Plotzlich war keine Spannung mehr auf den Seilen. Schweigend sahen alle nach oben, wo Berenguer de Montagut sich buckte, um die Lage des Schlusssteins zu prufen. Er ging um den Stein herum, der zwei Meter im Durchmesser ma?, dann richtete er sich auf und winkte nach unten.

An die Mauer der alten Kirche gelehnt, glaubten Arnau und Joanet den Widerhall des Jubelgeschreis zu spuren, der aus den Kehlen der Manner kam, die seit Stunden an den Seilen gezogen hatten. Einige umarmten sich und vollfuhrten Luftsprunge vor Freude. Die Hunderte von Zuschauern, die das Schauspiel verfolgt hatten, johlten und applaudierten. Arnau hatte einen Klo? im Hals und eine Gansehaut.

»Ich ware so gerne schon alter«, flusterte Arnau an diesem Abend seinem Vater zu, als sie nebeneinander auf dem Strohsack lagen. Ringsum war das Husten und Schnarchen der Sklaven und Lehrlinge zu horen.

Bernat versuchte zu ergrunden, woher dieser Wunsch ruhrte. Arnau war gluckstrahlend nach Hause gekommen und hatte tausendmal erzahlt, wie sie den Schlussstein der Apsis von Santa Maria an seinen Platz gebracht hatten. Selbst Jaume hatte gebannt zugehort.

»Warum denn das, mein Junge?«

»Alle haben eine Aufgabe. In Santa Maria sind viele Jungen, die ihren Vatern oder Lehrmeistern zur Hand gehen. Joanet und ich hingegen …«

Bernat legte den Arm um die Schultern des Jungen und zog ihn an sich. Tatsachlich lungerte Arnau jeden Tag dort herum, au?er wenn man ihm hin und wieder einen Auftrag erteilte. Was also konnte er Sinnvolles tun?

»Du magst doch die Bastaixos, nicht wahr?«

Bernat hatte die Begeisterung bemerkt, mit der sein Sohn ihm von diesen Mannern erzahlte, die die Steine zur Kirche schleppten. Die Jungen folgten ihnen bis vor die Tore der Stadt, um dort auf sie zu warten und dann mit ihnen am Strand entlang zuruckzugehen, von Framenors bis zur Kirche Santa Maria.

»Ja«, antwortete Arnau, wahrend sein Vater etwas unter der Matratze hervorholte.

»Hier, nimm«, sagte er und uberreichte ihm den alten Wasserschlauch, der sie auf ihrer Flucht begleitet hatte. »Biete ihnen kuhles Wasser an. Du wirst sehen, sie werden es nicht zuruckweisen und dir dankbar dafur sein.«

Am nachsten Morgen wartete Joanet wie immer in aller Fruhe vor Graus Werkstatt auf ihn. Arnau zeigte ihm den Schlauch. Dann hangte er ihn sich um den Hals und sie liefen zum Strand hinunter, zum Angel-Brunnen am Markt Los Encantes. Es war der einzige Brunnen, der am Weg der Bastaixos lag. Der nachste befand sich bereits bei der Kirche Santa Maria.

Als die Jungen die Schlange der Bastaixos, die gebuckt unter der Last der Steine liefen, langsam herannahen sahen, kletterten sie auf eines der Boote, das am Strand lag. Arnau hielt dem ersten Bastaix den Schlauch hin. Der Mann lachelte und blieb neben dem Boot stehen, damit ihm Arnau einen Strahl Wasser direkt in den Mund spritzen konnte. Die ubrigen warteten, bis er mit dem Trinken fertig war, dann kam der Nachste an die Reihe. Auf dem Ruckweg zum Steinbruch, von ihrer Last befreit, hielten die Bastaixos bei dem Boot an, um ihnen fur das kuhle Wasser zu danken.

Von diesem Tag an wurden Arnau und Joanet die Wassertrager der Bastaixos. Sie warteten neben dem Angel-Brunnen auf sie, und wenn ein Schiff zu entladen war und die Bastaixos nicht in Santa Maria arbeiteten, folgten sie ihnen durch die Stadt, um ihnen Wasser zu geben, ohne dass sie die schweren Bundel abladen mussten, die sie auf dem Rucken trugen.

