Handbewegung zum Schweigen. »Das Problem ist, dass der Konig Bischofe, Abte und sonstige kirchliche Wurdentrager aus den Reihen seiner Freunde ernennt. Der Papst stellt sich nie dagegen. All diese Freunde des Konigs erhoffen sich gute Einnahmen aus diesen Gutern, doch da sie sie nicht verkaufen konnen, haben sie sich die Erbpacht ausgedacht und umgehen so das Verau?erungsverbot.«
»Also so eine Art Miete«, sagte Arnau.
»Nein. Mieter kann man jederzeit auf die Stra?e setzen. Einen Erbpachter kann man nicht hinauswerfen … solange er seinen Pachtzins zahlt.«
»Und konntest du dein Haus verkaufen?«
»Ja. Das nennt sich dann unterverpachten. Der Bischof erhielte einen Teil der Verkaufssumme, das Laudemio, und der neue Unterpachter konnte es genauso machen. Es gibt nur ein Verbot.« Arnau sah ihn fragend an. »Man darf es nicht jemandem uberlassen, der gesellschaftlich hohergestellt ist, einem Adligen zum Beispiel. Obwohl ich nicht glaube, dass ich einen adligen Interessenten fur dieses Haus finden wurde, oder?«, setzte er grinsend hinzu. Arnau ging nicht auf den Scherz ein und Peres Lacheln verschwand von seinem Gesicht. Die beiden schwiegen. »Jedenfalls«, stellte der Alte dann fest, »muss ich die Pacht zahlen, und mit dem, was ich verdiene und was du nach Hause bringst …«
»Was machen wir jetzt?«, dachte Arnau. Von seinem geringen Lohn wurden sie sich nichts leisten konnen, nicht einmal Essen fur zwei Personen. Aber Pere hatte es auch nicht verdient, fur sie aufkommen zu mussen. Schlie?lich war er ihnen stets wohlgesinnt gewesen.
»Mach dir keine Sorgen«, sagte er zogernd. »Wir werden gehen, damit du …«
»Mariona und ich haben nachgedacht«, fiel ihm Pere ins Wort. »Wenn es euch nichts ausmacht, konnten Joan und du hier neben dem Herd schlafen.« Arnau riss erstaunt die Augen auf. »Dann konnten wir das Zimmer an eine Familie weitervermieten und den Pachtzins zahlen. Ihr musstet euch nur zwei Matratzen besorgen. Was haltst du davon?«
Arnau strahlte ubers ganze Gesicht. Seine Lippen bebten.
»Hei?t das, ja?«, half ihm Pere.
Arnau presste die Lippen aufeinander und nickte energisch mit dem Kopf.
»Auf zur Jungfrau!«, rief einer der Zunftmeister der Bruderschaft.
Die Harchen auf Arnaus Armen und Beinen richteten sich auf.
An diesem Tag waren keine Schiffe da, die be- oder entladen werden mussten. Im Hafen lagen lediglich die kleinen Fischerboote. Die
Seit er sich zu Beginn der Schifffahrtsperiode den
»Auf zur Jungfrau!«, war erneut ein Ruf aus der Gruppe der
Arnau beobachtete die Manner. Ein Lacheln erschien auf ihren noch schlafrigen Gesichtern. Einige streckten sich und schwangen die Arme vor und zuruck, um den Rucken zu lockern. Arnau erinnerte sich, wie er ihnen damals Wasser gegeben hatte, wenn sie gebuckt an ihm voruberzogen, die Zahne zusammengebissen, die riesigen Steine geschultert. Wurde er das schaffen? Vor Angst verspannten sich seine Muskeln. Er wollte es den ubrigen
»Dein erstes Mal«, begluckwunschte ihn Ramon. Arnau antwortete nicht und lie? die Arme hangen. »Mach dir keine Sorgen, mein Junge«, setzte er hinzu, legte ihm den Arm auf die Schulter und ermunterte ihn, der Gruppe zu folgen, die sich bereits in Bewegung gesetzt hatte. »Denk daran: Wenn du Steine fur die Jungfrau schleppst, tragt sie einen Teil der Last.«
Arnau sah zu Ramon auf.
»Es stimmt«, beteuerte der
Von Santa Clara im au?ersten Osten Barcelonas machten sie sich auf den Weg quer durch die ganze Stadt, lie?en die Stadtmauer hinter sich und stiegen zum koniglichen Steinbruch La Roca auf dem Montjuic hinauf. Arnau ging schweigend. Hin und wieder hatte er das Gefuhl, von den anderen beobachtet zu werden. Es ging durch das Ribera-Viertel, an der Warenborse und dem Portico del Forment vorbei. Als sie am Angel-Brunnen vorbeikamen, betrachtete Arnau die Frauen, die darauf warteten, ihre Kruge zu fullen. Viele von ihnen hatten Joan und ihn vorgelassen, wenn sie mit ihrem Wasserschlauch dort anstanden. Die Leute gru?ten. Einige Kinder sprangen um die Gruppe herum, tuschelten und deuteten respektvoll auf Arnau. Sie lie?en die Werft hinter sich und erreichten das Kloster Framenors am westlichen Ende der Stadt. Dort endete die Stadtmauer von Barcelona. Dahinter entstanden die neuen Schiffszeughauser der graflichen Stadt, gefolgt von Feldern und Gemusegarten – Sant Nicolau, San Bertran und Sant Pau del Camp. Dort begann der Aufstieg zum Steinbruch.
Doch bevor sie den Steinbruch erreichten, mussten die
»Sie lassen gerade das Wasser ab«, sagte einer angesichts des bestialischen Gestanks.
Die meisten Manner nickten zustimmend.
»Sonst ware der Gestank nicht so schlimm«, setzte ein anderer hinzu.
Der Cagalell war ein Tumpel an der Einmundung des Wasserlaufs der Rambla, gleich neben der Stadtmauer, in dem sich die Abfalle und das Schmutzwasser der Stadt sammelten. Da das Gelande uneben war, floss das Wasser nicht zum Strand ab, sondern blieb dort stehen, bis ein stadtischer Angestellter einen Abfluss grub und den Unrat ins Meer leitete. Dann war der Gestank am Cagalell am schlimmsten.
Sie gingen an dem Tumpel entlang, bis sie zu einer Stelle kamen, wo man ihn mit einem Satz uberspringen konnte. Dann marschierten sie weiter durch die Felder, bis sie den Fu? des Montjuic erreichten.
»Und wie kommen wir auf dem Ruckweg auf die andere Seite?«, fragte Arnau und deutete auf den Tumpel.
Ramon schuttelte den Kopf.
