»Arnau!«, riefen ihn die Zunftmeister zu sich. Sie wurden sich als Letzte auf den Weg machen. Nur noch wenige Bastaixos waren ubrig. Ramon schob ihn nach vorne.

»Nur Mut«, sagte er.

Die drei Zunftmeister sprachen mit einem der Steinmetze, doch der schuttelte nur den Kopf. Die vier Manner nahmen die Steine in Augenschein, zeigten hierhin und dorthin, dann schuttelten alle erneut den Kopf. Neben den Steinen stehend, versuchte Arnau zu schlucken, doch seine Kehle war trocken. Er zitterte. Er durfte nicht zittern! Er bewegte die Hande und dann die Arme. Sie durften nicht sehen, wie er zitterte!

Josep, einer der Zunftmeister, deutete auf einen Stein. Der Steinmetz machte eine gleichgultige Geste, dann sah er Arnau an, schuttelte erneut den Kopf und wies seine Manner an, den Stein zu holen. »Sie sind alle gleich«, beteuerte er immer wieder.

Als Arnau die beiden Manner mit dem Stein dort stehen sah, trat er zu ihnen. Er beugte den Rucken und spannte samtliche Muskeln an. Alle Anwesenden schwiegen. Die Manner lie?en den Stein vorsichtig los und halfen ihm, ihn mit den Handen zu umfassen. Als er das Gewicht spurte, ging er in die Knie. Arnau biss die Zahne zusammen und schloss die Augen. »Hoch!«, glaubte er eine Stimme zu horen. Niemand hatte etwas gesagt, aber alle hatten es gedacht, als sie die Beine des Jungen wanken sahen. Hoch! Hoch! Arnau richtete sich unter der Last auf. Viele atmeten auf. Ob er uberhaupt gehen konnte? Arnau stand da, die Augen immer noch geschlossen. Wurde er gehen konnen?

Er setzte einen Fu? nach vorne. Das Gewicht des Steines druckte ihn nach vorne und zwang ihn, den anderen Fu? nach vorne zu setzen und dann wieder den einen … und wieder den anderen. Wenn er stehen blieb … Wenn er stehen blieb, wurde er mit dem Stein nach vorne umfallen.

Ramon zog die Nase hoch und hielt sich die Augen zu.

»Nur Mut, Junge!«, horte man einen der wartenden Fuhrmanner rufen.

»Nur wacker voran!«

»Du schaffst es!«

»Auf nach Santa Maria!«

Die Rufe hallten von den Wanden des Steinbruchs wider und begleiteten Arnau noch immer, als er bereits alleine auf dem Weg zuruck in die Stadt war.

Doch er war nicht alleine. Alle Bastaixos, die nach ihm losgegangen waren, holten ihn muhelos ein, und alle, vom Ersten bis zum Letzten, passten ihre Schritte fur einige Minuten denen von Arnau an, um ihm Mut zuzusprechen und ihn anzufeuern. Sobald der Nachste ihn erreichte, nahm der Vorherige sein Tempo wieder auf.

Aber Arnau horte sie nicht. Er dachte nicht einmal. Seine Aufmerksamkeit war einzig und allein auf den Fu? gerichtet, den er nach vorne setzen musste. Wenn er ihn vor sich auf dem Weg erscheinen sah, wartete er auf den nachsten. Einen Fu? vor den anderen setzend, uberwand er den Schmerz.

In den Feldern von San Bertran dauerte es eine Ewigkeit, bis ihm die Fu?e gehorchten. Alle Bastaixos hatten ihn bereits uberholt. Er erinnerte sich, wie sie die schweren Steine auf der Reling eines Bootes abgelegt hatten, wenn Joan und er ihnen Wasser zu trinken gaben. Er sah sich nach etwas Ahnlichem um und entdeckte nach kurzer Zeit einen Olivenbaum, auf dessen unteren Asten er den Stein abstutzen konnte. Wenn er ihn auf den Boden legte, wurde er ihn nicht mehr schultern konnen. Er hatte kein Gefuhl mehr in den Beinen.

