einsturzen«, erklarte er angesichts der erschreckten Miene des Jungen. »Aber weil sie so gro?, so hoch und so lang sein sollen, muss man sie sehr schmal bauen. Hoch, lang und schmal, verstehst du?« Diesmal nickte Arnau. »Unsere wird das genaue Gegenteil sein. Sie wird weder so lang werden noch so hoch, dafur aber sehr breit, damit alle Katalanen hineinpassen, vor ihrer Jungfrau vereint. Wenn sie eines Tages fertig ist, wirst du es sehen. Es wird Raum fur alle Glaubigen da sein, ohne Unterschiede, und der einzige Schmuck wird das Licht sein, das Licht des Mittelmeeres. Mehr Schmuck brauchen wir nicht. Nur den Raum und das Licht, das dort hineinfallen wird.« Berenguer de Montagut deutete auf das Gewolbe und beschrieb eine Handbewegung bis zum Boden. Arnau folgte seiner Hand mit dem Blick. »Diese Kirche wird fur das Volk erbaut werden, nicht zum hoheren Ruhme eines Fursten.«
»Meister …« Einer der Gesellen war zu ihnen getreten. Die Pflocke und Schnure waren wieder in Ordnung gebracht.
»Begreifst du nun?«
Eine Kirche fur das Volk!
»Ja, Meister.«
»Deine Steine sind Gold wert fur diese Kirche, denk daran«, setzte Montagut hinzu und stand auf. »Tut es noch weh?«
Arnau hatte den Knochel vollig vergessen und schuttelte den Kopf.
Weil er von der Arbeit als
»Was ist los?«, fragte ihn die alte Frau. »Was machst du so fruh hier?«
Arnau blickte sich in dem Raum um. Dort sa?en sie, Mutter und Tochter, am Tisch und nahten. Die drei sahen ihn an.
»Arnau«, fragte Mariona erneut, »ist etwas?«
Arnau merkte, dass er errotete.
»Nein, nein …«
Er hatte sich keine Ausrede ausgedacht! Wie hatte er nur so dumm sein konnen! Und sie sahen ihn an. Alle sahen ihn an, wie er dort keuchend an der Tur stand.
»Nein, nein …«, wiederholte er. »Es ist nur … Ich habe heute fruher Schluss gemacht.«
Mariona lachelte und warf einen vielsagenden Blick auf die Madchen. Auch Eulalia, die Mutter, konnte sich ein Lacheln nicht verkneifen.
»Nun, wenn du schon einmal fruher freihast«, riss Mariona ihn aus seinen Gedanken, »kannst du Wasser fur mich holen gehen.«
Sie hatte ihn wieder angesehen, dachte der Junge, als er mit dem Eimer zum Angel-Brunnen ging. Wollte sie ihm etwas sagen? Arnau schwenkte den Eimer hin und her. Ganz bestimmt wollte sie das.
Doch er hatte keine Gelegenheit, es herauszufinden. Wenn Eulalia nicht da war, sah er sich Gastos schwarzen Zahnstummeln gegenuber – den wenigen, die ihm geblieben waren. Und wenn keiner von beiden zu sehen war, hatte Simo ein wachsames Auge auf die Madchen. Tagelang musste sich Arnau damit begnugen, sie verstohlen zu beobachten. Hin und wieder gelang es ihm, einen raschen Blick auf ihre fein gezeichneten Gesichter zu erhaschen, das wohlgeformte Kinn, die vorstehenden Wangenknochen, die gerade, zierliche italische Nase, die wei?en, ebenma?igen Zahne und diese beeindruckenden braunen Augen. Manchmal, wenn die Sonne in Peres Haus fiel, konnte Arnau beinahe den blaulichen Schimmer ihres langen, seidigen, rabenschwarzen Haars spuren. Und ganz selten, wenn er sich unbeobachtet fuhlte, wanderte sein Blick an Aledis' Hals hinab bis dorthin, wo die Bruste der alteren der beiden Schwestern zu erahnen waren, trotz des groben Kittels, den sie trug. Dann durchfuhr ein unbekannter Schauder seinen ganzen Korper, und wenn niemand hinschaute, lie? er seinen Blick noch weiter hinabgleiten, um sich an den Rundungen des Madchens zu ergotzen.
Gasto Segura hatte wahrend der Hungersnot alles verloren, was er besa?, und dieses Schicksal hatte ihn, der schon vorher ein schroffes Wesen besa?, noch verbitterter gemacht. Sein Sohn Simo arbeitete als Gerberlehrling mit ihm zusammen. Seine gro?e Sorge waren diese beiden Madchen, denen er keine Mitgift geben konnte, damit sie einen guten Ehemann fanden. Doch die Madchen waren von einer au?ergewohnlichen Schonheit, und Gasto vertraute darauf, dass sie einen anstandigen Mann fanden. Dann hatte er zwei Mauler weniger zu stopfen.
Dazu, so dachte der Mann, mussten die Madchen ihre Unschuld bewahren. Niemand in Barcelona durfte auch nur den geringsten Zweifel an ihrem Anstand hegen. Nur so, scharfte er Eulalia und Simo immer wieder ein, wurden Alesta und Aledis einen guten Ehemann finden. Die drei – Vater, Mutter und alterer Bruder – hatten dieses Ziel zu ihrem eigenen gemacht. Doch wahrend Gasto und Eulalia fest darauf vertrauten, dass es ein Leichtes sein wurde, dieses Ziel zu erreichen, sah das bei Simo anders aus, je langer sie mit Arnau und Joan unter einem Dach lebten.
Joan hatte sich zum begabtesten Schuler der Domschule entwickelt. Schon nach kurzer Zeit beherrschte er das Lateinische, und seine Lehrer lobten diesen ruhigen, besonnenen, nachdenklichen und vor allem glaubigen Schuler in den hochsten Tonen. Bei seinen ganzen Vorzugen zweifelten nur wenige daran, dass ihm eine gro?e Zukunft innerhalb der Kirche bevorstand. Joan gelang es, die Achtung von Gasto und Eulalia zu gewinnen, die oft gemeinsam mit Pere und Mariona aufmerksam und hingerissen den Ausfuhrungen des Jungen uber die Heiligen Schriften folgten. Nur die Priester konnten diese lateinischen Bucher lesen, und nun sa?en die vier in einem bescheidenen Hauschen am Strand und konnten den heiligen Worten, den alten Geschichten und den Botschaften des Herrn lauschen, die sie zuvor nur von den Kanzeln herab gehort hatten.
Doch wenn Joan die Achtung seiner Mitbewohner gewonnen hatte, so stand ihm Arnau in nichts nach. Selbst Simo betrachtete ihn mit Neid. Ein