Sie gingen auch weiterhin nach Santa Maria, um die Bauarbeiten zu verfolgen, mit Pater Albert zu sprechen und Angel beim Essen zuzusehen. Wer sie sah, konnte einen neuen Glanz in ihren Augen entdecken, wenn sie die Kirche betrachteten. Auch sie trugen nun zu ihrem Bau bei! So hatten es ihnen die Bastaixos und sogar Pater Albert gesagt.

Wahrend der Schlussstein oben auf dem Gerust thronte, konnten die Jungen beobachten, wie von den zehn Pfeilern die Rippen emporzuwachsen begannen. Die Maurer reihten auf den Bogengerusten einen Stein an den anderen, immer naher auf den Schlussstein zu. Um die ersten acht Pfeiler herum waren bereits die Mauern des Chorumgangs errichtet worden. Die Strebepfeiler ragten nach innen, ins Innere der Kirche. Zwischen zweien dieser Strebepfeiler, so hatte ihnen Pater Albert erzahlt, sollte sich die Sakramentskapelle befinden, die Kapelle der Bastaixos, wo die Jungfrau ihren Platz finden wurde.

»Wisst ihr, woraus das Deckengewolbe bestehen wird?«, fragte der Pfarrer sie. Die Jungen schuttelten die Kopfe. »Aus allen zersprungenen Keramikgefa?en der Stadt. Zuerst werden Quader angebracht und darauf eine Schicht aus samtlichen Keramikscherben, eine auf der anderen. Daruber erst kommt das Kirchendach.«

Arnau hatte die ganzen Gefa?e auf einem Haufen neben den Steinen fur Santa Maria liegen sehen. Er hatte seinen Vater gefragt, warum sie dort lagen, doch Bernat hatte keine Antwort gewusst.

»Ich wei? nur«, erklarte er, »dass alle zerbrochenen Stucke gesammelt werden, bis sie abgeholt werden. Ich wusste nicht, dass sie fur deine Kirche bestimmt sind.«

So nahm die neue Kirche hinter der Apsis der alten Kirche Gestalt an. Man hatte bereits damit begonnen, diese vorsichtig abzubrechen, um die Steine wieder verwenden zu konnen. Das Ribera-Viertel sollte nicht auf eine Kirche verzichten mussen, auch nicht in der Zeit, wahrend die neue, wunderbare Marienkirche entstand. Die Gottesdienste gingen unverandert weiter. Dennoch war es ein sonderbares Gefuhl. Wie alle anderen betrat Arnau die Kirche durch das trichterformige Portal des kleinen romanischen Baus. Im Inneren war die Dunkelheit, in die er sich immer gefluchtet hatte, um mit seiner Jungfrau zu sprechen, dem Licht gewichen, das durch die gro?en Fenster der neuen Apsis flutete. Die alte Kirche glich einem kleinen Raum, der von der Gro?artigkeit eines weiteren, gro?eren Raums umgeben war, ein Raum, der immer weiter verschwand, je weiter der Bau des zweiten voranschritt. Ein winziger Raum, an dessen Ende sich die hohe, bereits uberwolbte Apsis von Santa Maria del Mar offnete.

11

Doch Arnaus Leben beschrankte sich nicht auf Santa Maria und darauf, den Bastaixos zu trinken zu geben. Zu seinen Aufgaben, mit denen er sich Kost und Logis verdiente, gehorte es unter anderem, der Kochin zu helfen, wenn diese in der Stadt ihre Einkaufe erledigte.

Alle zwei oder drei Tage verlie? Arnau bei Tagesanbruch Graus Werkstatt, um Estranya, die Sklavin, zu begleiten. Sie ging mit schwankenden, unsicheren Schritten, wobei ihre uppigen Fleischmassen bedenklich wogten. Sobald Arnau in der Kuchentur erschien, uberreichte ihm die Sklavin wortlos zwei Korbe mit Brotlaiben, die er zum Backhaus in der Calle Ollers Blanc bringen sollte. In dem einen befanden sich die Brotlaibe fur Grau und seine Familie. Sie waren aus hellem Weizenmehl geformt und wurden ein kostliches Wei?brot ergeben. In dem anderen waren die Brote fur die ubrigen Haushaltsmitglieder. Diese Brote waren aus Gerste, Hirse oder gar

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