»Wenn du stehen bleibst«, hatte Ramon ihm geraten, »achte darauf, dass sich deine Beine nicht vollig verkrampfen, sonst kannst du nicht weitergehen.«

Von einem Teil der Last befreit, bewegte Arnau weiter die Beine. Er atmete tief durch, einmal, zweimal, immer wieder. Einen Teil der Last tragt die Jungfrau, auch das hatte ihm Ramon gesagt. Mein Gott! Wenn das stimmte, wie viel wog dann dieser Stein wirklich? Er traute sich nicht, den Rucken zu strecken. Er tat weh, schrecklich weh. Er ruhte sich eine ganze Weile aus. Wurde er sich wieder in Bewegung setzen konnen? Arnau blickte sich um. Er war allein. Nicht einmal die anderen Fuhrleute nahmen diesen Weg, sondern den zum Stadttor Trentaclaus.

Ob es wohl ging? Arnau sah in den Himmel. Er lauschte in die Stille und hob dann mit einem Ruck den Stein wieder an. Seine Fu?e setzten sich in Bewegung. Erst der eine, dann der andere, erst der eine, dann der andere …

Am Cagalell legte er eine weitere Rast ein, den Stein auf einen Felsvorsprung gestutzt. Dort erschienen die ersten Bastaixos, die bereits auf dem Ruckweg zum Steinbruch waren. Niemand sagte etwas. Sie sahen sich nur an. Arnau biss die Zahne zusammen und hob den Stein wieder an. Einige Bastaixos nickten ihm aufmunternd zu, doch keiner von ihnen blieb stehen. »Es ist seine Herausforderung«, sagte einer von ihnen, als Arnau ihn nicht mehr horen konnte. Er blickte zuruck und sah, wie sich der Stein langsam vorwartsbewegte. »Er muss alleine zurechtkommen«, pflichtete ein anderer bei.

Als Arnau die westliche Stadtmauer und das Kloster Framenors hinter sich gelassen hatte, begegneten ihm die ersten Einwohner Barcelonas. Er konzentrierte sich weiter auf seine Fu?e. Er war schon in der Stadt! Seeleute, Fischer, Frauen und Kinder, Werftarbeiter, Schiffszimmerleute – alle beobachteten schweigend den schwei?uberstromten Jungen, der sich mit schmerzverzerrtem Gesicht unter der Last des Steins krummte. Alle starrten auf die Fu?e des jungen Bastaix, denen Arnaus ganze Aufmerksamkeit galt, und alle feuerten ihn wortlos an: einer vor den anderen, einer vor den anderen …

Einige schlossen sich Arnau schweigend an, und so erreichte der Junge nach uber zwei Stunden Plackerei die Kirche Santa Maria, gefolgt von einer kleinen, stillen Menschenmenge. Die Bauarbeiten kamen zum Stillstand. Die Maurer beugten sich uber die Geruste und die Zimmerleute und Steinmetzen lie?en ihre Arbeit ruhen. Pater Albert, Pere und Mariona erwarteten ihn. Angel, der Sohn des Hafenschiffers, der mittlerweile Geselle geworden war, kam ihm entgegengelaufen.

»Los!«, schrie er. »Du bist da! Du bist am Ziel! Los, komm schon!«

Von den Gerusten herunter waren aufmunternde Rufe zu horen. Diejenigen, die Arnau gefolgt waren, brachen in Jubel aus. Ganz Santa Maria stimmte mit ein, sogar Pater Albert jubelte mit. Arnau jedoch blickte weiter auf seine Fu?e, einen vor den anderen, einen vor den anderen … Bis er die Stelle erreichte, wo die Steine abgeladen wurden. Dort sturzten sich die Lehrlinge und Gesellen auf den Stein, den der Junge herangeschleppt hatte.

Erst jetzt sah Arnau auf, immer noch gebeugt und zitternd, und lachelte. Die Leute drangten sich um ihn und begluckwunschten ihn. Arnau wusste nicht, wer ihn dort umringte, er erkannte nur Pater Albert, der zum Friedhof

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