»Hier, nimm«, forderte ihn Ramon auf. »Es ist die kleinste, die wir finden konnten.«

Arnau nahm behutsam die Capcana entgegen, das schutzende Kopfpolster, mit welchem die Manner ihre Lasten trugen.

»Sie geht schon nicht kaputt!«, sagte einer der Bastaixos lachend, als er sah, wie vorsichtig Arnau sie festhielt.

»Naturlich nicht!«, dachte Arnau und lachelte dem Bastaix zu. Er setzte das Polster auf den Hinterkopf, zog den Lederriemen uber die Stirn, um es zu befestigen, und lachelte erneut.

Ramon prufte, ob das Polster richtig sa?.

»In Ordnung«, sagte er und tatschelte ihm die Wange. »Fehlen nur noch die Schwielen.«

»Welche Schwielen?«, fragte Arnau, doch als nun die Zunftmeister eintrafen, richtete sich alle Aufmerksamkeit auf sie.

»Sie konnen sich nicht einigen«, erklarte einer von ihnen. Alle Bastaixos, auch Arnau, sahen ein Stuck den Strand hinunter, wo mehrere kostbar gekleidete Manner standen und miteinander diskutierten. »Galcera Marquet will, dass zuerst die Galeeren beladen werden. Die Handler hingegen bestehen darauf, dass zuerst die beiden Schiffe entladen werden, die soeben eingetroffen sind. Wir mussen abwarten«, kundigte er an.

Die Manner murrten leise. Die meisten setzten sich in den Sand. Arnau setzte sich zu Ramon, die Capcana immer noch umgeschnallt.

Ramon zeigte auf das Tragepolster. »Achte immer darauf, dass kein Sand hineinkommt. Das wird sonst unangenehm beim Tragen.«

Der Junge legte die Capcana ab und hielt sie vorsichtig fest, damit sie nicht mit dem Sand in Beruhrung kam.

»Wo liegt das Problem?«, fragte er Ramon. »Man kann doch zuerst die einen Schiffe be- oder entladen und dann die anderen.«

»Niemand will langer im Hafen von Barcelona liegen als unbedingt notig. Wenn ein Sturm aufkommt, sind die Schiffe ihm schutzlos ausgeliefert.«

Arnau lie? seinen Blick uber den Hafen schweifen, vom Puig de les Falsies bis Santa Clara. Dann sah er zu der Gruppe hinuber, die immer noch diskutierte.

»Der Ratsherr hat das Kommando, oder?«

Ramon lachte und fuhr ihm durchs Haar.

»In Barcelona haben die Handler das Kommando. Sie haben die koniglichen Galeeren bezahlt.«

Schlie?lich endete die Diskussion mit einem Kompromiss: Die Bastaixos wurden zunachst die Ausrustung fur die Galeeren aus der Stadt herbeitragen. Unterdessen wurden die Lastschiffer damit beginnen, die Handelsschiffe zu entladen. Die Bastaixos mussten zuruck sein, bevor die Lastkahne mit den Waren den Strand erreicht hatten. Diese sollten an einem geeigneten Ort gelagert werden, statt sie gleich auf die Lagerhauser ihrer jeweiligen Besitzer zu verteilen. Dann wurden die Lastkahne die Ausrustung auf die Galeeren schaffen, wahrend die Bastaixos fur weiteren Nachschub sorgten. Von dort aus ging es dann wieder zu den Kauffahrern, um die Waren zu loschen, und immer so weiter, bis die Galeeren beladen und die Handelsschiffe entladen waren. Danach sollten sie die Ware auf die jeweiligen Lagerhauser verteilen und, wenn dann noch Zeit blieb, die Handelsschiffe erneut beladen.

Als man sich geeinigt hatte, kam Bewegung in samtliche Hafenarbeiter. Die Bastaixos begaben sich in Gruppen zu den stadtischen Lagerhausern Barcelonas, wo das Gepack der Galeerenbesatzungen bereitstand, auch das der zahlreichen Ruderer. Unterdessen fuhren die Lastschiffer zu den kurzlich im Hafen eingetroffenen Kauffahrern hinaus, um die Waren an Bord zu nehmen. Da es keine Molen gab, konnte die Ladung ohne diese Berufsstande nicht geloscht werden.

Die Besatzung jeder Barkasse oder Barke bestand aus drei bis vier Mann: dem Schiffsfuhrer und – je nach Zunft – Sklaven oder freien Tagelohnern. Die Mitglieder der Bruderschaft Sant Pere, der altesten und reichsten der Stadt, verwendeten Sklaven – nicht mehr als zwei je Boot, wie es die Zunftordnung vorsah. Die junge Bruderschaft Santa Maria, die nicht uber so viele Mittel verfugte, arbeitete mit angeheuerten Tagelohnern. In jedem Fall war das Be- und Entladen der Ware, nachdem die Lastboote an den Kauffahrern angelegt hatten, ein zeitraubender und heikler Vorgang, selbst bei ruhiger See, denn die Hafenschiffer waren dem Eigentumer gegenuber fur verloren gegangene oder beschadigte Ware verantwortlich. Sie konnten sogar zu Gefangnis verurteilt werden, wenn sie die entsprechenden Entschadigungen an die Handler nicht zu zahlen vermochten.

Herrschte sturmisches Wetter im Hafen von Barcelona, wurde es noch schwieriger, und zwar nicht nur fur die Hafenschiffer, sondern fur alle, die mit der Seefahrt zu tun hatten. Zunachst einmal, weil die Hafenschiffer sich weigern konnten, die Waren zu entladen – bei gutem Wetter durften sie das nicht –, es sei denn, sie handelten freiwillig einen Sonderpreis mit dem Eigentumer der Ware aus. Doch die gro?ten Folgen hatte ein Sturm fur die Eigner, Steuermanner und auch die Besatzung eines Schiffes. Unter Androhung strenger Strafen durfte niemand das Schiff verlassen, bis die Ladung vollstandig geloscht war. Befanden sich der Besitzer oder sein Schreiber an Land – denn sie durften als Einzige von Bord gehen –, waren sie dazu verpflichtet, wieder zuruckzukehren.

Wahrend sich also die Hafenschiffer daranmachten, das erste Schiff zu entladen, begannen die Bastaixos, nachdem die Zunftmeister sie in Gruppen aufgeteilt hatten, die Ausrustung der Galeeren aus den verschiedenen stadtischen Lagerhausern zum Strand zu tragen. Arnau wurde in Ramons Gruppe eingeteilt, dem der Zunftmeister einen bedeutungsvollen Blick zuwarf, als er ihm den Jungen zuwies.

Sie gingen am Strand entlang zum Portico del Forment, dem stadtischen Getreidespeicher, der nach dem Volksaufstand von Soldaten des Konigs streng bewacht wurde. Arnau versuchte, sich hinter Ramon zu verstecken, als sie zum Tor kamen, doch den Soldaten fiel der schmachtige Junge zwischen all den kraftigen Mannern auf.

»Was soll der denn tragen?«, fragte einer lachend, wahrend er auf ihn deutete.

Als Arnau sah, dass die Blicke samtlicher Soldaten auf ihn gerichtet waren, spurte er, wie sich sein Magen umdrehte. Er versuchte, sich noch kleiner zu machen, doch Ramon packte ihn an der Schulter, legte ihm die Capcana uber die Stirn und antwortete dem Soldaten im gleichen Ton: »Er muss arbeiten! Er ist vierzehn Jahre alt und soll seine Familie unterstutzen.«

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