In dieser Nacht war es Joan, der keinen Schlaf fand. Er sa? neben seinem Bruder auf dem Boden und lauschte auf Arnaus Atem. War dieser gleichma?ig, fielen ihm langsam die Augen zu, doch sobald Arnau sich bewegte, schreckte er wieder hoch. »Und was wird jetzt aus uns?«, dachte er hin und wieder. Er hatte mit Pere und seiner Frau gesprochen. Das Geld, das Arnau als Bastaix verdienen konnte, wurde nicht fur sie beide reichen. Was sollte aus ihm werden?

»Ab in die Schule!«, befahl ihm Arnau am nachsten Morgen, als er Joan dabei antraf, wie er Mariona zur Hand ging.

Er hatte am Vortag daruber nachgedacht: Alles sollte so weitergehen, wie es zu Lebzeiten seines Vaters gewesen war.

Uber den Herd gebeugt, warf die alte Frau ihrem Mann einen Blick zu. Joan wollte Arnau antworten, doch Pere kam ihm zuvor: »Mach, was dein alterer Bruder dir sagt«, forderte er ihn auf.

Marionas angespannter Blick wich einem Lacheln. Der alte Mann sah sie mit unverandert ernster Miene an. Wovon sollten sie leben? Doch Mariona lachelte weiter, bis Pere den Kopf schuttelte, so als wollte er die Unwagbarkeiten aus seinen Gedanken vertreiben, uber die sie in der Nacht so lange gesprochen hatten.

Joan verlie? eilig das Haus. Als der Kleine verschwunden war, versuchte Arnau erneut, sich zu strecken. Er konnte keinen einzigen Muskel ruhren. Er war vollig verspannt und uber und uber mit schlimmen Schurfwunden ubersat. Doch ganz langsam begann sein junger Korper, ihm wieder zu gehorchen. Nachdem er sein karges Fruhstuck verzehrt hatte, ging er in die Sonne hinaus. Lachelnd sah er uber den Strand aufs Meer hinaus und zu den sechs Galeeren, die noch immer im Hafen vor Anker lagen.

Ramon und Josep lie?en sich seinen Rucken zeigen.

»Eine Tour«, sagte der Zunftmeister zu Ramon, bevor er zu den anderen ging. »Danach zur Kapelle.«

Arnau sah Ramon an, wahrend er das Hemd wieder uberstreifte.

»Du hast es gehort«, sagte dieser.

»Aber …«

»Hor auf ihn, Arnau. Josep wei?, was er tut.«

Ja, das wusste er. Nachdem er den ersten Krug transportiert hatte, begann Arnau wieder zu bluten.

»Wenn es schon beim ersten Mal geblutet hat, kommt es doch auf ein paar Touren mehr nicht an«, beteuerte Arnau, als Ramon nach ihm seine Ware am Strand ablud.

»Die Schwielen, Arnau. Es geht nicht darum, dass du dir den Rucken zuschanden schleppst, sondern dass sich Schwielen bilden. Jetzt geh und wasch dich, trage die Salbe auf, und dann gehst du in die Kapelle.« Arnau versuchte zu widersprechen. »Es ist unsere Kapelle, Arnau, deine Kapelle. Einer muss sich um sie kummern.«

»Diese Kapelle bedeutet uns sehr viel«, setzte der Bastaix hinzu, der mit Ramon zusammenarbeitete. »Wir sind nur einfache Stauer, doch das Ribera-Viertel hat uns zugestanden, was kein Adliger und keine der reichen Zunfte besitzt: die Kapelle mit dem Allerheiligsten und die Schlussel zur Kirche der Schutzpatronin des Meeres. Verstehst du?« Arnau nickte nachdenklich. »Nur wir Bastaixos durfen diese Kapelle instand halten. Es gibt keine gro?ere Ehre fur einen von uns. Du wirst noch genug Zeit zum Be- und Entladen haben, mach dir da mal keine Sorgen.«

Mariona versorgte seine Wunden und Arnau ging zur Kirche Santa Maria. Dort suchte er nach Pater Albert, damit dieser ihm die Schlussel zur Kapelle aushandigte, doch der Priester forderte ihn auf, ihn zu dem Friedhof am Portal de les Moreres zu begleiten.

