horte sie nicht. Das Prasseln, mit dem Bernats Leichnam verbrannt war, hallte in seinen Ohren wider.

Der Wachsoldat, der neben dem Gerust stehen geblieben war, schuttelte Joan und wiederholte seine Frage: »Kennst du ihn?«

Doch Joan konnte den Blick nicht von der lodernden Fackel wenden, in die sich der Mann verwandelt hatte, der ihn an Kindes statt angenommen hatte.

Der Soldat schuttelte ihn erneut, bis der Junge ihn schlie?lich ansah. Sein Blick war wirr und er klapperte mit den Zahnen.

»Wer war das? Weshalb hat er deinen Vater verbrannt?«

Joan horte die Frage nicht einmal. Er begann zu zittern.

»Er kann nicht sprechen«, mischte sich die Frau ein, die Arnau gedrangt hatte zu fliehen. Sie war es auch gewesen, die Joan, der wie erstarrt gewesen war, von den Flammen weggezerrt hatte. Sie hatte in Arnau den Jungen wiedererkannt, der den ganzen Tag neben dem Erhangten gewacht hatte. »Wenn ich den Mut gehabt hatte, das Gleiche zu tun«, dachte sie, »wurde der Korper meines Mannes nicht vor der Stadtmauer verfaulen, den Vogeln zum Fra?e.« Ja, dieser Junge hatte etwas getan, was jeder von denen, die hier waren, gerne getan hatte, und der Soldat … Er war fur die Nachtwache zustandig, konnte also Arnau nicht erkannt haben. Fur ihn war der Sohn der andere, der dort vor dem Leichnam seines Vaters hockte. Die Frau nahm Joan in die Arme und wiegte ihn hin und her.

»Ich muss wissen, wer ihn angezundet hat«, erklarte der Soldat.

Die Frau mischte sich mit Joan unter die Leute, die den toten Bernat anstarrten.

»Was tut das zur Sache?«, murmelte sie, wahrend Joan von Krampfen geschuttelt wurde. »Dieser Junge ist halb tot vor Hunger und Angst.«

Der Soldat sah nach oben. Dann nickte er langsam. Er hatte selbst einen Sohn verloren. Der Kleine war immer magerer geworden, bis ihn schlie?lich ein harmloses Fieber dahingerafft hatte. Seine Frau hatte ihn genauso in die Arme geschlossen, wie es diese Frau mit dem Jungen tat. Er sah die beiden an. Die Frau weinte, wahrend sich der Junge schutzsuchend an ihre Brust schmiegte.

»Bring ihn nach Hause«, sagte er zu der Frau. Dann blickte er wieder zu Bernats brennendem Leichnam auf. »Verfluchte Genuesen!«

Es war Tag geworden in Barcelona.

»Joan!«, rief Arnau, kaum dass er die Tur geoffnet hatte.

Pere und Mariona, die im Erdgeschoss am Herd sa?en, bedeuteten ihm, still zu sein.

»Er schlaft«, sagte Mariona.

Die fremde Frau hatte Joan nach Hause gebracht und ihnen erzahlt, was passiert war. Die beiden alten Leute kummerten sich um Joan, bis er schlie?lich einschlief. Dann setzten sie sich an den warmenden Herd.

»Was soll aus ihnen werden?«, fragte Mariona ihren Mann. »Ohne Bernat wird es der Junge nicht in den Stallen aushalten.«

»Und wir konnen sie nicht versorgen«, dachte Pere. Sie konnten es sich nicht leisten, den beiden Jungen das Zimmer unentgeltlich zu uberlassen oder sie mit durchzufuttern. Pere wunderte sich uber das Strahlen in Arnaus Augen. Sein Vater war gerade hingerichtet worden! Er hatte ihn sogar angezundet; die Frau hatte es ihm erzahlt. Woher kam dieses Strahlen?

»Ich bin ein Bastaix!«, verkundete Arnau und machte sich uber den Topf mit den kalten Resten des gestrigen Abendessens her.

Die beiden alten Leute wechselten einen Blick und sahen dann zu dem Jungen, der mit dem Rucken zu ihnen direkt aus dem Schopfloffel a?. Er war vollig abgemagert! Der Getreidemangel hatte seine Spuren bei ihm hinterlassen, wie uberall in Barcelona. Wie sollte dieser magere Junge Lasten schleppen?

Mariona schuttelte den Kopf und sah ihren Mann an.

»Man wird sehen«, sagte Pere.

»Was sagt Ihr?«, fragte Arnau, wahrend er sich mit vollem Mund umdrehte.

»Nichts, mein Sohn, nichts.«

»Ich muss los«, sagte Arnau. Er nahm ein Stuck hartes Brot und biss herzhaft hinein. Der Drang, Joan zu fragen, was auf dem Platz geschehen war, rang mit einem anderen drangenden Wunsch: sich seinen neuen Arbeitskollegen anzuschlie?en. Er traf eine Entscheidung. »Erzahlt Joan davon, wenn er aufwacht.«

Im April wurde die Schifffahrt wieder aufgenommen, die seit Oktober geruht hatte. Die Tage wurden langer, und die gro?en Schiffe begannen, im Hafen einzulaufen oder Anker zu lichten. Niemand, weder Reeder noch Ausruster oder Steuermanner, wollte sich langer als unbedingt notig in dem gefahrlichen Hafen von Barcelona aufhalten.

Bevor er sich zu der Gruppe der Bastaixos gesellte, die dort wartete, sah Arnau vom Strand aufs Meer hinaus. Es war immer dort gewesen, doch wenn er mit seinem Vater am Strand entlanggegangen war, hatte er dem Meer nach wenigen Schritten den Rucken gekehrt. An diesem Tag betrachtete er es mit anderen Augen: Er wurde von ihm leben. Im Hafen ankerten neben unzahligen kleinen Booten auch zwei gro?e, soeben eingelaufene Handelsschiffe sowie ein Verband von sechs riesigen Kriegsgaleeren mit je sechsundzwanzig Ruderbanken a zehn Ruderern.

Arnau hatte schon von der Flotte gehort. Die Stadt hatte sie ausgerustet, um den Konig im Krieg gegen Genua zu unterstutzen. Sie stand unter dem Befehl des vierten Ratsherren von Barcelona, Galcera Marquet. Nur ein Sieg uber die Genuesen wurde den Weg fur den Handel und die Versorgung der Hauptstadt des Prinzipats wieder freimachen. Aus diesem Grund hatte sich Barcelona gro?zugig gegenuber Konig Alfons gezeigt.

»Du willst doch nicht etwa einen Ruckzieher machen?«, horte er eine Stimme hinter sich sagen. Arnau drehte sich um. Vor ihm stand einer der Zunftmeister der Bastaixos. »Auf geht's«, munterte er ihn auf und ging weiter zum Treffpunkt der Bastaixos.

Arnau folgte ihm. Als er zu der Gruppe trat, begru?ten ihn die Manner mit einem Lacheln.

»Das hier wird etwas anderes sein, als Wasser auszugeben, Arnau«, sagte einer zu ihm. Die ubrigen lachten.

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