …«, horten sie einen von ihnen sagen, wahrend er sich bekreuzigte.

»… wird er uns unter sich begraben«, brachte ein anderer den Satz zu Ende und biss sich auf die Lippen.

Niemand stand still. Sogar Pater Albert in seiner ungewohnten Kleidung lief unruhig zwischen den Mannern umher, klopfte ihnen aufmunternd auf die Schultern und nahm sich Zeit fur ein paar kurze Worte. Zwischen den Leuten und den Gerusten erhob sich die alte Kirche. Viele sahen zu ihr heruber. Barceloneser Burger begannen sich in einiger Entfernung von der Baustelle zu versammeln.

Schlie?lich erschien Berenguer de Montagut. Noch bevor ihn jemand gru?en konnte, schwang er sich auf das unterste Gerust und wandte sich an die versammelte Menge. Wahrend er sprach, befestigten einige Maurer einen gro?en Seilzug an dem Stein.

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