»Heute Morgen habe ich deinen Vater beerdigt«, sagte er und deutete auf den Friedhof. Arnau sah ihn fragend an. »Ich wollte dir nicht Bescheid geben, falls sich Soldaten dort zeigen sollten. Der Stadtrichter wollte nicht, dass die Leute den verbrannten Leichnam deines Vaters sehen, weder auf der Plaza del Blat noch vor den Toren der Stadt. Es war nicht schwer fur mich, die Erlaubnis zu seiner Bestattung zu erhalten.«

Die beiden standen eine Weile schweigend vor dem Friedhof.

»Soll ich dich allein lassen?«, fragte der Pfarrer schlie?lich.

»Ich muss mich um die Kapelle der Bastaixos kummern«, antwortete Arnau und wischte sich die Tranen ab.

Einige Tage lang machte Arnau immer nur eine Tour und ging dann zur Kapelle. Die Galeeren waren mittlerweile in See gestochen, und bei den Lasten handelte es sich um die ublichen Handelswaren: Stoffe, Korallen, Gewurze, Kupfer, Wachs … Eines Tages blutete sein Rucken nicht mehr. Nachdem Josep ihn erneut untersucht hatte, durfte Arnau weitere gro?e Stoffballen tragen. Er lachelte allen Bastaixos zu, die ihm begegneten.

Inzwischen erhielt er seinen ersten Lohn als Bastaix. Es war kaum mehr, als er fur seine Arbeit bei Grau bekommen hatte! Er handigte Pere das ganze Geld aus und zusatzlich noch einige Munzen, die sich noch in Bernats Geldborse befanden. »Es reicht nicht«, dachte der Junge, als Pere das Geld zahlte. Bernat hatte ihm wesentlich mehr gezahlt. Er offnete erneut die Borse. Es wurde nicht mehr lange reichen, uberlegte er, nachdem er den Inhalt der abgegriffenen Borse uberschlagen hatte. Die Hand in der Borse, sah er den alten Mann an. Pere zog die Stirn kraus.

»Wenn ich mehr tragen kann«, beteuerte Arnau, »werde ich auch mehr Geld verdienen.«

»Das wird noch eine ganze Weile dauern, Arnau, das wei?t du, und bis dahin wird die Borse deines Vaters leer sein. Du wei?t, dass dieses Haus mir nicht gehort … Nein, es gehort mir nicht«, erklarte er angesichts der uberraschten Miene des Jungen. »Die meisten Hauser in der Stadt gehoren der Kirche – dem Bischof oder einem Orden. Wir besitzen es nur in Erbpacht, fur die wir einen jahrlichen Pachtzins entrichten mussen. Du wei?t ja, dass ich nicht viel arbeiten kann. Um die Summe aufzubringen, habe ich also nur die Mieteinnahmen fur das Zimmer. Wenn du nicht genug zahlst … Verstehst du?«

»Was nutzt es dann, frei zu sein, wenn die Menschen in der Stadt genauso an ihre Hauser gefesselt sind wie die Bauern an ihr Land?«, fragte Arnau kopfschuttelnd.

»Wir sind nicht an die Hauser gefesselt«, entgegnete Pere.

»Aber ich habe gehort, dass all diese Hauser vom Vater auf den Sohn ubergehen. Sie werden sogar verkauft! Wie ist das moglich, wenn man das Haus nicht besitzt und man auch nicht daran gebunden ist?«

»Ganz einfach, Arnau. Der Kirche gehoren viele Landereien und Besitzungen, doch ihre Gesetze verbieten es ihr, kirchliches Eigentum zu verau?ern.« Arnau wollte etwas sagen, doch Pere brachte ihn mit einer

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