»Wie ihr seht«, rief Berenguer de Montagut, »wurden oben am Gerust mehrere Flaschenzuge angebracht, mit denen wir den Schlussstein nach oben ziehen. Die Seilzuge dort oben, wie auch jener, der den Stein halt, bestehen aus drei Laufradern hintereinander, die wiederum jeweils aus drei Blockrollen bestehen. Wie ihr wisst, benutzen wir keine Winden, da wir den Stein jederzeit auch seitlich bewegen konnen mussen. Uber die Rollen laufen drei Trossen, sie werden nach oben gefuhrt und dann wieder auf den Boden.« Hundert Kopfe folgten dem Lauf der Seile, den der Baumeister beschrieb. »Ich mochte, dass ihr euch hier um mich herum in drei Gruppen aufteilt.«
Die Maurermeister begannen, die Manner einzuteilen. Arnau und Joanet schlichen zu der ruckwartigen Fassade der alten Kirche und verfolgten von dort aus, an die Mauer gelehnt, die Vorbereitungen. Als Berenguer sah, dass sich die drei Gruppen formiert hatten, sprach er weiter: »Jede der drei Gruppen wird an einem der Seile ziehen. Ihr«, setzte er, an eine der Gruppen gewandt, hinzu, »seid Santa Maria. Sprecht mir nach: Santa Maria!« Die Manner riefen Santa Maria. »Ihr seid Santa Clara.« Die zweite Gruppe rief im Chor den Namen Santa Clara. »Und ihr seid Santa Eulalia. Ich werde euch mit diesen Namen ansprechen. Wenn ich sage: ›Alle zusammen!‹, dann meine ich alle drei Gruppen. Ihr musst gerade ziehen, so wie man euch aufstellt. Orientiert euch an eurem Vordermann und achtet auf die Befehle des Meisters, der die Gruppe leitet. Jetzt stellt euch in Reihen auf!«
Jede Gruppe hatte einen Meister, der die Manner in einer Reihe ausrichtete. Die Seile lagen bereit. Die Manner ergriffen sie. Berenguer de Montagut lie? ihnen keine Zeit zum Nachdenken.
»Alle zusammen! Auf los beginnt ihr zu ziehen, zunachst ganz langsam, bis die Seile unter Spannung stehen. Los!«
Arnau und Joanet sahen, wie Bewegung in die Reihen kam, bis sich die Trossen spannten.
»Alle zusammen! Feste!«
Die Jungen hielten den Atem an. Die Manner stemmten die Hacken in die Erde und begannen zu ziehen, und ihre Arme, ihre Rucken und ihre Gesichter spannten sich an. Arnau und Joanet sahen zu dem riesigen Stein hinuber. Er bewegte sich nicht von der Stelle.
»Alle zusammen! Fester!«
Der Befehl hallte auf dem Platz wider. Die Gesichter der Manner begannen sich zu verzerren. Die Holzplanken der Geruste knarrten, und der Stein hob sich eine Handbreit vom Boden. Sechstausend Kilo!
»Weiter!«, brullte Berenguer, ohne den Stein aus den Augen zu lassen.
Noch eine Handbreit. Die Jungen verga?en zu atmen.
»Santa Maria! Fester! Hoher!«
Arnau und Joanet sahen zu der Gruppe Santa Maria. Dort stand Pater Albert und zog mit geschlossenen Augen am Seil.
»Gut so, Santa Maria, gut so! Alle zusammen! Fester!«
Das Holz knarrte. Arnau und Joanet blickten zu den Gerusten und dann zu Berenguer de Montagut, der nur auf den Stein achtete, der sich nun langsam, ganz langsam nach oben bewegte.
»Weiter! Weiter! Weiter! Alle zusammen! Feste!«
Als der Schlussstein auf Hohe des ersten Gerusts war, wies Berenguer die Reihen an, nicht weiterzuziehen und den Stein in der Schwebe zu halten.
»Santa Maria und Santa Eulalia, halt!«, befahl er dann. »Santa Clara, zieht!« Der Schlussstein bewegte sich seitlich auf das Gerust zu, von dem aus Berenguer seine Befehle gab. »Jetzt alle! Lasst ganz langsam los.«
Alle, auch die, die an den Seilen zogen, hielten die Luft an, als sich der Stein vor Berenguer auf das Gerust senkte.
»Langsam!«, rief der Baumeister.
Die Planke bog sich unter dem Gewicht des Steins.
»Und wenn sie nachgibt?«, flusterte Arnau Joanet zu.
Dann wurde Berenguer …
Aber sie hielt. Doch dieses Gerust war nicht darauf ausgelegt, dem Gewicht des Steins lange standzuhalten. Er musste weiter nach oben, wo die Geruste nach Berenguers Berechnungen standhalten wurden. Die Maurer befestigten die Trossen am nachsten Flaschenzug, und die Manner zogen erneut an den Seilen. Das nachste Gerust und das ubernachste. Der sechstausend Kilo schwere Stein schwebte hoher und hoher, bis er sich an der Stelle befand, wo die Geruste der Bogenrippen zusammenliefen, hoch uber den Kopfen der Leute, ganz oben am Himmel.
Die Manner schwitzten, ihre Muskeln waren verkrampft. Manchmal fiel einer hin, und der zustandige Meister lief zu ihm, um ihn unter den Fu?en seiner Vorderleute herauszuziehen. Einige kraftige Burger waren dazugetreten, und wenn einer nicht mehr konnte, wahlte der Meister einen von ihnen aus, damit er dessen Platz einnahm.
Von oben gab Berenguer seine Anweisungen, die ein weiterer Meister, der auf einem niedrigeren Gerust stand, an die Manner weitergab. Als der Schlussstein das letzte Gerust erreichte, entspannten sich so manche fest zusammengepresste Lippen zu einem Lacheln. Doch dies war der schwierigste Moment. Berenguer hatte genau berechnet, wo der Schlussstein platziert werden musste, damit er exakt in die Rippen eingepasst werden konnte. Tagelang hatte er mit Seilen und Pflocken den Raum zwischen den zehn Pfeilern vermessen, hatte mit dem Senkblei auf den Gerusten gestanden und immer neue Schnure von den in die Erde gesteckten Pflocken zu den Gerusten hinaufgezogen. Tagelang hatte er Zahlen auf Pergamente gekritzelt, sie wieder ausradiert und neu beschrieben. Wenn der Schlussstein nicht exakt an der richtigen Stelle lag, wurden die Bogen dem Schub nicht standhalten, und das Gewolbe konnte einsturzen.
Nach Tausenden von Berechnungen und unendlich vielen Skizzen hatte er schlie?lich die exakte Stelle auf den Planken des obersten Gerusts angezeichnet. Dort musste der Schlussstein liegen, keine Handbreit weiter rechts oder links. Die Manner wurden ungeduldig, als Berenguer de Montagut, anders als auf den anderen Ebenen, nicht zulie?, dass sie den Stein auf die Planken absenkten, und immer neue Anweisungen gab.
»Noch ein Stuckchen, Santa Maria. Nein! Zieht, Santa Clara. Jetzt wartet. Santa Eulalia! Santa Clara! Santa Maria! Weiter nach oben! Nach unten! Jetzt!«, rief er plotzlich. »Halt! Nach unten! Stuck fur Stuck! Ganz langsam!«
