Mehrere Soldaten nickten beifallig und lie?en sie passieren. Arnau trottete mit gesenktem Kopf zwischen den Mannern, den Lederriemen in die Stirn gedruckt. Als er den Portico del Forment betrat, schlug ihm der Geruch des dort gelagerten Getreides entgegen. In den Lichtstrahlen, die durch die Fenster fielen, tanzte feiner, wei?er Staub, der rasch bei dem Jungen und vielen anderen
»Vor dem Krieg gegen Genua war hier alles voller Korn«, er machte eine ausholende Handbewegung, die den gesamten Speicher umfasste, »doch nun …«
Dort standen die gro?en Kruge von Grau, stellte Arnau fest, einer neben dem anderen.
»Auf geht's«, rief einer der Zunftmeister.
Ein Pergament in den Handen, begann der Lagerverwalter auf die gro?en Kruge zu deuten. »Wie sollen wir diese randvollen Kruge transportieren?«, uberlegte Arnau. Ein einzelner Mann konnte unmoglich eine solche Last tragen. Die
»Gebt dem Jungen einen von den kleinen, von denen mit dem Salz.«
Der Lagerverwalter sah Arnau an und schuttelte den Kopf.
»Salz ist teuer«, erklarte er Ramon. »Wenn der Krug hinfallt …«
»Gib ihm einen mit Salz!«
Die Getreidekruge waren etwa einen Meter hoch. Der von Arnau ma? kaum einen halben Meter, doch als der Junge ihn mit Ramons Hilfe auf den Rucken wuchtete, merkte er, dass seine Knie zitterten.
Ramon packte ihn von hinten an den Schultern.
»Jetzt musst du dich beweisen«, raunte er ihm ins Ohr.
Arnau ging los, gebuckt, die Hande fest um die Henkel des Kruges geklammert, den Kopf vorgereckt. Er merkte, wie ihm der Lederriemen in die Stirn schnitt.
Ramon sah ihn schwankend davongehen. Langsam setzte er einen Fu? vor den anderen. Der Verwalter schuttelte erneut den Kopf, und die Soldaten schwiegen, als er an ihnen voruberkam.
»Fur Euch, Vater!«, murmelte Arnau mit zusammengebissenen Zahnen, als er die gluthei?e Sonne auf dem Gesicht spurte. Das Gewicht wurde ihn in Stucke rei?en! »Ich bin kein Kind mehr, Vater, seht Ihr?«
Hinter ihm kamen Ramon und ein weiterer
Ob er noch dort hangt?, fragte sich Arnau in diesen Momenten, das Bild des toten Bernat vor Augen. »Niemand wird mehr uber Euch spotten konnen! Nicht einmal diese Hexe und ihre Stiefkinder.«
Er richtete sich unter der Last auf und ging weiter.
Er schaffte es zum Strand. Ramon hinter ihm lachelte. Keiner sagte ein Wort. Die Lastschiffer kamen ihm entgegen und nahmen ihm den Salzkrug ab, bevor er das Wasser erreicht hatte. Es dauerte ein paar Sekunden, bis Arnau sich aufrichten konnte. »Habt Ihr gesehen, Vater?«, murmelte er und sah zum Himmel.
Ramon klopfte ihm auf den Rucken, als er das Getreide abgeladen hatte.
»Noch einen?«, fragte der Junge ernsthaft.
Er schleppte noch zwei. Als Arnau den dritten Krug am Strand ablieferte, trat Josep zu ihm, einer der Zunftmeister.
»Fur heute ist es genug, Junge«, sagte er zu ihm.
»Ich kann noch weitermachen«, versicherte Arnau und versuchte zu verbergen, wie sehr ihn der Rucken schmerzte.
»Nein, das kannst du nicht. Ich kann nicht zulassen, dass du blutend durch Barcelona laufst wie ein verwundetes Tier«, sagte er vaterlich, wahrend er auf mehrere dunne Rinnsale deutete, die Arnaus Rucken hinabliefen. Der Junge hob die Hand zum Rucken und betrachtete sie. »Wir sind keine Sklaven. Wir sind freie Manner, freie Arbeiter, und so sollen die Leute uns sehen. Keine Sorge«, bemerkte er, als er Arnaus bekummerte Miene bemerkte. »Uns allen ist es irgendwann einmal so ergangen, und wir alle hatten jemanden, der uns vom Weiterarbeiten abhielt. Die wunden Stellen, die sich an deinem Hinterkopf und an deinem Rucken gebildet haben, mussen zuerst verschorfen. In einigen Tagen wird es so weit sein. Du kannst mir glauben, dass ich dir von da an nicht mehr Ruhepausen zugestehen werde als jedem deiner Kollegen.« Damit uberreichte ihm Josep ein kleines Flaschchen. »Wasch die Wunden gut aus und trage diese Salbe auf, damit der Schorf austrocknet.«
Angesichts der Worte des Zunftmeisters fiel die Anspannung von Arnau ab. An diesem Tag wurde er keine Lasten mehr schleppen mussen. Doch nun machten sich Schmerzen und Mudigkeit nach der durchwachten Nacht bemerkbar. Arnau war am Ende seiner Krafte. Er murmelte etwas zum Abschied und schleppte sich nach Hause. Joan wartete in der Tur auf ihn. Wie lange mochte er schon dort stehen?
»Wei?t du, dass ich ein
Joan nickte. Ja, das wusste er. Er hatte ihn wahrend seiner letzten beiden Gange beobachtet, hatte bei jedem unsicheren Schritt, den er machte, die Zahne zusammengebissen und die Hande geballt, hatte gebetet, dass er nicht sturzte, und als er sein schmerzverzerrtes Gesicht sah, waren ihm die Tranen gekommen. Nun wischte sich Joan die Tranen ab und breitete die Arme aus, um seinen Bruder zu begru?en. Arnau warf sich ihm entgegen.
»Du musst meinen Rucken mit dieser Salbe einreiben«, sagte er noch, wahrend Joan ihn ins Haus fuhrte.
Mehr brachte er nicht mehr heraus. Er warf sich der Lange nach mit ausgebreiteten Armen hin und war nach wenigen Sekunden in einen heilsamen Schlaf gefallen. Vorsichtig, um ihn nicht zu wecken, sauberte Joan die Wunde und den Rucken mit warmem Wasser, das Mariona ihm brachte. Danach trug er die streng riechende Salbe auf. Sie schien sofort Wirkung zu zeigen, denn Arnau walzte sich unruhig hin und her, ohne jedoch aufzuwachen.
